105 Seemeilen rund Ærø

Nur noch wenige Meter bis zum Steg. Bis zu einem der Stege. Armin und ich sind uns selten uneins, hier aber unentschlossen – welche der in sehr luftigem Abstand ins Hafenbecken gesetzten Pfahlreihen passt am besten zu unserem kurzen Folkeboot, wo ist das vom regennassen Algenschmier seifenglatte Holzplateau nicht ganz so hoch? Von Mommark kommend hatten wir uns bei ständig zunehmendem Wind und einigen Schauern das Stück bis Lyø hochgearbeitet, uns am Wind herantastend an Fynens Südwestspitze steuerbord gehalten und die lange, flache Nord-Landzunge Lyøs umrundet. Karte und GPS im Blick – neben dem ins Meer greifenden Naturschutzfinger wird es flach – nehmen wir das Groß runter und rauschen nur unter Fock auf die Hafeneinfahrt zu, die noch gut zu erkennen ist. Danach würde es laut Hafenhandbuch aber bei Seitenwind zackig um die Ecken gehen. Also noch den Außenborder aus der Halterung gewuchtet, Benzintank auf, und der Zweitakter schiebt uns die letzten Meter durch die rostigen Spundwände der Einfahrt, dreht den langen Kiel trotz Wind auch um die Kurven. Die Leinen liegen klar, denn welcher Ort es jetzt auch wird: der Wind drückt uns dann seitlich, eine zügig festgemachte Leine an einem Punkt in Luv macht Sinn.

Weiter nordwärts
Armin Pech
Weiter nordwärts

Wir haben uns entschieden, das über 70 Jahre alte Folkeboot „Jacaranda“  über backbord in einen der vielen, leeren Plätze in Richtung Ost zu legen. Der Wind fängt an zu drücken, auf dem Heck hockend schwenke ich den Außenborder entsprechend etwas seitlich und will noch einen kurzen Gasstoß geben – plötzlich Stille, Motor aus. Wir müssten jetzt mal die Vierteldrehung einleiten. Schneller Griff zum Startseil: Motorhusten, Stille. Ziehen, ziehen, reißen, der Motor bleibt aus. Wir beginnen zu driften, und bevor das hier zur großen Hafenrundfahrt im Seitwärtskurs wird, bekommt Armin einen der Heckpfähle zu fassen und wir sind erst mal fest. Luft holen, alles checken: Gasgriff, Choke, Tankventil, der Benzinschlauch liegt völlig frei, etwas Sprit pumpen – dieser verd… Motor bleibt aus. Blick rüber seitlich durch die Pfahlreihen zum entfernten Steg: Diese Boxen sind schier unendlich lang, illusorisch das Boot dort mit einem Schwung und Paddelschlag hinzudrücken. Doch am einsamen Steg naht jetzt Rettung in Person eines der wenigen Nachbarseglers. Wir verlängern einige Leinen, bekommen deren Ende schließlich auch bis zum Steg übergeben und sind irgendwann auch zwischen Steg und Heckpfählen richtig festgemacht. Der Wind nimmt währenddessen weiter zu, nicht nur das – er dreht in westliche Richtung und wird uns abends irgendwann auf dem Heck stehen. Mist, doch besser gegenüber liegend würde er uns auf den Bug pusten, das wäre ruhiger und sicherer, statt dass das Boot nun immer einen kleinen Satz in Richtung Steg machen will. Wir überlegen, wie wir mit dem Boot nach gegenüber kommen könnten, ob wir uns noch einmal verholen. Der Motor streikt weiter, aber mit seinen 6 PS könnte er uns eh nur unterstützen. Also vielleicht eine lange Leine mit Fender als Schwimmer von der anderen Hafenseite rübertreiben lassen, am Boot festmachen, rückwärts rüberziehen, oder erst in der Box drehen … alles möglich, aber mittlerweile auch recht müde entscheiden wir: ohne Motor als Plan B oder noch ein paar kräftige Helfer lassen wir das besser.

