Elektroauto laden – mein Learning

Stecker im SchneeDetlef Hoepfner

Kurzfristig und vorübergehend ein Elektroauto – und das noch im Winter. Geht das gut? Unverhoffte Customer Experience mit einem BMW i3 von Starcar

„Ach ist das alles kompliziert“? Aber wir verstehen in Deutschland doch selbst Abseits-Regeln und kennen 15 Sorten Katzenfutter, da wird man wohl auch den Stecker ins Auto bekommen. Los geht’s!

Ein aus Frust über die mangelnde Dynamik im Automarkt und eigenem, etwas voreilig positioniertem Elektro-Interesse gemieteter BMW i3 sollte nur zwei Tage eine Mobilitätslücke schließen. Aufladen war angesichts kurzer Strecken eher nicht geplant, aber mit dem – vermeintlich serienmäßigen – Schuko-Kabel des i3 wollte ich zumindest mal die Rasenmäher-Steckdose testen (extra vorher nochmal über deren Verkabelung nachgedacht). Aus den 2 mussten 9 Tage werden mit 1400 km unter widrigen Bedingungen – jetzt kenne ich mich grob aus 🙂

Detlef Hoepfner Im geheizten Elektroauto durch Winter-Stau: geht

Erster Tipp für Elektro-Anfänger: Nehmt jemanden auf den ersten Runden mit, der schon mal geladen hat usw., das ist dann am schnellsten erklärt und ausprobiert. Und auch geselliger sowieso.

Wer es verpasst hat, ein Beitrag zu meiner „Radikalisierung“:

Ladevoraussetzungen

Der BMW i3 konnte entweder über ein Typ-2-Kabel geladen werden oder die Erweiterung namens CCS. Das blaue Typ-2-Kabel mit dem runden Stecker lag bei, damit kommt man an die allermeisten „richtigen“ Ladepunkte. Im Gegensatz zur Haushaltssteckdose liefern die richtig Wumms, aber: Auch wenn an der Säule „22 kW“ steht, kann der i3 davon nur bis 11 kW entgegennehmen. Also nicht (wie ich) wundern. Und: Das ist bei jedem Pkw anders, eine fette Schnellladefähigkeit des Pkw sehe ich heute als zwingend nötig an, wenn man auch andere Distanzen bewältigen will als nur Kurzstrecken. Also Augen auf beim Neukauf!

Öffnet man beide Ladekappen unter dem Tankdeckel des i3, passt auch ein CCS-Stecker rein. Durch weitere Kontakte kann er statt Wechselstrom (AC) auch Gleichstrom (DC) einspeisen. Da dieser dann nicht mehr im Auto gewandelt werden muss, funktioniert das mit noch mehr Rumms: beim i3 bis 50 kW. Diese Leistung bieten meist die Ladesäulen an den Autobahnen. Von denen es mehr gibt, als man denkt, weil derzeit an den Ausfahrten ja eher die Kaffeemarke und der Burger-Typ ausgeschildert als die Lademöglichkeit. 

Einen Adapter auf Schuko lieferte Starcar derzeit nicht standardmäßig mit, das finde ich nicht gut. Durch den tröpfeln zwar eher ein, zwei kW pro Stunde (nicht genau recherchiert), aber einen Schuko hat man überall. Und so langsames Laden ist viel besser für die Akkulebensdauer nebenbei.
Rückmeldung von Starcar: Man denkt drüber nach!

Wo kann ich laden?

Das Netz an Ladesäulen wächst derzeit ständig; an den Autobahnstrecken sowieso, und dort mit Schnellladern mit 50 kW und mehr. Strom gibt es in Europa davon abgesehen überall. Genial ist natürlich, wenn man beim Supermarkt oder Bäcker (http://www.ladepark-kreuz-hilden.de) gratis oder zumindest besonders ökologisch lädt.

