Seekarten-App der Ostsee: Vergleich Raster vs. Vektor

Detlef Hoepfner

Auf der boot 2019 zeigte der NV-Verlag seine erste Software-Version, die auch für uns Hobbysegler die Darstellung von Vektorkarten unterstützt. Aus meiner Sicht in vieler Hinsicht das „schlauere“ Format, da alle Elemente als Objekte behandelt werden, die dynamisch skaliert, mit Zusatz-/Metadaten hinterlegt werden können usw. Andererseits: Man kennt das Problem aus anderen Medien (wie umfangreichen technischen Dokumentationen), bei denen die Ansicht dynamisch generiert statt vom Layouter „gemalt“ wird: Ganz schön schwierig, das einigermaßen schick hinzubekommen. Oder bei einer Karte: So, dass man in allen Zoomstufen eine optimale Darstellung hat. Eine Rasterkarte aus Bildpunkten kann für nur eine Ansicht perfekt optimiert werden, da schiebt man halt alle Beschriftungen so lange hin und her, bis es passt. Anderes Beispiel: die handgemalten „Skylines“ in den Hafenhandbüchern von NV finde ich manchmal aussagekräftiger und mehr auf den Punkt als ein perfektes Originalfoto der Ansteuerungssituation.

Stellungnahme von NV dazu ist: „… wir arbeiten an Möglichkeiten, das in Zukunft weiter optimieren zu können. An einigen Übergängen planen wir auch weitere Anpassungen.“ Also work in progress!

Andererseits bietet die Vektorkarte eine Fülle von Zusatzfeatures. Der NV-Verlag hat bei NV Charts (Stand Mai 2019) Funktionen integriert, die eine Route bezüglich der Wassertiefen prüft und bei Problemen warnt, auch können die Sektoren von Leuchtfeuern über das ganze Display verlängert werden. Die Kehrseite: Man muss eigentlich immer mehrmals auf die Karte tippen, um beispielsweise nicht eine Liste aller Pfähle im Hafenbecken, sondern die Hafenangaben angezeigt zu bekommen. Um sich selbst ein Bild zu machen, hier eine Sammlung an Screenshots: Jeweils NV Chart als Rasterkarte, als Vektorkarte und zum Vergleich die Kartenwerft-Navgo-App. In den Rasterkarten überlagert NV auch einige der Vektor-Informationen (wie Sektoren) und kombiniert die beiden Darstellungen. Die Kartenwerft-App Navgo hat ein paar Features weniger, größten Nachteil finde ich die fehlende Cloud-Anbindung für eigene Marker und Routen, und dass die Lizenz nur auf mageren zwei Devices läuft (NV: auf bis zu fünf Geräten!). Dafür kann sie wiederum extern getrackte Routen einlesen und auf den Karten darstellen, hat einen tollen virtuellen Zirkel zum Peilen und Messen und importiert aktuelle Ostsee-Revierinformationen. Andererseits funktioniert bei der noch etwas hakeligen NV-Version aktuell der Export von Markern nicht (Routen-Export scheint gar nicht vorgesehen).

Den Delius Klasing Yachtnavigator spare ich hier aus, die scheinen im Moment einen ziemlichen Hänger zu haben (obwohl ich dessen UI von allen drei Apps vor Kartenwerft – Platzverschwendung durch graue Balken – und NV Charts – bei jedem Menü ist der halbe Bildschirm verdeckt und zu vermischte Menüs – am besten finde). Bei den anderen App-Anbietern finde ich das Kartenmaterial nicht so attraktiv wie bei den „lokalen“ Anbietern. Die Apps unterscheiden sich noch in vielen anderen Details, darum soll es hier aber nicht gehen.

Nachgetragen habe ich noch iSailor – Dank an Björn Ole Pfannkuche, der damit seit Jahren unterwegs ist. iSailor ist sicherlich softwareseitig von allen Apps extrem weit vorne, und die Konkurrenz müsste eigentlich nur dessen Oberfläche kopieren, um eine super Bedienung zu bieten. Dagegen sehen andere Apps teilweise eher wie eine Entwickler-Studie aus. Etwas verärgert hat iSailor aber seine User durch das geänderte Abomodell, und die europäischen ø oder Å kennt die App gar nicht.

Brücke Lindaunis auf den Seekarten

Achtung, Falle: in einer ersten Version fehlten mir die Brückenöffnungszeiten in NV Charts. Lösung: in den Optionen muss „Markierungen/Info“ aktiviert sein!

Zoomstufe kleiner Belt / Kieler Bucht

Svendborgsund

Die Aktivierung der Leuchtfeuersektoren (hier in der Vektordarstellung) bzw. deren Deaktivierung sind etwas gewöhnungsbedürftig. Info von NV: „Die Leutturmdarstellung ist eine Funktion, die wir aktiv zur Gestaltung der Kartographie nutzen und die hervorgehobene Darstellung der Sektoren ermöglicht, diese sichtbar zu behalten, selbst in der Routenbearbeitung. Um jedoch auch in der Routenbearbeitung (nicht bei der ersten Erstellung der Routen, sondern insbesondere der Nachbearbeitung) die Sektoren noch sichtbar zu behalten, was eine Routenplanung nach seemännischer Praxis ermöglicht, ist es leider notwendig, die [Sektoren] erst mit einem Long-Tab wieder zu deaktivieren. Neben der hervorgehobenen Darstellung aller Sektoren mit deren jeweiligen Reichweiten stellt die App auch einige Sektoren bereits in der normalen Darstellung hervorgehoben dar. Wir sehen das – neben der Information – auch als Gestaltungselement, welches das Lesen und Verstehen komplexer Fahrwassersituationen erleichtert.“

Fahrwasser Troense

Die anfangs falsche Vektordarstellung des Leuchtfeuers von NV ist mittlerweile behoben.

Ansteuerung Marstal, Mørkedyb-Rinne

Hafeneinfahrt Marstal

Rote Tonnen in Pink bei den Vektorkarten? So wie Tankstellen, Hafensymbole und und und? NV findet das klarer, ich finde es unlogisch und einen weiteren Punkt, wo das Gehirn wieder zusätzlich „umrechnen“ muss: Grüne Symbole sind grüne Tonnen, pinke Kleckse sind aber mal Tankstellen, mal Wracks, mal Wegpunkte und auch mal rote Tonnen. Immerhin ein Fortschritt von schwarz-weiß und vielleicht gibt es mal eine Alternative zum Barbie-Skin 😉

Routenplanung

NV Charts bietet eine Routenprüfung, Kartenwerft NavGo, iSailor und Delius Klasing Navigator einen Messzirkel/Peillineal. Update zu NV: An dieser Linealfunktion arbeitet man dort bereits.

Wetter und Strömung – welche Quelle stimmt nun …

Die Winddaten sollen laut NV „richtigen“ Wetter-Apps keine Konkurrenz machen – persönlich würde ich sie dann lieber weglassen (oder kostenpflichtig gute Daten importieren können, zumal z.B. Wetterwelt schon windabhängige Routing-Funktionen integriert). Cooler sind wohl die Strömungsdaten, hier im Beispiel mögen die Unterschiede übrigens auch daran liegen, dass zu der Zeit nur minimaler Strom ging. NV dazu: „Spannend finden wir, auch als Ostsee-Segler,  jedoch auch die Strömungen, die auf einem Operativen Modell beruhen, die meteorologischen Einflüsse berücksichtigen und so eine Prognose der Strömungen in der Ostsee ermöglichen.“

Hafeninformationen Troense

Benutzte Hardware

Die Screenshots entstanden auf einem iPad Pro 10,5 ” im PNG-Format, evtl. sichtbare Bildstörungen stammen also aus der App-Darstellung. Der Cloud-Sync erfolgte zu einem iPhone 7 (dort lief NV Charts Anfang Mai aber noch hakelig: z.B. manchmal keine Vektor-Funktion auswählbar, Leuchtfeuer-Sektoren manchmal ohne Farbbalken und schwer anwählbar).