Wir könnten uns langsam etwas Gutes tun, etwas Hyggeligkeit wäre jetzt willkommen. Kaffeeduft mischt sich in die ebenso frische Brise. Das große, quietsch-orange, aber zusätzlichen, halbwegs trockenen Raum bietende Kuchenbudenzelt – aufbauen oder nicht? Der Wind pfeift uns – über die Steinmole, die zu entfernt ist, als dass sie uns schützen könnte – ins Gesicht. Wir entscheiden uns dennoch für den bei Wind noch akrobatischeren Aufbau. Greifen auch in unseren großen Fundus an Bändseln und Leinen, um die über dem Großbaum hängende Zeltkonstruktion nach allen Seiten zusätzlich abzuspannen und zu entlasten. Mike als Vercharterer haben wir derweil nach Tipps zum Motor angepiept. Er listet uns die typischen Fehlermöglichkeiten, aber wir müssen jetzt erst was in den Magen bekommen. Wir laufen eine erste Runde den Weg vom Hafen auf die Insel hoch, aber  an Land ist ziemlich tote Hose. Also brutzelt bald in unserer Pfanne auf dem Gaskocher eine kräftige Portion Bratkartoffeln. Zwischendurch nochmal ein Griff zum Motor: Totenstille bis auf das Surren des Zugseils und die zunehmende Atmung des daran zerrenden Seglers.

Und immer wieder der Blick aufs Wetter, die Karten des DMI sollten sich in den nächsten Tagen in unsere Netzhaut brennen: Wie man es auch zoomt und scrollt: Für den nächsten Tag ist so viel Starkwind angesagt, dass wir sowieso keinen Zug verspüren, uns zwischen den Inseln rumzutreiben. Planen also für den nächsten Tag Landgang ein. Aber noch im Schlafsack mischt sich ins Geheul in den Wanten die Frage: Was, wenn wir den Motorfehler nicht finden? Wir sind übers Jahr zwar deutlich mehr ganz ohne als mit Motor auf dem Wasser. Aber um vorzeitig für eine Reparatur zurück zur Schlei nach Süden zu kommen – dafür stünde der Wind die Tage gut – müssten wir hier erst mal nach Norden aus dem Hafen und der Bucht rauskommen.

Der beste Motor heißt nach wie vor: Segel

Von der Perspektive eines „freien“ Tags entspannt, beginnt der nächste Morgen gemächlich. Der Wind hat so zugelegt, dass weiße Schaumkronen aus Richtung Lillebælt das Meer verzieren. Tritt man oberhalb des Hafens aus den Sanitäranlagen raus, haut es einen fast aus den Schuhen, so pfeift es um das weiße Backsteingebäude von Nordwesten her. Nachmittags sollte vor unseren ungläubigen Augen noch ein weiteres Folkeboot eintrudeln, oder würde man bei dem Wetter eher von „in den Hafen einschlagen“ sprechen. Wir können uns mit Anlegehilfe und Anpacken revanchieren, aber so eine „Tortour“ möchten wir uns ersparen. Ob mit oder ohne Motor, dem wir uns nun wieder einmal widmen.

Außenborder
Erfolgreiche Fehlersuche: durch den fehlenden Sprit im Filter kamen wir auf den Riss

Erst in Form eines ausgiebigen Frühsports mit diversen Gas- und Choke-Einstellungen. So aufgewärmt, gehen wir systematisch vor: Motorabdeckung auf, Spritfilter checken. Stellen fest: dort ist offenbar kein Tropfen Benzin mehr drin. Tank checken – voll. Tankdeckel – Lüfter ist auf. Tank steht gerade, Ansaugstutzen ist unter dem Sprit-Level. Alles tip-top. Gummiball zum Pumpen. Der kommt uns übrigens seit gestern etwas komisch vor. Sonst nix zu sehen, auch nicht an der Leitung. Warum kommt dieser elende Sprit nicht am Motor an? Armin dreht den Schlauch noch einmal aus der Ruhelage hin und her – da klappt ihm ein Leitungsriss direkt am Pumpball entgegen: Ab hier herrschte also nur noch frischer Meerluft-Flow in Richtung Heck zum Motor, wenn man durch Schwenk des Motors leichten Zug oder Drehung in den Schlauch brachte. Uns fällt ein Riesenstein vom Herzen, und merken erst jetzt, wie sehr uns diese tourentscheidende Frage doch im Magen lag. Das Werkzeug ist schnell ausgepackt, der Schlauch gekürzt, Schelle drauf, zwei-, dreimal pumpen – Motor läuft.