Diverse Apps zeigen die Ladepunkte in der Umgebung, lassen aber manchmal die kostenlosen Säulen weg. Eine sehr gute, auch Community-gepflegte Stromtankstellen-Übersicht: https://www.goingelectric.de/stromtankstellen/

Ladegeschwindigkeit

Wenn man von 17 kW Verbrauch pro 100 km ausgeht, kann man überschlagen, was man in 10 Minuten je nach Ladeanschluss an Strecke lädt. Dank der E-Mobilitäts-Facebookgruppe in Wuppertal und der Firma Malte Reiter Fotografie  konnte ich später auch mehrere Tage das Laden mit einem „Notladekabel“ an der Rasenmäherbuchse testen. Ergebnis:

  • das Gartenhaus brennt nicht ab
  • die Ladung läuft sauber die Nacht durch und kann in der Smartphone-App des i3 überwacht werden – überhaupt scheint Software künftig das A und O zu sein
  • ich kann in einer Nacht nebenbei das nachladen, was ich am Vortag für die Heimfahrt Köln-Wuppertal (ca. 75 km) verbraucht habe
  • der Hinweg zur Arbeit ließ sich am Büro wieder über eine Schuko aufbessern
  • richtig cool: den Wagen auf dem Parkplatz per App und rein elektrisch ohne Abgase vorheizen
ENBW-App
Detlef Hoepfner Ladesäulen-Suche in der ENBW-App

Ladevorgang

Meine erste nächtliche Ladeerfahrung in Sprockhövel, noch nie so ein Kabel in der Hand gehalten: Schwupp steht ein Ehepaar neben mir, „können Sie uns mal zeigen, wie das geht?“ Äh … selber keine Ahnung! Learning by doing:

Bezahlung: Über RFID können sich die Karten oder Chips (oder Apps) an den Säulen anmelden, die Stecker entriegeln und den Ladevorgang starten/stoppen. Das Durcheinander der Vergangenheit lichtet sich, und an vielen Säulen kann man per EC-/Kreditkarte zahlen. Ich habe mir stattdessen drei Ladekarten besorgt: Von Shell (etwas unklare Preisgestaltung), ENBW (super) und den Stadtwerken Bochum. 2020 empfehlenswert ist auch die von Maingau. Die Karten (oder Apps) bieten je nach Vertrag ein Roaming zu anderen Anbietern, aber eben mit manchmal seltsamen Preismodellen. Wenn, dann habe ich meist die ENBW-Karte benutzt. (ENBW hat auch z.B. an der A1 Rastplatz Ehrenberg/Richtung Süden die coolsten Säulen.) Eine Ladepreis-Übersicht gibt es hier: https://emobly.com/de/laden/der-emobly-ladekarten-kompass-marz-2020/

Kostenlos laden: Angenehme Besonderheit bei Starcar: 2020 sollen die Elektrofahrzeuge mit einem Lade-Chip vermietet werden, der ein kostenloses Laden mit dessen RFID-Funktion ermöglicht. Das ist natürlich maximale Convenience: Nicht nachdenken oder rechnen – einfach Ladevorgang starten. Ähnlich einfach und kostenlos funktioniert dies sowieso an vielen anderen Ladesäulen wie bei Ikea, Aldi, Lidl (2020 Ausbau von 100 auf 400 Ladepunkte) – Dauerlösung ist das natürlich nicht. Bei der Fertighausausstellung Wuppertal allerdings braucht man offenbar eine der Ladekarte zum Starten des kostenlosen Ladevorgangs.

Also kein „das ist mir zu kompliziert“ – und wir sind alle erwachsen, jetzt nicht krampfhaft Ausreden konstruieren 🙂 Beim Sprit blicke ich auch nicht mehr durch, welcher Rüssel nun welche Geschmacksrichtung führt.

Verriegelung: Die Stecker verriegeln sowohl an der Säule, als auch am Pkw. Entriegeln z.B. über die Fernbedienung des Pkw (Tür auf/zu) oder Beenden des Ladevorgangs am Display der Ladesäule. Man kann nicht versehentlich losfahren trotz Kabelverbindung! Auch lässt sich ein festes Ladekabel an der Säule manchmal erst entnehmen, wenn die Säule selbst freigeschaltet wurde. 

