Seekarten-App der Ostsee: Vergleich Raster vs. Vektor

Auf der boot 2019 zeigte der NV-Verlag seine erste Software-Version, die auch für uns Hobbysegler die Darstellung von Vektorkarten unterstützt. Aus meiner Sicht in vieler Hinsicht das „schlauere“ Format, da alle Elemente als Objekte behandelt werden, die dynamisch skaliert, mit Zusatz-/Metadaten hinterlegt werden können usw. Andererseits: Man kennt das Problem aus anderen Medien (wie umfangreichen technischen Dokumentationen), bei denen die Ansicht dynamisch generiert statt vom Layouter „gemalt“ wird: Ganz schön schwierig, das einigermaßen schick hinzubekommen. Oder bei einer Karte: So, dass man in allen Zoomstufen eine optimale Darstellung hat. Eine Rasterkarte aus Bildpunkten kann für nur eine Ansicht perfekt optimiert werden, da schiebt man halt alle Beschriftungen so lange hin und her, bis es passt. Anderes Beispiel: die handgemalten „Skylines“ in den Hafenhandbüchern von NV finde ich manchmal aussagekräftiger und mehr auf den Punkt als ein perfektes Originalfoto der Ansteuerungssituation.

Stellungnahme von NV dazu ist: „… wir arbeiten an Möglichkeiten, das in Zukunft weiter optimieren zu können. An einigen Übergängen planen wir auch weitere Anpassungen.“ Also work in progress!

Andererseits bietet die Vektorkarte eine Fülle von Zusatzfeatures. Der NV-Verlag hat bei NV Charts (Stand Mai 2019) Funktionen integriert, die eine Route bezüglich der Wassertiefen prüft und bei Problemen warnt, auch können die Sektoren von Leuchtfeuern über das ganze Display verlängert werden. Die Kehrseite: Man muss eigentlich immer mehrmals auf die Karte tippen, um beispielsweise nicht eine Liste aller Pfähle im Hafenbecken, sondern die Hafenangaben angezeigt zu bekommen. Um sich selbst ein Bild zu machen, hier eine Sammlung an Screenshots: Jeweils NV Chart als Rasterkarte, als Vektorkarte und zum Vergleich die Kartenwerft-Navgo-App. In den Rasterkarten überlagert NV auch einige der Vektor-Informationen (wie Sektoren) und kombiniert die beiden Darstellungen. Die Kartenwerft-App Navgo hat ein paar Features weniger, größten Nachteil finde ich die fehlende Cloud-Anbindung für eigene Marker und Routen, und dass die Lizenz nur auf mageren zwei Devices läuft (NV: auf bis zu fünf Geräten!). Dafür kann sie wiederum extern getrackte Routen einlesen und auf den Karten darstellen, hat einen tollen virtuellen Zirkel zum Peilen und Messen und importiert aktuelle Ostsee-Revierinformationen. Andererseits funktioniert bei der noch etwas hakeligen NV-Version aktuell der Export von Markern nicht (Routen-Export scheint gar nicht vorgesehen).

Den Delius Klasing Yachtnavigator spare ich hier aus, die scheinen im Moment einen ziemlichen Hänger zu haben (obwohl ich dessen UI von allen drei Apps vor Kartenwerft – Platzverschwendung durch graue Balken – und NV Charts – bei jedem Menü ist der halbe Bildschirm verdeckt und zu vermischte Menüs – am besten finde). Bei den anderen App-Anbietern finde ich das Kartenmaterial nicht so attraktiv wie bei den „lokalen“ Anbietern. Die Apps unterscheiden sich noch in vielen anderen Details, darum soll es hier aber nicht gehen.

Nachgetragen habe ich noch iSailor – Dank an Björn Ole Pfannkuche, der damit seit Jahren unterwegs ist. iSailor ist sicherlich softwareseitig von allen Apps extrem weit vorne, und die Konkurrenz müsste eigentlich nur dessen Oberfläche kopieren, um eine super Bedienung zu bieten. Dagegen sehen andere Apps teilweise eher wie eine Entwickler-Studie aus. Etwas verärgert hat iSailor aber seine User durch das geänderte Abomodell, und die europäischen ø oder Å kennt die App gar nicht.