Wir schnappen unsere Jacken, checken zum hundertsten Mal die Festmacher und erkunden die Insel. Nur eine Handvoll zerzauster Segler und zwei, drei Einheimische sind zu sehen. So malerisch diese ganzen Inseln auch sind: oft verbreiten sie ja doch eine etwas verstörende Verlassenheit. Hochwertigst restaurierte und verfallene Häuser wechseln sich ab, aber die Edelferienhäuser (oder Wertanlagen) kommen mir besonders spooky vor, so verlassen in der Vorsaison. Am Wegesrand ein offener Verschlag mit Spardose – hier decken wir uns mit ein paar Gläsern selbstgekochter Marmelade ein und erweitern unseren Bordproviant um eine weitere Geschmacksrichtung „Kirsche“. Bloß aufpassen, dass im Geldschlitz nicht die falschen Münzen landen und wir beim nächsten Hafenautomaten unter der Dusche im Trockenen stehn.

Karten
Kaum da: Karten checken …

Start in Maasholm

Ab jetzt läuft alles nach Plan. Wir haben netto in Summe eine knappe Woche Zeit, in der will man nicht nur vor Schleimünde Kreise drehen. Aber auch nicht mitten im Törn feststellen, dass der Rückweg kaum zu schaffen ist. Alle erzählten uns zuvor „hier weht 2018 nur noch Wind aus Ost“. Aber kaum haben wir alles Gepäck an Bord, brechen die Tagesvorhersagen ein. Und drehen für die übernächsten Tage auf Nord, sehr viel Nord – also nix mit gemütlich mal den Als-Sund hoch. Unsere neue Wochen-Strategie: Von Tag 1 bis 2 mit dem Rest aus Ost so weit nach Norden kommen, wie es eben nur geht, und wenn wir paddeln. Den Rest der Woche dann nutzen, um günstige Windfenster abzuwarten, in denen wir per Zick-Zack-Etappen gemütlich zurück nach Süden kommen.

Als maximal erreichbares Streckenziel Tag 1 stellte sich Mommark heraus. Erst prima Wind aus Ost, ab „Flensburg querab“ dann beginnt der Jammer und der Wind schläft ein. Stille breitet sich aus. Auf der Horizontlinie schieben sich zwei Traditionssegler entlang, ihre Segelstellung können wir auch im Glas nicht erkennen. Die AIS-App auf dem Smartphone nennt für sie knapp sieben Knoten, kaum vorstellbar, dass dort hinten so viel Luftzug herrschen soll. Aber es dauert nicht lange, da tauchen rechts und links von uns die ersten Rückenflossen und nassen Nasen auf. Die uns hier und da plätschernd und schnaufend begleitenden Schweinswale sind meist nur bei so ruhigem Wetter gut zu entdecken, schon der Stille wegen.

Schweinswale
Wenig Wind = schöne Sicht auf die Schweinswale

Wir trimmen hier und da, aber alle Tricks ändern nichts daran, dass man bei einem knappen Knoten Fahrt pro Stunde keine ganze Seemeile gutmacht. Wir gehen ungern so früh an den Treibstoff, andererseits: „Windenergie“ würde sich uns die nächsten Tage noch zur Genüge bieten. Der Norden ist im Juni auch um zehn noch hell, das kommt uns nun zugute. Aber dann sollte man doch im Hafen sein, schon um Mommarks Hafenmeisters legendäre Jagdhorn-Einlage nicht zu verpassen. Hinten brummt der Zweitakter, am Bug spritzt es wieder, wenn auch Motorboot-gleichförmig statt Segel- oder Wellen-moduliert. Sehr spät legen wir nach den ersten 20 Seemeilen in Mommark an, proppevoll am Samstagabend, außer uns bewegen sich am Hafen nur noch ein paar Anglerboote – und die entgegenkommend. Dankbar sind wir der vorausschauenden Crew der in der Hafenenge liegenden Peltrine, einem über 100 Jahre alten See-Ewer: Zwar haben wir oft genug vergleichbare Vorsegel an ähnlichen Schiffen gesetzt und geborgen, aber ob wird beim engen Manövrieren aus unserer tiefen Folkeboot-Perspektive heraus an den weit ausladenden Klüverbaum weit über uns gedacht hätte, ohne den dran baumelnden orangen Kugelfender …

Coole Einfahrt – aber proppevoll so spät

Tags drauf am Sonntagmorgen rauscht die dänische Weekend-Seglerflotte aus dem Hafen, als hätte man in der Badewanne den Stöpsel gezogen. Für uns geht erst richtig los. Nach der Flaute soll es auffrischen, und wir wollen an diesem zweiten Segeltag noch etwas höher, um einen schönen Absprungsplatz für Nordwind zu besetzen. Lyø in 15 sm (Kartenausschnitt) erscheint uns ganz schnuckelig, auch wenn der Hafen an der nordöstlichen Inselecke bei Wind aus Nordwest möglicherweise nicht die beste Wahl ist. Faldsled oder Dyreborg wären bei NW vielleicht geschützter gelegen. Aber schließlich ist aus der Seekarte auch nicht zu erkennen, wie niedrig und wenig Schutz gebend sich Lyös vorgelagerte Landzunge duckt 😉