In NV Charts wurden die Online-Karten geladen, die man nach der App-Installation frei erproben kann. In der Kartenwerft-App lief eine erworbene (und aktuelle) Kartenlizenz.

PUR: positive Schwingungen für Publikum & Crew

PURDetlef Hoepfner

PUR – nicht unbedingt mein musikalischer Favorit. Aber ein langjähriger Branchen-Begleiter: Angefangen bei vielen guten Kontakten zu Dieter Falk, Frieder Baer, Holger Schader bis zu meinem aufschlussreichen Gespräch mit Patrick Eckerlin vor ein paar Wochen auf der aktuellen PUR-Tournee. Anfangs ging es noch darum, Band, Technik und Infrastruktur überhaupt an den Start zu bekommen, dann zu digitalisieren. Man glaubt es kaum: meine Fotos vom PUR-FOH mit einem Digitalpult-Dinosaurier und Media-Numerics-Rocknet (später von Riedel übernommen) stammt erst aus 2010. Heute gerät in der perfekt geölten Tour-Maschinerie wieder der Mensch neu in den Mittelpunkt: Wie hält man auch die Crew hinter den Kulissen fit und bei Laune? Das ganze Gespräch gibt es hier bei Production Partner.

Audio Talk pl+s 2019: Zukunft von Pro-Audio

Audio TalkDetlef Hoepfner

Was ist neu auf der Messe? Eine der ersten Fragen, wenn man sich jährlich auf der prolight+sound trifft. 2019 kam zwar hinzu: Schon die Vintage Audio Show gesehen? Wichtig für das heute aber bleibt, welche Audio-Trends im eigenen Markt nicht verpasst werden dürfen. Sei es als Systemplaner, in einem Veranstaltungstechnik-Betrieb, in der Elbphilharmonie oder wenn man in Afrika 200.000 Menschen allein von der Bühne aus beschallen soll. Mit Michael Thöne (Geschäftsführer Thöne & Partner Veranstaltungstechnik), Derek Murray (Technical Director CFAN), Jonathan Hammoor (System Engineer Elbphilharmonie Hamburg) und Audio & Acoustics Consultant Prof. Dr.-Ing. Anselm Goertz diskutiere ich dies auf der prolight+sound 2019 in unserem Facebook-Livestream, der nun auch auf Youtube liegt. Mein herzlicher Dank an die vier Kollegen, die sich im Messetrubel Zeit für uns genommen haben sowie an meine Kollegen von Sound&Recording, auf deren Fläche „Studioszene“ wir mitarbeiten durften. (Das sind die Kollegen, die mir immer mit Bier durchs Bild laufen 😂)

Direkte Video-Sprungmarke zu Jonathan Hammoor (System Engineer Elbphilharmonie Hamburg)

Direkte Video-Sprungmarke zum gerade aus Afrika zurückgekehrten Derek Murray (Technical Director CFAN)

Direkte Sprungmarke zur Vorstellung von Michael Thöne(Thöne & Partner Veranstaltungstechnik)

Video: 105 Seemeilen rund Ærø

Folkeboot-VideoDetlef Hoepfner

Kamera und Smartphones hat man unterwegs eh dabei – also warum nicht die Video-Schnipsel, die bei einer Woche Segeln mit dem Folkeboot „Jacaranda“ (Baujahr 1946) von www.klassisch-am-wind.de in der Inselwelt um Ærø, Fynen, Langeland entstehen, zusammenkleben? Bei der Fingerübung in FCP X gleich noch dessen Audio-Processing ausprobieren, ein paar 360°-Sounds von Sennheisers Smart Headset unterlegen, fehlt nur noch gute Musik: Gibt es neuerdings auch in richtig guter Qualität von Anbietern wie www.bensound.com. Also: Anlage aufdrehen oder Kopfhörer auf für ein wenig Sail, Sounds und Soul, bis es im Frühjahr 2019 wieder aufs Wasser geht!

AV-Technik „pur“ – die neue Ausgabe 2/2019 von Production Partner

Production Partner 2/2019Detlef Hoepfner
Production Partner 2/2019
Detlef Hoepfner Tipps von der PUR-Produktionsleitung in Production Partner 2/2019

Über Messeauftritte im Budgetumfang einer halben Eigentumswohnung freut man sich in der Veranstaltungstechnik ja eigentlich. Ungewohnt dagegen ist, als Veranstaltungstechniker selbst Ziel der Ansprache zu sein: Auf der ISE ballerten die Hersteller wieder aus allen Rohren. Da wurden nicht nur große LED-Wände und Zwischendecken in benachbarte Hotelsäle gezogen, um neue Deckenlautsprecher und Großbeschallungs-Arrays oder den nächsten UPA-Nachfolger zu zeigen. Auch das RAI, vor dem Messeumzug nach Barcelona zum vorletzten Mal Messestandort, platzte wieder aus den Nähten. In einer „Audiohalle“ wie der 7 blickt man ja noch durch, aber wer als Aussteller den ganz großen Aufwand nicht treiben kann oder will, ist auf der ISE mittlerweile auch räumlich oft unauffindbar abgehängt. Da passt gut, dass wir nicht nur eine der Messepremieren „Jahrgang 2019“ bereits in einem Stadion installiert präsentieren können, sondern eine weitere Neuheit schon den Weg in die aktuelle Ausgabe 2/2019 von Production Partner gefunden hat: Powersofts neue Serie mit einem „T“ wie „Touring“ auf der Front haben wir – nicht weniger rücksichtslos als Coemars Ledko oder den 2600er Vari-Lite zerlegt. Noch eine ISE-News: zu Fohhns eigener Simulation legen wir noch einen Preview dazu.

Und dann die sich überschlagenden Netzwerkthemen. Allein mit der Teilnahme an den ganzen Statements hätte man gefühlt 14 Tage verbringen können. Ständig neue Heilsversprechungen hier, „haltet mal den Ball flach“-Relativierungen dort. Dante kann jetzt auch Video? Ja – „irgendwie“, müssen wir in unserem Dante-Special feststellen.

Und was nützt einem der ganze Klimbim, wenn man – wie PUR – einen Tourplan mit ausverkauften Hallen vor sich hat, und das Material vor allem funktionieren muss – tagein, tagaus? Dann kommen an entscheidenden Positionen unterm Hallendach so unscheinbare Breakout-Boxen wie in unserer neuen Testreihe zum Einsatz. To be continued.

Gestresste Nerven kann es aber auch geben, obwohl die Technikfragen geklärt erscheinen. Patrick Eckerlin berichtet, wie er als PUR-Produktionsleiter versucht, Druck aus dem Team zu nehmen. Bei einer anderen Frage aber versagen auch seine Tipps, und hier sind wir nun alle gefragt: Wie geht es weiter mit der aktuellen Gerüstbauproblematik? Schickt uns Eure Erfahrungen, damit wir hier gemeinsam weiterkommen!

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Braucht professionelle Veranstaltungstechnik Marketing?

Uwe SchneiderDetlef Hoepfner

Reicht es nicht, einfach ein geiles Produkt zu bauen? Und kann ich eine Menge Geld bei Produkten sparen, die auf überflüssiges Marketing schlicht verzichten? Mein Gespräch mit Uwe Schneider über „R&D vs. Marketing“, schöne Logos und coole T-Shirts , der die Markenauftritte und Kommunikation von Firmen wie d&b und Yamaha mit entwickelt hat: Print-Version hier, online dort:

https://www.production-partner.de/blog/uwe-schneider-braucht-professionelle-veranstaltungstechnik-marketing/

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boot 2019 – wird nicht langweilig!