Ladesäule und Auto quatschen erst kurz miteinander vor der Ladung (blau)

Ladevorgang starten: Wenn es mehr als einen Anschluss an der Säule gibt, am Display den Anschluss auswählen. Bei vielen kostenlosen Ladesäulen (Aldi, Ikea …) kann das Ladekabel dann eingesteckt werden. Auto und Säule kommunizieren kurz (wird am Pkw angezeigt) und der Ladevorgang startet. Klappt das nicht, evtl. wiederholen. Es gibt auch den Fall, dass einer der Anschlüsse gestört ist, dann auf den nächsten Anschluss ausweichen. Bei einem defekten Aldi-Anschluss habe ich mir auch den Spaß gemacht, die aufgedruckte Hotline anzurufen, die dann vor meinen Augen die Säule gebootet hat. In dem Fall konnte ich aber statt des defekten CCS-Steckers den Typ-2-Anschluss nutzen.

300 kw High Power Charger der EnBW (* finde den Fehler)

* Bei fast vollem Akku (91%) natürlich nicht so sinnvoll, ihn jetzt anzuschließen, um 63 Minuten auf die letzten paar Prozent zu warten – aber der Hypercharger sah so cool aus und ich musste ihn mal ausprobieren 🙂

Reichweite des i3

Man muss sich von der Panik befreien, ohne 1000 km Reichweite mit dem BMW i3 dauern liegen zu bleiben. Dieses Liegenbleiben habe ich bisher eher in mutwilligen Tests auf Null (und darunter) dokumentiert gesehen. In allen meinen ersten Pkw lag (mit mulmigem Gefühl …) auch hinten ein 5-Liter-Kanister drin. Das wird im E-Auto durch einen vorgeschriebenen Kriechgang nachgebildet – und den Schukolader, den man als Backup hätte. Meine 2 x 75 km täglich waren kein Problem, realistisch sind mit einer Ladung im Winter über 200 km mit dem i3. Längere Strecken portioniert man in Abschnitte mit Schnelladesäulen. 2 x täglich 400 km sind für den i3 sicher nicht die Anwendung, dafür gibt es andere E-Autos.

Detlef Hoepfner Ankunft in Köln nach winterlichen 75 km, incl. Heizung/Sitzheizung. Elektrisch und per App zu Hause vorgewärmt würde noch mehr Akku sparen

i3 Fahreigenschaften

Kurzgefasst: Sensationell. Extrem fein dosierbar, super spurtstark, total leise. Servolenkung etwas schwergängiger. Leichte Umgewöhnung, dass der Wagen extrem „am Gaspedal hängt“, er wird sofort schneller oder langsamer. Die Bremse braucht man eigentlich nie (vernichtet ja eh nur Energie). Auch hier gilt „wer bremst, verliert“, nämlich Reichweite. Einfach Gaspedal zurücknehmen, dann verlangsamter er ebenfalls sehr kräftig durch Rekuperation / Aufladen des Akkus. Selbst bei viel Regen konnte man eine Steigung hochspurten, ohne dass irgendwas rutscht. Auch ohne s-Version ist der i3 superdynamisch unterwegs. Bei einer unfreiwilligen Vollbremsung stand der Wagen auch sofort, von wegen man braucht unbedingt breite Reifen …