Folkeboot
Armin macht ein Nickerchen – und doch mal dichte Klamotten anziehen

Lyø halten wir gut in Erinnerung, nicht nur vom benzinschlauchbedingten Anlegen in Etappen und hilfreichen (statt nur gaffenden) Seglern, sondern einem wunderbaren Naturschutzgebiet, langen, knorrigen Alleen und dem mystischen „Glockenstein“. Viel Gelegenheit, den Tag wunderbar auf der Insel zu vertrödeln, umgeben vom schäumenden Lillebælt.

Klokkestenen
Noch ein Nickerchen – vor den Klokkestenen

Dänischer Insel-Slalom

Nun stehen uns viele Optionen offen. Seit mehreren Touren wäre Ærøskøbing auf wieder mal auf unserer To-Do-Liste abzuhaken, meist stand der Wind nicht ganz geschickt, um gut hin und wieder weg zu kommen, so gerne wir die alte Werft auch wieder besucht hätten. Wir bescheren den dänischen Meteorologen vom DMI weiter eine Menge Traffic auf den Wetterseiten, und erkennen: dieses Jahr sollte es gut passen. Also rückwärts raus aus der Box an Tag 3, gegen den Wind mit kräftigem Ziehen und helfendem Motor (rückwärts mag ein AB eh nicht so), mit etwas Anspannung und viel Seitenwind durchs Hafen-Zickzack. Wir rauschen vorbei an diversen Flachs bei Lyö und Dyreborg (auf die ein Segler beim ruppigen Silverrudder 2018 vorübergehend sein Schiff setzen sollte) mit Vorwind- und Raumschotskurs. Und nehmen zwischendurch ein paar Sounds auf.

Piraten achteraus?

Zeitgleich kommen große Traditionssegler von Faborg um die steilen Klippen gebogen, uns entgegen oder holen von achtern sich aus dem Horizont erhebend auf. Was für eine phantastische Kulisse! Wir halten ihre Kurse im Blick, setzen uns etwas dichter dazwischen. Ein einfach überwältigendes Panorama aus kräftigem Wind und langen Wellen, streifendem Salz- und Regenwasser, als groß gepinselte Patinaflächen dazwischen cremefarbenes Segeltuch. Zögen jetzt noch Kanonendonner und Pulverdampf übers Wasser, es würde einen fast nicht wundern. Nach rund einer Stunde hat der Spuk ein Ende, wir sind wieder allein und es stellen sich die Alltagsfragen: Das häßliche Kümo vor uns – in Fahrt, vor Anker, oder weiß es das gerade selber nicht?

Es dauert nicht sehr lange (Kartenausschnitt, und Blick auf die Delius-Klasing-App) bis nach 18 sm Ærøskøbings aufgereihte Badehäuserzeile erreicht und ein guter Platz gefunden sind: Eine ganz leere Hafenecke, gegen den Wind geduckt hinter einer massiven Steinmole, das dänisch-bunte Muster hölzerner „Badehuse“ direkt vor Augen. Im Boot offenbar sich nach dem Anlegen das typische Chaos: Vorm Hafen grob aufgetuchte Segel. Leinen überall. Jacken, nasse Hosen, Rettungswesten. Karten, Kamera, Tablet, Fernglas, Funk. Unter Deck noch Baumstütze, Fender, Zelt … Dass man abends überhaupt noch ein Lücke für den Schlafsack findet!

Armin möchte aufräumen.
Ich will zur Werft.
Armin zeigt auf das maritime Chaos rund um uns.

Ich auf die leeren Liegeboxen rechts und links: Hier ist niemand, der uns verpfeifen könnte – wir sind doch unter uns! Und der Werft-Shop führt manchmal Weihnachtsschmuck. Damit kann man bei der häuslichen Genehmigungsstelle für ehemännliche Erkundungsfahrten zwecks turnusmäßiger Vermessung der Dänischen Südsee sehr erfolgreich Punkte sammeln.

Armin möchte aufräumen. Wenigstens etwas.