Brücke Lindaunis auf den Seekarten

Achtung, Falle: in einer ersten Version fehlten mir die Brückenöffnungszeiten in NV Charts. Lösung: in den Optionen muss „Markierungen/Info“ aktiviert sein!

Zoomstufe kleiner Belt / Kieler Bucht

Svendborgsund

Die Aktivierung der Leuchtfeuersektoren (hier in der Vektordarstellung) bzw. deren Deaktivierung sind etwas gewöhnungsbedürftig. Info von NV: „Die Leutturmdarstellung ist eine Funktion, die wir aktiv zur Gestaltung der Kartographie nutzen und die hervorgehobene Darstellung der Sektoren ermöglicht, diese sichtbar zu behalten, selbst in der Routenbearbeitung. Um jedoch auch in der Routenbearbeitung (nicht bei der ersten Erstellung der Routen, sondern insbesondere der Nachbearbeitung) die Sektoren noch sichtbar zu behalten, was eine Routenplanung nach seemännischer Praxis ermöglicht, ist es leider notwendig, die [Sektoren] erst mit einem Long-Tab wieder zu deaktivieren. Neben der hervorgehobenen Darstellung aller Sektoren mit deren jeweiligen Reichweiten stellt die App auch einige Sektoren bereits in der normalen Darstellung hervorgehoben dar. Wir sehen das – neben der Information – auch als Gestaltungselement, welches das Lesen und Verstehen komplexer Fahrwassersituationen erleichtert.“

Fahrwasser Troense

Die anfangs falsche Vektordarstellung des Leuchtfeuers von NV ist mittlerweile behoben.

Ansteuerung Marstal, Mørkedyb-Rinne

Hafeneinfahrt Marstal

Rote Tonnen in Pink bei den Vektorkarten? So wie Tankstellen, Hafensymbole und und und? NV findet das klarer, ich finde es unlogisch und einen weiteren Punkt, wo das Gehirn wieder zusätzlich „umrechnen“ muss: Grüne Symbole sind grüne Tonnen, pinke Kleckse sind aber mal Tankstellen, mal Wracks, mal Wegpunkte und auch mal rote Tonnen. Immerhin ein Fortschritt von schwarz-weiß und vielleicht gibt es mal eine Alternative zum Barbie-Skin 😉

Routenplanung

NV Charts bietet eine Routenprüfung, Kartenwerft NavGo, iSailor und Delius Klasing Navigator einen Messzirkel/Peillineal. Update zu NV: An dieser Linealfunktion arbeitet man dort bereits.

Wetter und Strömung – welche Quelle stimmt nun …

Die Winddaten sollen laut NV „richtigen“ Wetter-Apps keine Konkurrenz machen – persönlich würde ich sie dann lieber weglassen (oder kostenpflichtig gute Daten importieren können, zumal z.B. Wetterwelt schon windabhängige Routing-Funktionen integriert). Cooler sind wohl die Strömungsdaten, hier im Beispiel mögen die Unterschiede übrigens auch daran liegen, dass zu der Zeit nur minimaler Strom ging. NV dazu: „Spannend finden wir, auch als Ostsee-Segler,  jedoch auch die Strömungen, die auf einem Operativen Modell beruhen, die meteorologischen Einflüsse berücksichtigen und so eine Prognose der Strömungen in der Ostsee ermöglichen.“

Hafeninformationen Troense

Benutzte Hardware

Die Screenshots entstanden auf einem iPad Pro 10,5 ” im PNG-Format, evtl. sichtbare Bildstörungen stammen also aus der App-Darstellung. Der Cloud-Sync erfolgte zu einem iPhone 7 (dort lief NV Charts Anfang Mai aber noch hakelig: z.B. manchmal keine Vektor-Funktion auswählbar, Leuchtfeuer-Sektoren manchmal ohne Farbbalken und schwer anwählbar).

In NV Charts wurden die Online-Karten geladen, die man nach der App-Installation frei erproben kann. In der Kartenwerft-App lief eine erworbene (und aktuelle) Kartenlizenz.

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