Detlef Hoepfner Was für ein Fahrspaß – i3 läuft super im Schnee

An zwei Tagen hatte ich dann noch richtig viel Schnee, wegen verstopfter Innenstadt und Termindruck ging es etwas nervös bergauf und bergab durch engere verschneite Nebenstrecken, auch hier absolute Wintertauglichkeit. Durch das weiche Mitbremsen der Rekuperation waren auch verschneite Gefälle easy zu befahren

i3 Bedienung voll im 90er-Style

Auf absolutem Kriegsfuß stehe ich mit den ganze Schaltern und Knöpfen des i3. Im Prinzip finde ich es super, wenn Funktionen auf eigenen Tastern liegen. Aber bis man die hier mal alle gefunden hat, verteilt im ganzen Auto. Und dann noch die endlos vielen Darstellungen im Display. Gab es die ganzen Schalter und Knöpfe im Angebot, waren die irgendwo über? Die Idee des Tesla Model 3 mit einem zentralen Screen fand ich früher … komisch. Mittlerweile stellt sich ja wohl heraus, dass er weniger eine Sparmaßnahme ist, als eher Ausdruck eines Konzeptes, das streng auf einem zentralen Steuergerät basiert. Dagegen kommt mir das hier vor wie Rudis Resterampe an Zulieferer-Klimbim. Auch nach 1400 km hatte ich nicht die Funktion gefunden, eine Navigation abzubrechen (hab sogar den Wagen ausgeschaltet) und ein Radiosenderwechsel gelang auch nie auf Anhieb. Also BMWler, guckt Euch mal ein Smartphone an.

Ob die Navigation auch Infos an das Energiemanagement weitergibt (der E-Golf passt es wohl z. B. kartenbasiert vorausschauend an Steigungen und Kurven an), habe ich nicht herausgefunden. Etwas irritierend ist auch, dass ich nicht gefunden habe, wie der BMW die zu erwartende Restkapazität am Ziel anzeigt. Dafür blendet er Diesel-Tankstellen in die Karte ein …

Das war vielleicht nicht so schlau – aber ohne Carport …

Fazit: Echt der Knaller

Zurück in einem Toyota Hybrid komme ich mir plötzlich vor wie im Oldtimer. Auto mit Verbrennungsmotor fühlt sich so irrational an – wo ist da der Sinn? Doppelt gemoppelt mit Verbrennungsmotor plus nochmal Elektromotor macht es auch nicht wirklich besser auf lange Sicht: Ein Auto rein mit E-Antrieb ist nicht nur ein Erlebnis. Sondern auch vernünftig, und ab 2020 eigentlich ohne Alternative.

Ausprobieren!


Disclaimer: Auto normal gemietet, Strom und Bäcker selbst bezahlt, keine Tiere zu Schaden gekommen

Mobilität: ich kkkkkkkann auch anders!

Detlef Hoepfner
Detlef Hoepfner Sonnenstrom laden beim Bäcker

Dass es nicht länger tragbar ist, wenn ich weiter jährlich über 50.000 km wertvolle Rohstoffe unwiederbringlich verballere, dämmert mir schon länger

Dass es nicht länger tragbar ist, wenn ich weiter jährlich über 50.000 km wertvolle Rohstoffe unwiederbringlich verballere, dämmert mir schon länger. Und bevor man sich in der Selbstgefälligkeit einrichtet, wächst die Erkenntnis:

„Ich muss hier raus!“

Und zwar eigentlich sofort. Wenn auch beruflich gekoppelt an einen Flottenverbund, so habe ich doch Jahr um Jahr beharrlich bei jedem Inspektionstermin den Meister gefragt:

„Jungs, wie sieht es bei Euch aus mit alternativen Antrieben?“

Die Antwort leierte immer gleich über den Meister-Schreibtisch mit dekorativen Öl-Reagenzgläsern als Briefbeschwerer: „Herr Hoepfner. Die Technik ist noch nicht soweit. Und bei ihren Strecken. Das ist doch nur was für den Stadtverkehr.“ Dann noch die beschwörerische Andeutung, da komme bestimmt noch irgendeine Wundertechnik, irgendwann. Ja auf eine Geheimwaffe hat Deutschland schon einmal gewartet, in unseligen Zeiten. Und so lange kann man weiter Seltene Erden in den Raffinerien bei der Spriterzeugung verbraten, mit den Abgasen den Hitzschutzschild der Erde löchern und uns Kunden mit Betrugssoftware und aerodynamischem Finetunig an der Dachreling beschwichtigen. Wir wollten es ja eigentlich nicht anders.