Wir einigen uns, müssen dann zu Fuß schnell einmal durch den ganzen Hafen, sind Viertel vor Fünf an „Det Gamle Værft“. Die soeben geschlossen hat! Durchs Fenster sichtbarer Krimskrams in den Werftregalen schaut aus, als hätte er daheim etwas bewirken können. Nun werden wir uns für 2019 was einfallen lassen müssen. Aber Segelklamotten, die schon aufgehängt gut trocknen, haben ja auch ihr Gutes.

Detlef Hoepfner
Werft in Æroskøbing
Fähre
Wo bin ich 😉

Wir schleichen um die Bootsbaustellen und schlagen uns in die Nebengassen. Eine schöner als die andere, gehalten in farbenfrohen, aber nicht übersättigten Farben, flaniert von den hier typischen Stockrosen. Von der Nørregade schaut man durch die offenen Fenster in dänisch designte Wohnräume. Und blickt durch deren hintere Fenster gleich weiter durch auf die Ostsee. Die Jahreszahlen auf den Giebeln verraten, dass man schon in den 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts wusste, wie es sich schön wohnen lässt, ganz ohne Fototapete oder Riesenglotze an der Wand.

Æroskøbing
Æroskøbing

Zurück am Boot stellt sich ein Mordskohldampf ein, das nächste Tourrezept soll gegensteuern … da schiebt sich von hinten gelb-grauer Kunststoff in unseren Augenwinkel. Hinter den Bugkorb gestopft und draufgekrempelt ein Berg Stoff, neben dem im Cockpit lose herumliegenden Baum am Steuer ein alter Mann im Blaumann. Der halbe Hafen gähnt vor Leere, aber das Ungetüm treibt – genau auf uns zu. Schnell checken wir unsere Fender. Am Bug wohl sein Enkel, der nach gemeinsamen Boots-Hin-und-her-Geschiebe schließlich den Steg erreicht. Nicht nur uns dämmert nun, dass der liebenswerte Seebär das Thema „Heckleinen“ bisher für überbewertet hielt und sich sonst einfach parallel an einen – heute leider belegten – Platz gegenüber im Hafen geknotet hat. Er taucht im maritimen Krempel unter und macht sich auf die Suche. Alsbald gibt er sich als echter Öko zu erkennen: Aus zerfranstem Strandgut in diversen ausgeblichenen Blautönen lassen sich nicht nur modische „Kampf dem Plastikmüll“-Armbändchen knoten, sondern auch zwei Heckleinen, die zumindest eine Anforderung erfüllen: Sie bilden eine geschlossene, wenn auch dünne Linie von A nach B. Das Boot muss nun wieder nach achtern, irgendwann sind die „Leinen“ über den Pfählen und vor unserem inneren Auge laufen Filme ab, wie wohl nachts der Wind dreht, in welchem Hafenquadranten dieser Seelenverkäufer landen mag und ob die dabei zurückgelegte Strecke unseren Liegeplatz kreuzt. Der unendlich geduldige Enkel holt den Bug zurück zum Steg und belegt die Vorleine. Der Käptn arbeitet sich nach vorne durch, mustert den Abstand zum Steg, bewertet ihn als viel zu groß und macht sich wieder an den Heckleinen zu schaffen. Hier noch etwas zupfen, da noch was dehnen, diesen Knoten etwas knapper knüpfen. Der Enkel findet es nun gut. Der Käptn widerspricht mit Blick auf den Abgrund zwischen Boot und Steg: „Ich bin ein alter Mann!“ Die Zeit vergeht, es wird getüddelt und geknotet, schließlich setzt der Enkel seinerseits ein Statement: „Alter Mann hin oder her! Die Leinen sind einfach zu kurz!“ Irgendwann ist eine Lösung gefunden, in unserer Pfanne beginnt es lecker zu brutzeln und wir haben zwei Gedanken: Hoffentlich kommen die Zwei morgen gut nach Hause. Und was für ein Glück und Geschenk für ihn, in dem Alter noch jemanden zu haben, der einen kraftvoll und jugendlich motiviert begleitet!