Segeln in VRDetlef Hoepfner

Wetter grau, Arbeit viel, Outdoor-Leben wenig – im Januar kommt die Messe boot wie gerufen. Von Trade Shows habe ich eigentlich mehr als genug in meinem Leben gesehen, aber diese ist fast wie ein Tag Urlaub. Jedenfalls, wenn man den Luxus genießt, sich einfach nur als Besucher durch die Hallen treiben lassen zu können.

Detlef Hoepfner (Sehr guter) Wettervortrag von Meeno Schrader beim Magazin “acht” 🙂

Nach dem ersten Schock der Reizüberflutung schnell Rückbesinnung auf die kleine, am Vorabend zusammengestellte To-Do-Liste: Bei der Wetterwelt endlich die Seaman-App erklären lassen. Das Team war super nett, die App ist sicher gut, mit der Darstellung aber komme ich nach wie vor nicht so klar (z.B. im Gegensatz zu Sejlsikkert, das dichter an solchen Amateuren wie mir ist). Super dann der Wettervortrag des Teams zur aktuellen Klimaentwicklung und den Folgen für Segler. Zur allgemeinen Erheiterung am Stand einer Zeitschrift, die sich kurz nach Messestart noch als “acht” zu erkennen gab. Weiter dann zum Versicherungsmakler: Kleiner Schwatz über Marketing, die möglichen Versicherungen – und ich nehme wohl einfach die gleiche Skipperversicherung, wie in den Vorjahren.

Seekarten-Apps – endlich geht’s weiter

Nächste Aufgabe: Was tut sich bei den Seekarten-Apps? Kartenwerft ist leider wieder nicht da, will aber seine App vor dieser Saison komplett erneuern. Bei Delius-Klasing ist der Yacht-Navigator wohl etwas im Stottermodus, wir sollen uns im Frühjahr wieder erkundigen. Navionics sieht unverändert aus, ich habe da aber immer so das Gefühl einer “Angler-App”. Timezero ist mir zu überfrachtet, hilft mir auch jetzt nicht, dass ich Radar einblenden könnte.

Also noch zum NV-Verlag. Da fand ich bisher weder die Kartendarstellung so gut wie bei der Kartenwerft, noch die Darstellung der Software NVchart auf kleinen mobilen Geräten gelungen. Um nicht zu sagen: Total Murks. Von der sagen wir mal vorsichtig “etwas distanziert-steifen Stimmung” am Messestand ganz abgesehen. 2019 nun die Riesenüberraschung: Die App ist komplett neu, läuft auf Smartphones, Tablet und diversen Desktops, synct dazwischen die Routen und – TATAA – schmeißt endlich die Rasterkarten über Bord und bietet (jetzt schon in der Ostsee) nach der nötigen Umstellungsarbeit ab 2019 Vektorkarten. Also Klick auf ein Objekt, und es geht nicht irgend ein “gemaltes” Fenster halb neben dem Bildschirm auf, sondern eine 1A skalierte Darstellung, welche die vielen hinterlegten Zusatzinformationen anzeigt, und wenn es nur eine Mooring-Boje ist. Es gab ja immer viele Argumente für die Rasterkarten, und manchmal sind die ja auch schön hingepinselt (mein Favorit bisher in der Darstellung: eindeutig Kartenwerft). Aber zwischen den Zeilen spürte man doch meist heraus: Das war den Verlagen bisher einfach zu viel Arbeit, und die Raster-Papierkarte der Umsatzbringer. Die Einblendung von Wind/Wellen/Hafeninformationen lief in der Vektorkarten-Demo auf der Messe noch nicht, sollen aber in den nächsten Wochen noch vor der Saison 2019 folgen. Und wenn Jeppe Scheidt (Hydrograph beim NV-Verlag und Spezialist für Seevermessungen) einmal ins Erklären kommt, hört er gar nicht mehr auf: Es stecken etliche Kartographen-Besonderheiten drin. Die Lizenz für die App (5 Devices) ist bei den Papierkarten dabei, gibt es dann aber auch ohne Papierkarte als In-App-Kauf. Man traut sich kaum zu nörgeln, wenn das demnächst alles am Start ist: Aber ein Import unserer extern getreckten GPX-Files wäre natürlich das i-Tüpfelchen.

Segeln in VR

Eine gelegentlicher Winter-Törn auf dem uralten Sailsimulator macht mir immer noch Spaß, im Jugend-Winterprogramm werfen wir auch einmal Tactical Sailing an (ebenfalls neue Version 2019). Auf der boot waren die Bildschirme zum virtuellen e-sport-Racing durchgängig belagert, per VR-Brille konnte man sich aber auch an Bord eines Bootes versetzen, dass etwas flotter unterwegs ist. Schon cool, virtuell vom Heck aus das Team bei den Manövern zu beobachten und sich dank 360°-Video zwischendurch umzusehen, was die Verfolger machen. Einen Schritt weiter geht es bei www.sail24.com in Halle 11: Hier taucht man mit sehr hochwertiger VR-Hardware in eine VR-Simulation ein, kann sich an Bord der Yacht bewegen – und diese dann per Controller in Bewegung setzen und selbst steuern.

Und schon sind acht Stunden rum – schnell noch eine tolle Mütze bei Rymhart kaufen, Manu bei Rooster besuchen, in der Baltikum-Themenwelt mit einem Hafenmeister aus Lettland palavern und ab nach Hause. Die Saison kann dann langsam beginnen!

„Age Of Sail“ – Storytelling in Virtual Reality

Age Of SailsJohn Kahrs / Google Spotlight Stories
“Age Of Sail” ist eine maritimes Video-Kleinod von John Kahrs, dem man in vielen Details abspürt, dass der Erzähler selbst viel Zeit auf dem Wasser verbracht haben. Das aber vor allem als Virtual-Reality-Version in Google Spotlight Stories angelegt ist: Je nach Smartphone-Position verändert sich nicht nur die optische Perspektive auf See, sondern auch der Sound. In statischer Position finde ich den Sound so na ja und mäßig immersiv, Herausforderung war aber natürlich, die Ortung der gewählten Perspektive dynamisch artefaktfrei nachzuführen. Beim Animation World Network gibt es ein paar Hintergründe zu der Produktion, die aufwändiger war, als man im ersten Moment denkt: Eine Herausforderung war neben der Frage, wie man hier ein Storyboard anlegt, lustigerweise die Sorge, beim Betrachter Seekrankheit zu vermeiden – hält man besser die virtuelle Kamera stabil, das Boot oder den Horizont? Die VR-Version gibt es hier (iOS) zu sehen https://itunes.apple.com/de/app/google-spotlight-stories/id974739483?mt=8 oder androidisiert hier http://onelink.to/adde8q Die “normale” Theater-Version liegt hier auf YouTube: Nicht nur der Produzent des Films übrigens meint: Einmal in VR angelegt, ließen sich zwar die Kamerafahrten und Perspektiven in der Produktion perfekt positionieren, und die eigene Position mitten im Geschehen ist faszinierend – aber auch die “normale”, Non-VR-Version sei ganz schön gut … Dem kann man zustimmen und hinzufügen: Eine gute Story lässt sich auch mit ein paar Zeichnungen auf Papier nicht viel weniger überzeugend erzählen.