Aber jetzt habe ich die Nase voll. Von den Ausreden, den Ammenmärchen der Petrolheads, dem selbstgerechten Verdrehen der Fakten und dem „immer weiter so“. Wir haben 2020, und ich will sicher nicht erst bis zum Alter von 150 Jahren durchhalten müssen, bis sich mal was ändert. 

Schon Anfang 2020 dann beruflich in Amsterdam trau ich meinen Augen nicht – der ganze Stadtverkehr voll E-Mobilität. Ja ist klar, die fahren immer nur ne Fahrradstrecke? Von wegen: zum Wintersport zischen sie mit Kind und Kegel ins Sauerland und nach Österreich. Aber wir kommen damit angeblich nicht von Köln nach Wuppertal? Wenn ich im Messeparkhaus Düsseldorf parke, stehen vorne direkt die Elektroautos. Kennzeichen: Niederlande. Österreich. Norwegen. Ja sind die vielleicht auf einem Tieflader hierhergekommen? 

Ich kkkkkkkann auch anders

Gesagt, getan. Nach einiger Überzeugungsarbeit war der Diesel-Leasing-Vertrag gecancelt. Findet der Vertragspartner natürlich nicht so erfreulich. Ich diktiere im ins Reporting: Ich hab bei euch jahrelang gebettelt. Ihr habt nichts gebaut. Jetzt bin ich weg.

Eine Woche später lese ich in der Zeitung: Der PSA-Chef in Frankreich verspüre eine verstärkte Nachfrage nach alternativen Konzepten. Ach nee. Zehn Jahre habe ich gebohrt. Aber ich hatte mich bisher offenbar unklar ausgedrückt.

Davon habe ich jetzt aber noch keine neue Lösung, und als – irgendwann auch strukturell-terminlich drängender – Kompromiss wird ab 2020 erst mal ein Hybrid-Benziner mit sehr kleinem, verbrauchsarmen Motor geleast.

Das Wechsel-Timing drifte derweil etwas auseinander, eine Lücke entsteht und ich brauche noch einen Ersatzwagen dazwischen. Gut, wenn ich schon so die Klappe aufreiße, dann ist das jetzt wohl Pflicht, erstmals zwei Tage elektrisch zu fahren. Schon vorrecherchiert erkenne ich: Richtig die Nase vorn hat – als Innovator von außen – offenbar nur Tesla: um einen von null neu gedachten Antrieb wurde konsequente Software entwickelt und dann noch irgendwann eine Karosserie draufgesetzt. Ist in der Vermietung aber Premium-Level. Bei Starcar jedoch finde ich alternativ einen rein elektrischen BMW i3 zu vertretbaren Konditionen. Nun bin ich bekennender BMW-Hater („ich kann es erklären“), aber die radikale Form des i3 fand ich schon immer konsequent (gut, vielleicht bis auf die zwei blau umrandeten Nierentische an der Front). Also gebucht, zum i3 scheint ja auch ein Schuko-Ladekabel zu gehören, wird schon klappen, notfalls auch ohne Ladung für die paar km. Aber ausprobieren am Gartenhaus kann man das mit dem Strom ja mal. Löschwasser stehen auch 1000 Liter daneben. Ach und sicherheitshalber einfach mal paar Ladekarten bestellen, vielleicht kommt eine pünktlich.

Dann kam alles anders. Kaum war das Auto abgeholt, mussten aus den zwei Tagen neun werden, geplante 150 km wuchsen sich auf 1400 aus, die anfangs noch solidarisch elektro-ahnungslose Vermietung musste sich auch erst mal mit dem Wagen beschäftigen und statt Frühlings-Cruisen gab es für mich Sturm, Hagel, Regen, richtig Schnee auf Steigungen. Und nicht nur ich fuhr noch nie in so einem Teil: Außer mir im Wagen dann nacheinander: nicht weniger als 18 interessierte Mitfahrerinnen und Mitfahrer: Ey cool, lass mal mitfahren.