Kurs Marstal
Kurs Marstal

Die Segelwoche neigt sich, es ist nochmal sehr viel Wind aus Nord angesagt. Die Richtung passt perfekt, wir haben gut geplant. Nur zwei Tage drauf ist endlich nachlassender Wind angesagt, wenn wir wieder einen sehr lange Schlag zurück nach Deutschland vor uns haben. Aber jetzt schon ganz zurück … doch lieber Zwischenstopp in Bagenkop. Raus aus Ærøskøbing pfeift es wieder ordentlich. Das Groß ist angeschlagen, aber nicht gesetzt. Wir hoffen, allein mit sehr reduzierter Segelfäche – unter Fock – bei kräftigem Nordwest auf Halbwindkurs mit Kurs auf Drejø so viel Höhe halten zu können, um von dort in die Mørkedyb-Rinne hinunterzurutschen. Die Welle nimmt ordentlich zu, die paar Segler um uns rum schauen von deutlich größeren Booten auf uns runter. Sie könnten notfalls auch unter Motor einen Kurs „erzwingen“. Wir dagegen müssen uns völlig an die Situation adaptieren.

Mørkedyb
Einfahrt ins sehr strömungsstarke Mørkedyb-Fahrwasser

Aber unser Generalplan „Tag 1 nach Nord, dann nur noch Süd“ geht inklusive dieses kleinen Hakens nach NO prima auf. An der nördlichen Untiefetonne halsen wir nach Steuerbord und zischen nur so durch die enge Rinne, vorbei an Birkholm dem wilden Zickzack der Betonnung folgend – seitlich wird es schnell unangenehm flach, und Wellen haben ja nicht nur Kuppen, sondern zwischendurch auch Täler. Von achterlichem Wind und Wellen durchs Fahrwasser geschoben zu werden ist immer wieder überraschend trügerisch: Noch vor einer Minuten hat es gebockt, gespritzt, gepfiffen – nach der Kursänderung herrscht fast Ruhe, da sich Wind, Wellen und Boot in praktisch gleichem Speed bewegen. Hier jetzt wenden und zurück kreuzen zu wollen, wäre darum kaum möglich. Nach der Mørkedyb-Rinne (Kartenausschnitt) müssen wir Marstal passieren, auch von dort geht es Richtung Süd, dazwischen aber liegt ein kurzer, starker Kurswechsel leicht gegen den Wind aus NO, dass wir nicht sicher sind, ob wir den ganz ohne Großsegel halten könnten. Den Fehler hatten wir in der Vergangenheit schon einmal gemacht – mit dem Ergebnis, bei recht viel Welle zwischendurch das Großsegel setzen zu müssen und dann mit der vergrößerten Segelfläche nach erneutem Kurswechsel und nun Raumschotsbeschleunigung die Einfahrt in den Marstaler Hafen dermaßen mit Karacho zu durchfliegen, dass wir garantiert gegen jedes Tempolimit im Hafen verstießen und dort erst mal sehen mussten, in freiem Raum Speed aus dem Boot zu bekommen.

Fahrwasser-Wirrwarr vor Marstal – und das Trockendock ist weg

Also Ausschau gehalten, ob man den nächsten betonnten Haken Richtung Marstal nicht etwas mildern und abkürzen kann, ohne das Boot auf eine Sandbank zu setzen. Am Ende der Rinne bietet sich dazu nach SW ein Schlag über „Meyers Grund“ an, angesichts des Seegangs mit deutlichem Abstand zu den Tiefenangaben, die mit einer „2“ vor dem Komma in der Karte stehen. Vor Marstal angelangt gilt es dann, die richtige Betonnung der drei Fahrwasser plus Hafenzufahrt statt der vorgelagerten Steinmole zu erwischen – nur unter Vorsegel bei dem vielen Wind und ohne Option, unter Motor zu korrigieren gibt es hier auch nur einen Versuch, richtig abzubiegen. Wir hatten überlegt, noch einen Zwischenstopp einzulegen, den Tag extra hätten wir dafür. Aber morgen soll das Wetter komplett kippen, statt kräftigem Nordwest plötzlich Südwest. Wir möchten hier nicht plötzlich eingeweht werden und denken, dass wir weiter südlich auf Langeland besser aufgehoben sind, um von dort bei SW zurück nach Deutschland zu kommen. Also weiter. Backbord schimmern mit klarer Farbkante abgegrenzt die Sandbänke dicht am Fahrwasser, die Kulisse von Marstal zieht beim Kurs Süd steuerbord vorbei, mit gewöhnungsbedürftigem Umriss: Jahrzehnte gezeichnet von den in den Himmel ragenden Fingern der Kräne und dem kastigen Schwimmdock der Marstal Værft, deren landschaftsprägende Stahlmonster aber 2017 nach Svendborg verlegt wurden. Schön war anders – aber irgendwie fehlt einem diese Landmarke jetzt doch.