105 Seemeilen rund Ærø

FolkebootDetlef Hoepfner
Nur noch wenige Meter bis zum Steg. Bis zu einem der Stege. Armin und ich sind uns selten uneins, hier aber unentschlossen – welche der in sehr luftigem Abstand ins Hafenbecken gesetzten Pfahlreihen passt am besten zu unserem kurzen Folkeboot, wo ist das vom regennassen Algenschmier seifenglatte Holzplateau nicht ganz so hoch? Von Mommark kommend hatten wir uns bei ständig zunehmendem Wind und einigen Schauern das Stück bis Lyø hochgearbeitet, uns am Wind herantastend an Fynens Südwestspitze steuerbord gehalten und die lange, flache Nord-Landzunge Lyøs umrundet. Karte und GPS im Blick – neben dem ins Meer greifenden Naturschutzfinger wird es flach – nehmen wir das Groß runter und rauschen nur unter Fock auf die Hafeneinfahrt zu, die noch gut zu erkennen ist. Danach würde es laut Hafenhandbuch aber bei Seitenwind zackig um die Ecken gehen. Also noch den Außenborder aus der Halterung gewuchtet, Benzintank auf, und der Zweitakter schiebt uns die letzten Meter durch die rostigen Spundwände der Einfahrt, dreht den langen Kiel trotz Wind auch um die Kurven. Die Leinen liegen klar, denn welcher Ort es jetzt auch wird: der Wind drückt uns dann seitlich, eine zügig festgemachte Leine an einem Punkt in Luv macht Sinn.
Weiter nordwärts
Außenborder
Armin Pech
Erfolgreiche Fehlersuche: durch den fehlenden Sprit im Filter kamen wir auf den Riss
Erst in Form eines ausgiebigen Frühsports mit diversen Gas- und Choke-Einstellungen. So aufgewärmt, gehen wir systematisch vor: Motorabdeckung auf, Spritfilter checken. Stellen fest: dort ist offenbar kein Tropfen Benzin mehr drin. Tank checken – voll. Tankdeckel – Lüfter ist auf. Tank steht gerade, Ansaugstutzen ist unter dem Sprit-Level. Alles tip-top. Gummiball zum Pumpen. Der kommt uns übrigens seit gestern etwas komisch vor. Sonst nix zu sehen, auch nicht an der Leitung. Warum kommt dieser elende Sprit nicht am Motor an? Armin dreht den Schlauch noch einmal aus der Ruhelage hin und her – da klappt ihm ein Leitungsriss direkt am Pumpball entgegen: Ab hier herrschte also nur noch frischer Meerluft-Flow in Richtung Heck zum Motor, wenn man durch Schwenk des Motors leichten Zug oder Drehung in den Schlauch brachte. Uns fällt ein Riesenstein vom Herzen, und merken erst jetzt, wie sehr uns diese tourentscheidende Frage doch im Magen lag. Das Werkzeug ist schnell ausgepackt, der Schlauch gekürzt, Schelle drauf, zwei-, dreimal pumpen – Motor läuft. Wir schnappen unsere Jacken, checken zum hundertsten Mal die Festmacher und erkunden die Insel. Nur eine Handvoll zerzauster Segler und zwei, drei Einheimische sind zu sehen. So malerisch diese ganzen Inseln auch sind: oft verbreiten sie ja doch eine etwas verstörende Verlassenheit. Hochwertigst restaurierte und verfallene Häuser wechseln sich ab, aber die Edelferienhäuser (oder Wertanlagen) kommen mir besonders spooky vor, so verlassen in der Vorsaison. Am Wegesrand ein offener Verschlag mit Spardose – hier decken wir uns mit ein paar Gläsern selbstgekochter Marmelade ein und erweitern unseren Bordproviant um eine weitere Geschmacksrichtung „Kirsche“. Bloß aufpassen, dass im Geldschlitz nicht die falschen Münzen landen und wir beim nächsten Hafenautomaten unter der Dusche im Trockenen stehn.
Karten
Schweinswale
Detlef Hoepfner
Wenig Wind = schöne Sicht auf die Schweinswale
Wir trimmen hier und da, aber alle Tricks ändern nichts daran, dass man bei einem knappen Knoten Fahrt pro Stunde keine ganze Seemeile gutmacht. Wir gehen ungern so früh an den Treibstoff, andererseits: „Windenergie“ würde sich uns die nächsten Tage noch zur Genüge bieten. Der Norden ist im Juni auch um zehn noch hell, das kommt uns nun zugute. Aber dann sollte man doch im Hafen sein, schon um Mommarks Hafenmeisters legendäre Jagdhorn-Einlage nicht zu verpassen. Hinten brummt der Zweitakter, am Bug spritzt es wieder, wenn auch Motorboot-gleichförmig statt Segel- oder Wellen-moduliert. Sehr spät legen wir nach den ersten 20 Seemeilen in Mommark an, proppevoll am Samstagabend, außer uns bewegen sich am Hafen nur noch ein paar Anglerboote – und die entgegenkommend. Dankbar sind wir der vorausschauenden Crew der in der Hafenenge liegenden Peltrine, einem über 100 Jahre alten See-Ewer: Zwar haben wir oft genug vergleichbare Vorsegel an ähnlichen Schiffen gesetzt und geborgen, aber ob wird beim engen Manövrieren aus unserer tiefen Folkeboot-Perspektive heraus an den weit ausladenden Klüverbaum weit über uns gedacht hätte, ohne den dran baumelnden orangen Kugelfender …
Video von der Tour gibt’s hier
Folkeboot
Detlef Hoepfner
Armin macht ein Nickerchen – und doch mal dichte Klamotten anziehen
Lyø halten wir gut in Erinnerung, nicht nur vom benzinschlauchbedingten Anlegen in Etappen und hilfreichen (statt nur gaffenden) Seglern, sondern einem wunderbaren Naturschutzgebiet, langen, knorrigen Alleen und dem mystischen „Glockenstein“. Viel Gelegenheit, den Tag wunderbar auf der Insel zu vertrödeln, umgeben vom schäumenden Lillebælt.
Klokkestenen
Detlef Hoepfner
Piraten achteraus?
Zeitgleich kommen große Traditionssegler von Faborg um die steilen Klippen gebogen, uns entgegen oder holen von achtern sich aus dem Horizont erhebend auf. Was für eine phantastische Kulisse! Wir halten ihre Kurse im Blick, setzen uns etwas dichter dazwischen. Ein einfach überwältigendes Panorama aus kräftigem Wind und langen Wellen, streifendem Salz- und Regenwasser, als groß gepinselte Patinaflächen dazwischen cremefarbenes Segeltuch. Zögen jetzt noch Kanonendonner und Pulverdampf übers Wasser, es würde einen fast nicht wundern. Nach rund einer Stunde hat der Spuk ein Ende, wir sind wieder allein und es stellen sich die Alltagsfragen: Das häßliche Kümo vor uns – in Fahrt, vor Anker, oder weiß es das gerade selber nicht? Es dauert nicht sehr lange (Kartenausschnitt, und Blick auf die Delius-Klasing-App) bis nach 18 sm Ærøskøbings aufgereihte Badehäuserzeile erreicht und ein guter Platz gefunden sind: Eine ganz leere Hafenecke, gegen den Wind geduckt hinter einer massiven Steinmole, das dänisch-bunte Muster