So naiv gestartet, gab’s dann einige Überraschungen und eine steile Lernkurve. Ein paar Tipps rund um die ersten Kilometer E habe ich daher hier zusammengefasst:

FAQ meiner Elektro-Auto-Praxis

Detlef Hoepfner Beste Ladesäule ever. Danach soll ich wieder so einen stinkenden Benzinschlauch anfassen?!
  • Toll, du konntest ja auch zu Hause und auf der Arbeit laden
    NEIN, ich musste die meiste Zeit die öffentliche Ladestruktur nutzen. Den Schuko-Adapter hatte ich erst am Ende der Mietdauer.
  • Ich hab keinen Bock auf Ladekarten
    Come on, die sind schnell bestellt. (Nachträglich stellte sich bei meiner Miete raus: die Starcar-Mietwagen können sogar kostenfrei per Chip geladen werden!)
  • Ich habe noch immer keinen Bock auf Ladekarten
    Viele Säulen laufen mit EC- oder Kreditkarte (habe ich aber nicht ausprobiert). Bei IKEA, Aldi, Lidl usw. geht es umsonst und teilweise sogar mit 50-kW-Krawumm
  • Bei mir gibts keine Ladesäulen
    Die Städte sind übersät mit Ladepunkten, und die Anzahl steigt gerade drastisch an. Und selbst in der Eifel gibt es ja grundsätzlich Strom (aber nicht an jeder Ecke Benzin). Guggs Du hier: https://www.goingelectric.de/stromtankstellen/ Oder schlage für Deinen Stadtteil Ladepunkte in den Laternenmasten vor; da gibts schon etliche Pilotprogramme.
  • Ich stelle mich doch nicht 2 Stunden an die Ladesäule!
    Am schnellsten laden die Autos bis ca. 80% Füllgrad. In zehn Minuten hat man schon genug Saft mindestens für mittlere Kurzstrecken. Wenn man nicht das dümmste Fahrzeug und die lahmste Säule koppelt, geht das Laden zügig.
  • Das ist mir zu nerdig mit den Steckern
    Ich habe auch kurz irritiert aus der Wäsche geguckt, aber eigentlich ist’s einfacher als Diesel und Super plus und Diesel minus und E-irgendwas und dann noch Harnstoff nachfüllen. Man kapiert ruckzuck, welche Buchse da unter der Ladeklappe sitzt.
  • Ich warte auf besseren Diesel / Wasserstoff / andere Technik / E ist doch eh noch schädlicher
    Fraunhofer hat dazu verständlich plus fundiert extrem viele Quellen ausgewertet. Ähnliche Analyse, aber als YouTube-Statement von Prof. Quaschning (HTW Berlin), beides ganz unten verlinkt.
  • Brennen die nicht dauernd
    Nein, sogar seltener. Und sie lassen sich auch löschen, mit Wasserlanzen in die Batterie, das Auto wird bei Crashs spannungsfrei geschaltet. Links s. u.
  • Was ist mit den Stromnetzen? EBV brauchen im Vergleich nur den Bruchteil der Energie eines Benziners/Diesel, die Versorger sind da entspannt (Fraunhofer-Infos unten). Aktuelle Konzepte sehen sogar eine Stabilisierungsmöglichkeit durch viele Elektroautos

Elektromobil: dynamisch, geräumig und clean

Wie fuhr es sich nun? Jeder ist verblüfft, wenn sich das Fahrzeug zum ersten Mal lautlos in Bewegung setzt. Eine Kollegin sinngemäß: „So müssen sich früher die Menschen gefühlt haben, als sie überhaupt zum ersten Mal in einem Automobil saßen.“ Als Fahrer erlebt man die völlig verrückte Dynamik, wenn der i3 mit Drehmoment-jetzt-sofort praktisch verzögerungsfrei am „Gas“-Pedal hängt. Bei leichtem Druck schleicht sich der i3 sanft voran, bei kräftigem Tritt schießt die BMW-Kapsel nur so nach vorne. Und das alles mit vorher beim Bäcker getankten Sonnenstrom. Aber auch umgekehrt – leicht vom Pedal runter bremst er sofort wieder ab und lässt sich in den allermeisten Fällen auch ganz ohne das Bremspedal millimetergenau zum Stehen bringen. Die Energiebilanz dankt es einem hinterher durch etliche kW in die Batterie zurückgespeister Energie.