Strom
Kräftiger Strom, dahinter flach

Wir lassen die kringelige Navigation zwischen den Inseln hinter uns, weiter vor uns als Ziel die Südspitze Langelands mit ihrem Hafen Bagenkop. Nach wie vor ist als einziges Segel die Fock gesetzt und wir werden von Wind und Wellen mächtig nach Süden geschoben. Auch später noch, als nach 20 sm Bagenkop vor uns liegt, steht der Wind noch kräftig auf dem Hafen, auf der freien Wasserfläche hat sich eine ganz schön Dünung aufgebaut, die an der Steinmole weiß schäumend hochrauscht. Unser Learning des Tages: Wenn man schon ausnahmsweise sogar einen Wegepunkt auf der elektronischen Karte setzt, sollte man diesen auch ansteuern und den nächsten Kurswechsel beachten, ob man jetzt schon zum wiederholten Mal hier ist oder nicht. Und nicht diesen passieren lassen, um dann festzustellen, dass man – weiter nur unter Fock, bei nicht wenig Welle (also Außenborder undenkbar)  an der Hafeneinfahrt vorbeigesegelt ist. Gut, man kann uns zugute halten: Die Ansteuerungsmarken an Land so lange vergammeln zu lassen, bis sie vor den gleichfarbigen Ferienhauswänden unsichtbar werden, ist hafenseitig auch nicht gerade hilfreich. Also ein Stück zurück, und im Vorhaben ist es endlich schlagartig ruhiger, der Adrenalinspegel sinkt wieder ein wenig und hier bekommt man auch den Außenborder startklar.

Hafen Bagenkop
Armin Pech
Besser kann es einem nicht gehen

Die vielen freien Boxen liegen leider alle quer zum Wind, der Winddruck nur im Rigg reicht aus, unser festgemachte Boot zu krängen. Noch hoffen wir, einen der später einladenden Segler neben uns locken können für etwas Deckung. Stattdessen gibt es zwar gut zu tun, von ebenso zerrupften Seglern Leinen anzunehmen. Aber ihre fetten Motoren, mit denen sie mehr oder weniger erfolgreich versuchen, ihre Anleger kontrolliert verlaufen zu lassen, wühlen das halbe Hafenbecken rund um uns auf und es ist dann vielleicht doch besser, dass wir alle etwas Abstand halten.

Nebenan werden die gemessenen Windgeschwindigkeiten diskutiert, und unser Zelt fürs Cockpit bleibt fest weggepackt. Und da wir ja bei dem Gepfeife kaum den Gaskocher in Gang bekämen, müssen wir leider, leider, ausnahmsweise im Hafenkiosk Riesenportionen Langelænder-Pommes und ein paar dicke Burger verdrücken. Nur ein Pølser reicht heut nicht. Aber auf einem Stuhl zu sitzen, ohne dass einen der Wind wegdrückt – das ist auf einmal ungewohnt. Wir gucken weiter Wetter, Wetter, Wetter: Morgen, am vorletzten Tag, kräftiger Südwest. Übermorgen dann deutlich weniger – yieppieh, zuletzt noch ein ruhigerer Segeltag? Wir laufen nochmal zur Hafeneinfahrt, schauen uns den Seegang und ein paar dazwischen einlaufende Angler und Segler an, klettern auf den kleinen Aussichtsturm: Da möchten wir jedenfalls so bald – und vor allem in Gegenrichtung – nicht wieder durch.

Bagenkop
Bagenkop

Landratten-Wanderung zu den „Huthügeln“

Also klarer Fall: Wir legen nach einer herrlichen Dusche (keine Münzen nötig 🙂 ) und leckerem Kirschmarmeladenfrühstück einen zweiten Landtag ein. Die Südspitze Langelands mit ihren schönen Klippen kennen wir aus der Seeperspektive. Sie ist durch viele „hatbakker“ geprägt, aufgereihten „Huthügeln“ aus der letzten Eiszeit, zu Kieshügeln zusammengeschoben vom Eisdruck vor 15.000 Jahren. Zu Fuß machen wir uns auf den Weg, wundern uns bei warmem Wetter über die merkwürdige Betonnung der durch die Felder und Wiesen führenden Wege, staunen über wilde Pferde, kleine Wäldchen, lange Kiesstrände und immer wieder grandiose Aussichten von den kuriosen Hügeln über die Landschaft bis aufs Meer. Abends taucht die Sonne die sich langsam beruhigende Dünung am Strand neben dem Hafen in rotgoldenes Licht.