hölzerner „Badehuse“ direkt vor Augen. Im Boot offenbar sich nach dem Anlegen das typische Chaos: Vorm Hafen grob aufgetuchte Segel. Leinen überall. Jacken, nasse Hosen, Rettungswesten. Karten, Kamera, Tablet, Fernglas, Funk. Unter Deck noch Baumstütze, Fender, Zelt … Dass man abends überhaupt noch ein Lücke für den Schlafsack findet! Armin möchte aufräumen. Ich will zur Werft. Armin zeigt auf das maritime Chaos rund um uns. Ich auf die leeren Liegeboxen rechts und links: Hier ist niemand, der uns verpfeifen könnte – wir sind doch unter uns! Und der Werft-Shop führt manchmal Weihnachtsschmuck. Damit kann man bei der häuslichen Genehmigungsstelle für ehemännliche Erkundungsfahrten zwecks turnusmäßiger Vermessung der Dänischen Südsee sehr erfolgreich Punkte sammeln. Armin möchte aufräumen. Wenigstens etwas. Wir einigen uns, müssen dann zu Fuß schnell einmal durch den ganzen Hafen, sind Viertel vor Fünf an „Det Gamle Værft“. Die soeben geschlossen hat! Durchs Fenster sichtbarer Krimskrams in den Werftregalen schaut aus, als hätte er daheim etwas bewirken können. Nun werden wir uns für 2019 was einfallen lassen müssen. Aber Segelklamotten, die schon aufgehängt gut trocknen, haben ja auch ihr Gutes.
Detlef Hoepfner
Fähre
Detlef Hoepfner
Wo bin ich 😉
Wir schleichen um die Bootsbaustellen und schlagen uns in die Nebengassen. Eine schöner als die andere, gehalten in farbenfrohen, aber nicht übersättigten Farben, flaniert von den hier typischen Stockrosen. Von der Nørregade schaut man durch die offenen Fenster in dänisch designte Wohnräume. Und blickt durch deren hintere Fenster gleich weiter durch auf die Ostsee. Die Jahreszahlen auf den Giebeln verraten, dass man schon in den 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts wusste, wie es sich schön wohnen lässt, ganz ohne Fototapete oder Riesenglotze an der Wand.
Æroskøbing
Kurs Marstal
Detlef Hoepfner
Kurs Marstal
Die Segelwoche neigt sich, es ist nochmal sehr viel Wind aus Nord angesagt. Die Richtung passt perfekt, wir haben gut geplant. Nur zwei Tage drauf ist endlich nachlassender Wind angesagt, wenn wir wieder einen sehr lange Schlag zurück nach Deutschland vor uns haben. Aber jetzt schon ganz zurück … doch lieber Zwischenstopp in Bagenkop. Raus aus Ærøskøbing pfeift es wieder ordentlich. Das Groß ist angeschlagen, aber nicht gesetzt. Wir hoffen, allein mit sehr reduzierter Segelfäche – unter Fock – bei kräftigem Nordwest auf Halbwindkurs mit Kurs auf Drejø so viel Höhe halten zu können, um von dort in die Mørkedyb-Rinne hinunterzurutschen. Die Welle nimmt ordentlich zu, die paar Segler um uns rum schauen von deutlich größeren Booten auf uns runter. Sie könnten notfalls auch unter Motor einen Kurs „erzwingen“. Wir dagegen müssen uns völlig an die Situation adaptieren.
Mørkedyb
Detlef Hoepfner
Fahrwasser-Wirrwarr vor Marstal – und das Trockendock ist weg
Also Ausschau gehalten, ob man den nächsten betonnten Haken Richtung Marstal nicht etwas mildern und abkürzen kann, ohne das Boot auf eine Sandbank zu setzen. Am Ende der Rinne bietet sich dazu nach SW ein Schlag über „Meyers Grund“ an, angesichts des Seegangs mit deutlichem Abstand zu den Tiefenangaben, die mit einer „2“ vor dem Komma in der Karte stehen. Vor Marstal angelangt gilt es dann, die richtige Betonnung der drei Fahrwasser plus Hafenzufahrt statt der vorgelagerten Steinmole zu erwischen – nur unter Vorsegel bei dem vielen Wind und ohne Option, unter Motor zu korrigieren gibt es hier auch nur einen Versuch, richtig abzubiegen. Wir hatten überlegt, noch einen Zwischenstopp einzulegen, den Tag extra hätten wir dafür. Aber morgen soll das Wetter komplett kippen, statt kräftigem Nordwest plötzlich Südwest. Wir möchten hier nicht plötzlich eingeweht werden und denken, dass wir weiter südlich auf Langeland besser aufgehoben sind, um von dort bei SW zurück nach Deutschland zu kommen. Also weiter. Backbord schimmern mit klarer Farbkante abgegrenzt die Sandbänke dicht am Fahrwasser, die Kulisse von Marstal zieht beim Kurs Süd steuerbord vorbei, mit gewöhnungsbedürftigem Umriss: Jahrzehnte gezeichnet von den in den Himmel ragenden Fingern der Kräne und dem kastigen Schwimmdock der Marstal Værft, deren landschaftsprägende Stahlmonster aber 2017 nach Svendborg verlegt wurden. Schön war anders – aber irgendwie fehlt einem diese Landmarke jetzt doch.
Strom
Hafen Bagenkop
Detlef Hoepfner
Besser kann es einem nicht gehen
Die vielen freien Boxen liegen leider alle quer zum Wind, der Winddruck nur im Rigg reicht aus, unser festgemachte Boot zu krängen. Noch hoffen wir, einen der später einladenden Segler neben uns locken können für etwas Deckung. Stattdessen gibt es zwar gut zu tun, von ebenso zerrupften Seglern Leinen anzunehmen. Aber ihre fetten Motoren, mit denen sie mehr oder weniger erfolgreich versuchen, ihre Anleger kontrolliert verlaufen zu lassen, wühlen das halbe Hafenbecken rund um uns auf und es ist dann vielleicht doch besser, dass wir alle etwas Abstand halten. Nebenan werden die gemessenen Windgeschwindigkeiten diskutiert, und unser Zelt fürs Cockpit bleibt fest weggepackt. Und da wir ja bei dem Gepfeife kaum den Gaskocher in Gang bekämen, müssen wir leider, leider, ausnahmsweise im Hafenkiosk Riesenportionen Langelænder-Pommes und ein paar dicke Burger verdrücken. Nur ein Pølser reicht heut nicht. Aber auf einem Stuhl zu sitzen, ohne dass einen der Wind wegdrückt – das ist auf einmal ungewohnt. Wir gucken weiter Wetter, Wetter, Wetter: Morgen, am vorletzten Tag, kräftiger Südwest. Übermorgen dann deutlich weniger – yieppieh, zuletzt noch ein ruhigerer Segeltag? Wir laufen nochmal zur Hafeneinfahrt, schauen uns den Seegang und ein paar dazwischen einlaufende Angler und Segler an, klettern auf den kleinen Aussichtsturm: Da möchten wir jedenfalls so bald – und vor allem in Gegenrichtung – nicht wieder durch.
Bagenkop
Klippen
Detlef Hoepfner
Die Klippen, jetzt von See aus
Kurs auf die deutsche Ostseeküste
Leuchtturm Schleimünde
Detlef Hoepfner
Zurück am Leuchtturm Schleimünde
Schlei
Detlef Hoepfner
Gesamte Runde um Ærø mit 105 Seemeilen (knapp 200 km)