webgo-admin Hier entsteht ein Ladepark – provisorisch gibts schon Strom und Brötchen

Aber zwei weitere Erfahrungen sind nicht weniger eindrücklich: Der i3 ist nun außen wirklich kompakt, hinten sitzend möchte man als Erwachsener auch nicht unbedingt bis zum Nordkap fahren. Aber durch den Wegfall der vielen Antriebskomponenten sind offenbar alle elektrischen Pkw innen deutlich geräumiger als die Verbrenner. Als alter Kombi- und VW-Bus-Fahrer: Ja, der Kofferraum macht keinen Umzug möglich. Zwei Stühle vom Möbelhaus abzuholen war mit dem i3 aber kein Problem. Und wenn ich meinen Kombi jetzt gegen den i3 tauschen müsste: Sofort und bedenkenlos. Nach Fahrzeugrückgabe im viel größeren (aber natürlich auch niedrigeren) Kombi sitzend überkam mich ein fast beklemmendes Gefühl: Alles so eng hier im Verbrenner?

BMW i3
Detlef Hoepfner Selbst ein i3 hat wegen des Wegfalls von Getriebe etc. innen viel mehr Platz (hier: Rücklehnen umgelegt)

Und zuletzt: Ich musste jetzt zwei Wochen nicht mehr an einer Tankstelle in den Dieselpfützen stehen, was für eine Erleichterung. Ich musste überhaupt gar nicht mehr extra zur Tanke! Wo auch immer man gerade ist: Strom und eine Steckdose finden sich meist in der Nähe. Mobilität ist plötzlich verfügbar, so wie der Staubsauger einfach ein- und dann wieder ausgeschaltet wird. Wenn längere Strecken anstehen, sind sowieso Pinkelpausen angesagt. Dann kann man bei modernen EBV mit 50 kW – oder je nach Pkw auch einem Mehrfachen davon – schnell mal was in den Akku ballern. Ich (Jahresleistung 50.000) stelle fest: Ich brauche gar kein Auto mit 1000 km Reichweite. Und verrechnet mit der übers Jahr gesparten Tankzeit (weil ich mich zwischendurch beim Supermarkt, zu Hause, auf der Arbeit oder bei Kunden eh nebenher an eine Leitung klemmen kann, wir leben ja nicht in der Sahara), komme ich eigentlich auf eine vergleichbar lange Reisezeit. Mal von dem ganzen gesparten Inspektions- und Wartungsaufwand abgesehen. Ja sorry, die Werkstätten müssen sich umstellen, aber wir stoppen auch nicht das Internet, obwohl in Wuppertal ganze Quante-Industrieflächen der Digitalisierung zum Opfer fielen. Erste Elektronikfachmärkte machen es hier übrigens vor: Sie errichteten bereits eigene Ladepunkte, boten dann Installationsservice für zu Hause – und beginnen nun, eigene E-Autos zu verkaufen. Obacht, geliebtes Automobilhaus.

Wenn man wie ich täglich 150 km fährt, macht natürlich eins Sinn: Lademöglichkeit zu Hause oder bei der Arbeit. Wer diese 150 km nur in einer Woche fährt, muss aber definitiv nicht alle zwei Tage an die Dose.