In Slow Motion zurück

Letzter Segeltag: Wir sind für unsere Verhältnisse früh auf, brauchen auch eine Hand vom später angelegten Nachbarlieger, der sich über unsere Heckleinen getüddelt hat. Und OK, ja der Bäcker macht erst um 8:00 Uhr auf. Wir tuckern kurz drauf bei endlich moderatem Wind raus aus dem Hafen, setzen Segel und nehmen Kurs auf die deutsche Ostseeküste. Nachdem unser letzter Versuch, im Hafen einen leckeren Käse zu erstehen (oder überhaupt Käse zu entdecken) nicht sehr erfolgreich war, gibt es an Bord jetzt ein paar merkwürdig rauchige Käsebrocken auf frischen Brötchen und – Kirschmarmelade.

Klippen
Die Klippen, jetzt von See aus
Kurs auf die deutsche Ostseeküste
Kurs auf die deutsche Ostseeküste

Es geht gut los mit vier, fünf Knoten, aber der Wind zielt was anders, als angesagt, dumm gelaufen: Direkt anliegen könnten wir südlich Kiel, da wollen wir aber gar nicht hin, sondern nördlich davon zur Schlei. Ein paar große Kreuzschläge sind kein Problem, wenn … ja wenn nicht die Windpfeile im Laufe des Nachmittags so verdächtig kreuz und quer auf der Vorhersagekarte verteilt in alle Richtungen herumzeigen würden (so sah das aus). Das erinnert doch verdächtig an die Stellungen der Verklicker in unserem Heimathafen, wenn – gar kein Wind mehr ist. So ähnlich kommt es dann auch.

Es wird wärmer und wärmer, irgendwann nachmittags ist alles ausgebaumt, was wir an Segelfläche aufbringen können und wir trödeln in Richtung Schlei. Mit DMI-Vorhersagen auf Smartphone oder Tablet ist hier entfernt der Küsten mangels Netz auch nix mehr, aber man sieht ja auch so, was los ist. Die Hoffnung stirbt zuletzt: Da gibt es doch auf Funk … welcher Kanal war das noch gleich … Wetterinfos von Kiel Traffic. Krächzend kommen die Infos an Bord, auf irgendeinem Turm hoch oben haben sie wohl auch einen Luftzug gemessen – also hier kommt der jedenfalls gar nicht an. Wieder die übliche Rechnung „verbleibende Strecke geteilt durch fast keine Geschwindigkeit“ ergibt: Puh, da kommen wir ja erst am nächsten Morgen an, wo das Boot schon ausgeräumt sein sollte. Also schweren Herzens Segel runter, Motor an. Gegen 18.00 Uhr wird die Küste erkennbarer, noch eine Stunde später die typischen Silhouetten auf Schleimünde. Moment, was sehen wir im Fernglas – segelt da hinten jemand? Ein leichter Windzug geht, wir gucken uns an, deutliche Entscheidung für unsere letzten Seemeilen: Aus therapeutischen Gründen und zur Sicherung unseres Seelenfriedens sofortige Verordnung von: Motor aus, Segel setzen, Füße hoch.

Leuchtturm Schleimünde
Zurück am Leuchtturm Schleimünde
Schlei
In Slow Motion zurück in die Schlei

Mike ruft an, wann wir eigentlich ankommen heute? Wir müssen noch zur Mündung, Schleimünde vorbei, nach Maasholm rein, haben locker einen Knoten Speed, in Spitzen zwei, überlegen kurz, ist das noch ne Stunde oder zwei, übersetzen es in Folkeboot-Maßeinheiten und antworten klar: „Gleich.“ Am Leuchtturm Schleimünde ballern noch ein paar Boote an uns vorbei, schaukeln uns durch, dann herrscht Ruhe. Vor uns geht die Sonne unter, die Schlei glänzt golden und glitzert um uns rum, von hinten schiebt ein Windhauch vorwärts, es plätschert kaum am Bug. Nur für diesen Schlag, die Tour hätte sich schon gelohnt. Eineinhalb Slow-Motion-Stunden später fallen vor Maasholm die Segel, der Bug schiebt sich nach 105 Seemeilen wieder zwischen die festgemachten Folkeboote.

Mike steht am Steg. „Ich dachte schon … ihr hättet euch verfahren.“ Stimmt irgendwie auch. Eigentlich waren wir nur deswegen losgefahren.

Gesamte Runde um Ærø mit 105 Seemeilen (knapp 200 km)

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