Sailing-Sounds recorden

Recording better sailing soundsDetlef Hoepfner
[ english version] Vorbeirauschende Luft sorgt nicht nur für unsere Fortbewegung auf dem Wasser, sondern auch für eine wunderbare Sound-Kulisse. Diese Eindrücke auf einer Audio-/Videoaufnahme einzufangen, ist schwierig – der Windzug sorgt im Mikrofon für Artefakte, die viele Aufnahmen unbrauchbar machen können. Das muss doch besser gehen? Erste Versuche mit einem Immersive-Sound-Headset – hier im Video, unten beschrieben. Ohne Luft kein Klangtransport zu unseren Ohren. Nur dumm, dass Mikrofone nicht unterscheiden können zwischen gewünschtem Wohl- oder Dramaklang und einer Böe, die es in der Aufnahme einfach nur poltern und krachen lässt. Und wenn man sich einmal zwingt, die ständige Audiokomensation des Gehirns auszuschalten, hört auch ohne Mikrofon im Wind: Schon der reine Windkontakt mit den Ohrmuscheln sorgt für eine zusätzliche Geräuschkulisse. Bis dahin, dass es Radfahrern deswegen schwerfällt, herannahende Autos rechtzeitig zu hören. Als Segler macht man sich dies sogar unwillkürlich zunutze: Eine scheinbare Windrichtung spüre ich einfacher, wenn ich ein wenig mit dem Kopf pendele und an den Ohren sowohl die Temperatur des Windzugs spüre als auch das leichte Rauschen an der Ohrkante. Mikrofone und ihr Gegner „Wind“ (Mikrofon-)Katzen kommen mir nicht an Bord – schon gar nicht tot Ausprobiert: Recordend rund um Ærø In-Ear-Mikrofone – eine Lösung? Segelpraxis mit dem Ambeo-Mikrofon Segler-Kunstkopf unter der Kapuze Aufnahmepositionen: man kann ja nicht weit weg auf dem Boot Audio-Nachbearbeitung der Segelfilme: funktioniert De-Wind? Windschutzideen

Kurzfassung: Tipps gegen Windstörungen in Segelvideos

  • Windeinflüsse müssen (auch vom internen)  Mikrofon ferngehalten werden
  • besser ein provisorischer Schutz (Socke ums Smartphone!), als gar keiner
  • nachträglich lassen sich Störungen nur mäßig entfernen, Hochpassfilter nutzen
  • externe In-Ear-Mikrofone liefert drastisch besseren Sound, das Set ist vertretbarer Zusatzaufwand, muss aber auch vor Wind geschützt werden. Und sei es durch die zugezogene Kapuze!

Den kratzigen Audioeffekt kennt jeder, der einmal bei etwas Wind mit seinem Smartphone eine kurze Aufnahme gestartet hat: Es krächzt einfach nur furchtbar. Mikrofone sollen zwar die feinste Luftbewegung im Schall registrieren, der kräftige Luftzug aber, der das Signal poltern oder gar clippen/übersteuern lässt, ausgeblendet sein. Dabei handelt es sich ja um die jeweils gleichen „Luftpartikel“! Umso schlimmer trifft es uns, die wir ja bevorzugt auf dem Wasser herumzischen. Und die den Wind generell eher positiv bewerten. An Bord sitzend und rundum eine Fülle positiver Eindrücke mit allen Sinnen aufnehmend bleibt dann auf dem Video oft nur ein wackeliger Horizont und ein lautes CHRRRRRRRRRRRR. Das nervt.
NDR-Dreharbeiten
Richtig mikrofoniert gegen den Wind: NDR-Dreh bei “Klassisch am Wind”. So eine “tote Katze” gilt es praktikabel nachzubilden Mike Peuker

In der Recording-Technik gibt es bewährte Gegenmittel. Am bekanntesten ist die „Tote Katze“: Um das gefederte Mikrofon wird ein großer Korb gebaut, der mit einem durchlässigen Fell ummantelt ist, sodass die Wucht des Luftzugs abgebremst wird. Besonders schnell setzen die tieffrequenten Attacken ein; kein Wunder, wenn man sich Frequenz und Wucht dieser böigen Windbewegungen vor Augen führt. Ist im Aufnahmeset kein Raum für große Körbe, behilft man sich mit direkt am Mikrofon befestigten, durchlässigen Fellstücken oder Schaumstoffbällen. Produkte und Anleitungen dafür gibt es in den Fachmedien in Hülle und Fülle. Aber: Wenn man nicht als Reportage-Team an Bord, sondern nur zu zweit in der Nässe auf dem Boot unterwegs ist – wie soll man sich dann noch um eine Mordskonstruktion mit Tonangel usw. kümmern? Hinterher sieht man dann noch aus wie die Hobbyangler, die dem armen Fisch bis an die Zähne bewaffnet auf die Pelle rücken, als würde sich da gerade eine Marine-Elitetaucher-Einheit anschleichen. Eine weitere Möglichkeit wären nicht gerichtete und besonders abgestimmte Mikrofone. DPA in Dänemark hatte dazu mal ein Video gedreht, in dem die Windempfindlichkeit von Reportagemikrofonen verglichen wurde. Entscheidend scheint nicht nur die Ausführung des Windschutzes im Mikrofonkorb, sondern auch die Kapselabstimmung selbst. Aber auch die nützen mir bei einem Spaß-Törn nix, wenn ich an der Pinne sitze und spontan denke: Wow, das muss ich schnell filmen! Denn dann habe ich nur mein Smartphone zur Hand, oder vielleicht die Kompaktkamera oder DSLR.

In den letzten Jahren haben wir bei diversen Törns in der Dänischen Südsee einige provisorische Audioaufnahmen durchgetestet, denen eins gemein war: Unsere Aufmerksamkeit galt in der Linie dem Segeln, das Recording lief irgendwie nebenher. Im Zweifelsfall gucke ich lieber einmal mehr auf die Seekarte als auf die Kamera. Ich verpasse lieber eine schöne Aufnahme als die Hafeneinfahrt. Und immer berücksichtigend: Ja, wenn man ersthaft aufnimmt, weiß man sehr genau, was zu tun ist. Aber: Fieldrecorder, ein Stapel vernünftiger Mikrofone und und und – bleibt alles zu Hause, ich habe Urlaub! Dieses Sammelsurium für das Filmen beim Segeln kam zum Einsatz:
Recorder
Schon mit einem einfachen Recorder (mit der Aussterung vertraut machen!) wird der Ton zwar deutlich besser. Muss aber danach zum Bild synchronisiert werden – und nicht vergessen, die Mikrofone vor Wind zu schützen! Detlef Hoepfner
Kleiner Digitalrecorder: Keine schlechte Idee, aber ich will nicht steuern, filmen und noch den Recorder bedienen! Etwas windgeschützt im Cockpit z.B. aber kann man schöne Basissounds einfangen, die man dann später unter “mißratene” Videoclips mischt. Will man sicher gehen: Mindestens eine Socke über die Mikrofone ziehen.Smartphone – na ja: Die meisten Videos nimmt man eh damit auf, also nutzt man auch dessen Mikrofon. Unser Smartphone steckt in einem wasserfesten, zum Modell genau passenden wasserdichten Case. Überraschung: Die Windgeräusche sind dadurch eher noch heftiger als ganz ohne Hülle. Aber zum Case gibt es keine Alternative, schon weil ich das Smartphone dadurch per Sicherungsband mal irgendwo sichern kann, damit es nicht herumfliegt. DSLR – Schrottsound: Die eingebauten Mikrofone liefern immerhin ein Stereobild, sind bezüglich Windanfälligkeit aber das pure Grauen. Man könnte Fellschnipsel draufkleben, in einer Saison habe ich immer schnell ein Halstuch um die Optik (und damit vor die Mikrofone) gewickelt. In der aktuellen Saison bin ich diesbezüglich leider etwas vergesslich geworden. Resultat: Soundschrott! Ja, es gibt einfache Aufsteckmikrofone. Aber die Kamera (derzeit D750) rollt gelegentlich beim Segelmanöver zwischen Tauen und unseren Füßen auf dem Cockpitboden herum (denn tiefer kann sie dann ja kaum noch fallen) – da stecke ich doch keinen zerbrechlichen Klimbim oben an die Kamera dran. Übrigens: Gimbal … Ja, theoretisch gute Idee. In der Praxis: Alles viel zu fummelig, empfindlich. Vielleicht eine Option, wenn man fest immer ein Smartphone “übrig” hat, es eingespannt lässt und irgendwo trocken weglegt für bestimmte Momente. Aber auf einem kleinen Boot ist eh schon alles zu viel, was man extra mitnimmt. Zumindest, wenn man – wie wir – für so eine Tour allen Segelkrempel von verschiedenen Booten zusammensammelt und auf ein geliehenes Boot umsortiert. Also trainiert der einarmige Kapitän besser weiter seinen Kameraarm und die Ausgleichsbewegungen in den Knien.