Ladesäule Lidl
Detlef Hoepfner Kaum lade ich den Mietwagen bei Aldi, zieht Lidl nach 😉 Von bisher 100 Ladesäulen erweitert Lidl in 2020 auf 400 Stück

No way back

Es gibt nicht viele „Zum ersten Mal“-Mobilitätserlebnisse, die mich nachhaltig beeindruckt haben: Mit dem eigenen Käfer zum ersten Mal nach Norddeutschland. Mit einem 70 Jahre alten Holzboot zu zweit über die Ostsee. Jetzt 1400 km rein elektrisch – das toppt noch fast die genannten Premieren. 

Meine Verbrenner-Monate sind gezählt. Ein Neuwagen-Sparkonto ist eingerichtet. Es gibt kein zurück. Und mit dem Öl können unsere Kinder später intelligentere Dinge unternehmen, als es zu verbrennen.

Nützliche Links zu E-Mobilität

Die ganzen YouTuber zum Thema bewegen sich zwischen unterhaltsam und irgendwie-zusammengereimt-merkt-schon-keiner bis zum narzistisch-selbstverliebten Dauer-Welterklärer (auch in Kombination). Und es entsteht so eine Video-Inflation, dass man kaum noch durchblickt. Zwei solidere Kanäle:

Ove Kröger

… hat sein Leben lang geschraubt und arbeitet als Pkw-Gutachter. Bei aller Elektrobegeisterung kommt da aber noch deutlich mehr rüber als reine Elektroblasen-Nabelschau.

https://www.youtube.com/channel/UCqtBzOjVW0aLVZHaRYu7dpQ/

Nextmove

(Disclaimer: wir sind ebenfalls weder verwandt noch verschwägert, und selbst gemietet hatte ich bei Starcar) schöpft seine Infos ebenfalls aus professioneller Basis – die Autovermietung betreibt eine große E-Flotte und kennt alle Hochs und Tiefs. Die Wochenrückblicke sind offenbar von einer kleinen Redaktion aufwändig recherchiert und aufbereitet, sehr auf den Punkt ohne „sind wir nicht alle so toll Blabla“.


Realitäts-Check 2020 von Shell

Shell-Studie

Wie sehen Wirklichkeit und Erwartungen in Europa Elektroflotte heute aus? Shell hat dazu die üblichen Fragen von Fahr- bis Ladeverhalten bei Fahrern abgefragt und zugänglich aufbereitet. Download der verständlich gestalteten Broschüre:
https://newmotion.com/de_DE/ev-driver-survey-report-2020-de/


Umweltbilanz

Ja, zu Fuß gehen ist zwar ökologischer. Eine in 2020 sehr fundiert zusammengetragene Meta-Studie der Fraunhofer bietet aber kritisches Material zu vielen Umweltaspekten – im Detail genau recherchiert und dokumentiert, aber auch allgemeinverständlich im Überblick präsentiert:

https://www.isi.fraunhofer.de/content/dam/isi/dokumente/cct/2020/Faktencheck-Batterien-fuer-E-Autos.pdf


Quaschning2go

Prof. Quaschning hat vergleichbar viele Aspekte zusammengetragen, eingeflossen in diesen YouTube-Beitrag.


Disruption vom Bäcker

Ein Beispiel, dass man nicht ein mittel durchgeknallter Elon Musk sein muss, um Geschäftsmodelle disruptiv auf den Kopf zu stellen: Die Bäckerei Schüren zeigt bereits der traditionellen Autobranche, wo der Hammer hängt und baut schon den nächsten zeitgemäßen Ladepark: https://www.facebook.com/SeedandGreet/


Fahrzeugbrände

Fahrzeugbrände gibts (leider) täglich – z.B. wegen Benzinlecks. Elektro-Crashtest-Reihen mit massiven Fahrzeugzerstörungen hat dazu die DEKRA unternommen. Brennt in einem Batterieauto nach selbst verschuldetem Abgang in die Botanik der Dachhimmel, ist das direkt eine Horrorstory wert:

https://graslutscher.de/weil-ein-tesla-ausbrennt-warnt-der-spiegel-eindringlich-vor-brennenden-batterien-die-nicht-brennen