Es gibt schon länger eine kleine Szene von Nerds, die als Sonderanfertigungen  oder Kleinserien kompakte Mikrofone in der Form von In-Ear-Mikrofonen tragen und witzige Videos drehen, in denen sich ein sehr plastischer, immersiver Surround-Sound der Umgebungklänge erleben lässt. Soundman in Berlin ist einer dieser Pioniere. Sennheiser hat diese Idee 2017/2018 ebenfalls aufgegriffen und in ein Serienprodukt überführt. Superpraktisch: Es kann ohne externes Interface direkt an einem einigermaßen aktuellen iPhone betrieben werden, und es dient auch gleichzeitig als Hörer. Sport- oder Actionszenen stehen dabei aber derzeit wohl nicht an erster Stelle. Unter dem „Ambeo“-Label forciert Sennheiser darüber hinaus aber auch eine ganze Reihe professioneller Produkte rund um die Produktion immersiver Sounderlebnisse, die Kollegen von Sound&Recording stellen sie hier vor. Meine eigenen Mehrkanalton-Installationen zu Hause habe ich zwar komplett abgebaut und weggepackt – aber könnte diese Hörer/Mikrofon-Kombination für Smartphones eine Lösung sein? Für meinen Immersive-Sound-Grundlagenartikel hatte ich sowieso ein Fotomuster von Sennheisers Ambeo-Hoffnungsträger im Büro, also einmal ab damit nach draußen. Die diversen Schalter und Knöpfe haben mich direkt überfordert, also doch besser mal fünf Minuten damit beschäftigen: Es gibt einige Funktionen, die auch das Wahrnehmen von Umgebungsgeräuschen verbessern, wenn man mit den Stöpseln im Ohr musikhörend herumläuft – was ich nie mache, schon weil ich einfach solche Dinger im Ohr nicht leiden kann. Plus dass ich wenig Bedarf haben, die meist schönen Klänge um mich herum durch Alternativbeschallung zu übertönen.
Sennheiser Ambeo Headset
Sennheiser Ambeo Smart Headset mit Bedieneinheit, zwei Ohrbügeln incl. Hörern und Mikrofonen sowie Smartphone-Stecker Detlef Hoepfner
Die drei ersten Ergebnisse mit dem Sennheiser Ambeo vor dem Törn:
  • Das Sennheiser Ambeo liefert eine sehr schöne Raumabbildung. Da kann man jetzt lange nerdig über die Qualität der Vorne- oder Hinten-Ortung diskutieren – aber hey, das ist ein Consumer-Produkt. Und über die internen Wandler kann man aktiv mithören, man ist während der Aufnahme nicht isoliert. Gut!
  • Das Sennheiser Ambeo ist erst einmal nicht weniger windanfällig. Meine Hoffnung, dass Form, Abstimmung und Position der Mikrofone in den Ohren vielleicht besondere Vorteile bezüglich der Windanfälligkeit böten, hat sich leider nicht bestätigt. Dennoch sind später beim Segeln sehr coole Aufnahmen entstanden.
  • Die Handhabung ist eben wie sie so bei dieser Produktgattung ist (und mich auf die Palme bringt): Erst mal heißt es immer, die Kabel zu enttüddeln und den richtigen Stöpsel ins richtige Ohr zu bekommen. Auf Dauer würde ich mir jedenfalls rot/grüne Markierungen für Back- und Steuerbord-Ohr drankleben. Die Generation, die zusätzlich zur Nabelschnur mit zwei weiteren Strippen zur Welt gekommen ist, agiert da sicher geduldiger.

Gelegenheit zum Praxistest hatte ich sieben Tage lang auf dem Wasser und auf diversen dänischen Inseln – theoretisch. Tatsächlich mit dem Ambeo aufgenommen habe ich … vielleicht eine halbe Stunde in Summe, leider nur. Denn selbst bei einer ganzen Woche auf dem Folkeboot (einem über 70 Jahre alten Schmuckstück von www.klassisch-am-wind.de) ist man so viel mit wunderbaren Aufgaben wie Segelpraxis, Törnplanung, Wetterbeobachtung, Kartenarbeit, Kartoffelschälen oder Löcher-in-die-Luft-gucken beschäftigt, dass der ganze Elektronikkram in den Hintergrund rückt. Und sicheres Ankommen via attraktiver Routen steht bei den Touren ganz im Vordergrund. Alle Aufnahmen, die ich nun in einem Video zusammengeschnitten habe, entstanden daher zu nur zwei Gelegenheiten. Die größte praktische Einschränkung: Man hat schon eine Segeljacke an – jedenfalls bei unseren fast durchgängig sehr stürmischen Tagen. Darüber eine mehr oder weniger martialische Rettungsweste. Da ist dann vorne manchmal noch ein Lifebelt eingehakt. Das Smartphone (mit zusätzlich laufender Seekarten-App) steckt wasserdicht verpackt in der Hosentasche. Jetzt noch zwei filigrane Kabel sortieren, Mikrofonstöpsel in die Ohren, das iPhone-Case öffnen und Mikrofon und Smartphone verbinden? Bei ruppigem Wetter eine Herausforderung.
Mit Kapuze segeln
Je nach Wetter ist man eher beschäftigt, die nächste Tonne nicht zu verpassen oder von Bord zu fliegen, als jetzt noch Recording-Equipment zu installieren Armin Pech

Und dann noch der Wind. Gegen die Windempfindlichkeit testete ich zuvor einige banale Tricks, wie ein über die Ohren hochgezogenes Halstuch (kein überzeugendes Ergebnis). Unterwegs griff ich dann mehr oder weniger aus Ratlosigkeit dazu, einfach die Kapuze der Regenjacke über die Mikrofone in den Ohren zu ziehen. Dem Audioprofi dreht sich da natürlich der Magen um: Nicht wegen der Schaukelei, sondern ein „Kunstkopfmikrofon am lebenden Subjekt“ mit drübergezogener Kapuze macht jetzt nicht so viel Sinn, oder? Die ganzen Reflexionen rund um die Ohrmuschel werden ja total gestört, erhalten bleiben immerhin die Laufzeitunterschiede zwischen den Ohren. Und für die Hochtonaufnahme ist das auch nicht erste Wahl. Dabei finde ich einen Audioeffekt besonders stark: Im Folkeboot sitzt man sehr tief direkt in der Nähe der Wasseroberfläche. Die vom geklinkerten Rumpf gebrochenen Wellen rauschen direkt neben einem vorbei. Milliarden von winzigen Bläschen zerplatzen und erzeugen einen ganz eigenen Sound. Alles da in der Realität: Bässe, Mitten, feine Höhen. Ob das aufnahmetechnisch optimal ist, weiß ich noch nicht, aber super bewährt hat sich auch das aktive Mithören während der Aufnahme bei den Sennheisers: An Bord bei etwas Welle herumkletternd bekomme ich eigentlich direkt ein ungutes Gefühl, wenn ich mir die Ohren zustöpsele. In dem Moment merkt man erst, wieviel Orientierungssinn auch über das Gehör läuft. Aktiviert hört man eher so, als wären die Stöpsel nicht im Ohr – sozusagen das Gegenteil des (ebenfalls möglichen) Noise Canceling.
Aufnahme am Süllrand
Detlef Hoepfner

Aufgenommen habe ich mehrere Positionen: Tief über dem Wasser in Lee nach vorne sehen, dann nach hinten übers Heck blickend (und dadurch mehr von der Kapuze geschützt, da der Wind ja bei den meisten Kursen eher vorlich einfällt). Noch geschützter tiefer im Cockpit sitzend, wobei ein zweiter Sound immer stärker dominiert: Wenn der außen nicht glatte, sondern durch die Klinkerbauweise „stufige“ Holzrumpf in die Wellen taucht, produziert er recht fette, tieffrequente Klänge, die ich zuletzt noch im Bootsinneren aufnahm. Dort drinnen ohne Kapuze, wobei hier wenig Hochfrequenzanteile zu vernehmen sind, bis auf das diverse Geklapper von einigem Krempel (wie sicher und trocken man vorher auch alles verstaut haben mag). Die Ergebnisse sind, nachdem ich noch einen jeweils angepassten Hochpass gegen die verbliebenen Wind-Rumpler angewendet habe, angesichts der Umstände verblüffend gut! Mein persönliche Favorit im Video: Der Blick auf den Kompass im Cockpit, der wenig Wind einfing, daher noch viel Tieftoninhalt behielt und eine Mischung aus donnerndem Holzrumpf, rauschenden Wellen und den diversen Bootsgeräuschen bietet. Auch ein seitlicher Blick in Lee zum Bug bietet mir Hörgenuss: An Backbord rauschen die Wellen von vorne seitlich nach hinten vorbei, an Steuerbord dominiert der Boots-Sound, und zwischendurch klappern Details wie der Schäkel, der am Großbaum irgendwo über/hinter einem für die herunterhängende Dirk angeschlagen ist. Schwierig zu unterscheiden ist manchmal, woher einige der „Crackles“ in den Aufnahmen stammen: Es kann sich um kleine Klappereien am Boot handeln, Wasserspritzer, das Schaben der Regenjacke am Mikrofon – oder kommen sich da Mikrofon und Haare in die Quere? Also direkt mal zum Friseur, Ohren freischneiden.

Verlockend ist die Perspektive, die ganzen Fehler und Audiostörungen eines Videoclips in der Nachbearbeitung mit ein, zwei Tricks schnell zu korrigieren. Das ist im Fall der Windgeräusche eine Illusion. So lange es sich um sehr tieffrequente  Störungen handelt, kann man diese – wie bei den Ambeo-Aufnahmen unter der Kapuze praktiziert – mit einem Hochpass dämpfen. Die Windrumpler verschwinden weitgehend, damit aber auch der “Rumms”, wenn die Welle den Bug trifft. Da kann man noch ein wenig pfuschen (wie im Intro meines Videos), indem man eine saubere Aufnahme im LF druntermischt. Zur Verdeutlichung ein Beispiel, aufgenommen m Hafen: Das wiederholte Muster aus senkrechten orangen Linien sind die schlagenden Fallen rundum, auf dem rechten Ohr (unten) besonders am Anfang Windstöße, und durchgängig “Winddruck” im LF-/Tieftonbereich.
Windspektrum
Sehr kräftige LF-Störung auf beiden Ohren, aufgenommen bei wenig Wind am Ufer Detlef Hoepfner
Hochpassfilter
Hochpassfilter 200 Hz – das nimmt neben dem tiefen Rumpeln schon Grundton weg Detlef Hoepfner
mit Hochpass
Ergebnis mit HPF – das Schlagen der Fallen im Hafen ist weiter zu hören (orange Striche in Fenstermitte), der ganze tiefe Windanteil ist gedämpft Detlef Hoepfner
Besonders problematisch ist aber, wenn die Windstörungen im Frequenzspektrum sehr breit ausfallen. Und das ist meistens der Fall. Noch schlimmer: Es handelt sich nicht um einzelne, kleine Audioevents, sondern die Störung dauert mehrere Sekunden an. Meine Videoaufnahme in Luv stehen und zum Bug blickend zeigt, dass dann die Hilfe via Hochpassfilter schnell zu Frust führt: Die Aufnahme wird dann ziemlich “dünn”, weil man das Filter bis in den Mitteltonbereich hochschieben muss.
Windstoß
Der kräftige Windstoß anfangs auf dem rechten Ohr reicht im Spektrum bis über 1 kHz hinauf – per Hochpassfilterung würde hier schon viel von der Aufnahme verloren gehen Detlef Hoepfner
Aber können hier nicht moderne Features wie das De-Wind-Plugin von iZotope RX6 rettend eingreifen? Nach meiner Erfahrung: Schwierig. Die Tools sind dazu entwickelt, aus einer nicht idealen Aufnahme ein konkretes Nutzsignal – wie einen Dialog – sauber herauszuisolieren. Wir haben aber breitbandiges Meeresrauschen, lange brechende Wellen, Windheulen im Rigg – wie soll da ein Algorithmus unterscheiden, welches Rauschen gewollt und welches böse Windstörungen in der Mikrofonkapsel sind? Wie auch immer ich die Parameter gedreht habe: entweder es blieb die Windstörung, oder es gab viel Artefakte, oder beides.
Windstörungs/Wellen-Mix
Windstörungs/Wellen-Mix von Bord – das zu trennen, würde ewig dauern Detlef Hoepfner
Was dagegen möglich ist, ist das partielle Entfernen kurzer Störungen Schnipsel für Schnipsel, eventuell getrennt für L und R. Auch die Rettung via Spektral-Repair kann da erfolgreich sein. Aber wenn man sich oben einmal dieses Spektrum von Bord ansieht, aufgenommen mit einem durchschnittlichen Smartphone: Völlig übertrieben, hier jetzt nächtelang die einzelnen Windstörungen im Mikrofon (grün, hundertfach sich wiederholend) vom Wellenrauschen (blau) trennen zu wollen. Vermutlich bekäme man eher das gewünschte Nutzsignal – Wellen- und Wasserrauschen – weggerechnet …

Langer Rede kurzer Sinn: Mit den In-Ear-Mikrofonen bekommt man tolle Sounds hin, aber was auch immer man benutzt: es geht kein Weg an einem Windschutz vorbei. Und sei es eine schnell übers Mikrofon oder Smartphone gezogene Socke. Nach einiger Grübelei entwickelte ich eine weitere Idee für die smarten In-Ear-Mikrofone: Man müsste doch eine Art Kopfhörer bauen, nur als Windschutz … das Material dafür ist auf dem Weg zu mir für eine simple und eine etwas aufwändigere Idee mit mehr (gut!) oder etwas weniger Abstand zum Mikrofon. Um dann festzustellen, dass Rycote sowas bereits für die Soundman-Mikrofone baut und über die gängigen Musiker-Onlineshops anbietet. [Emoticon: flache Hand vor die Stirn schlagend …] Kann dann ja wohl nicht so abwegig sein; mehr dazu hier als Nachtrag nach erfolgter Bastel- und Erprobungsrunde!
Disclaimer: Boot gechartert bei Mike Peuker, zusätzliche Aufnahmen und Tests bei www.segeln.ruhr, kreative Diskussionen mit den Jungs von www.soundandrecording.de und www.kameramann.de in den Nebenbüros, Sennheiser Ambeo für ein anderes Thema geliehen bei Sennheiser. Und an alle SEO-Freaks, die jetzt mit Blick auf das Material hier jammern “Das macht doch so alles keinen Sinn!”: Segeln macht auch gar keinen Sinn!