Folkeboot-Segeltour „Schlei – Plan B“

Detlef und ArminDetlef Hoepfner

Nach zwei Jahren mit ein­er aus­ge­fal­l­enen Folke­boot-Tour und einem Törn von Testzen­trum zu Zah­narzt­prax­is 2022 endlich wieder eine ganze Woche auf dem Wass­er – beina­he: vor dem Vergnü­gen waren wieder ein paar Hür­den zu nehmen

Trööööööt …! Bin selb­st etwas erschrock­en, wie laut es über die Schlei nach einem kräfti­gen Lun­gen­zug in Rich­tung Camp­ing­platz schallt. Aber irgend­wann muss man dieses Mess­ing-Sig­nal­horn doch auch mal prak­tisch nutzen! Haaaaaa-loooooo-klaaaau­u­u­u­us?! Wir wis­sen nicht, ob unser Fre­und und Nach­bar sein Folke­boot „Panik“ pünk­tlich hier an die Schlei bekom­men hat. Am Steg, den wir auf unserem mehrstu­fi­gen Weg von Maasholm Rich­tung Schleswig passieren, sehen wir es nicht im Fer­n­glas. Auch der Camp­ing­platz scheint unbelebt. Wir haben den Platz schon halb passiert, da kommt seine Frau ans Ufer gelaufen. Jet­zt haben wir spon­tan gar nicht gecheckt, wie flach es da vorne ist. Aber mit ein paar Rufen und Arm­be­we­gun­gen ist auch über Ent­fer­nung klar: Die „Panik“ wird heute in Mis­sunde gekrant, zu Wass­er gelassen und der Mast gestellt. Da kom­men wir jet­zt eh vor­bei. Aber passt unser unvorherse­hbares Tim­ing zu den knap­pen Kran-Zeitslots?

Typ­is­che Schlei-Per­spek­tive, davor ist es flach – Kartenkonzentration …

Was ein Zufall! Dabei war vor ein paar Tagen noch gar nicht klar, ob wir über­haupt zu unser­er jährlichen Tour wür­den starten kön­nen. Eine Sor­gen bere­i­t­ende What­sApp „Kön­nen wir bitte tele­fonieren?“ ging schon vor zwei Jahren ein­mal zwis­chen uns hin und her. Damals hat­ten wir in gegen­seit­iger Abstim­mung beschlossen: Wir kön­nen dies­mal gar nicht los. 2022 nun eine ähn­liche Sit­u­a­tion. Aber wieder ist für uns klar: Wenn ein­er von uns in der Klemme ist, tra­gen wir nötige Entschei­dun­gen gemein­sam, gar keine Frage. Nach län­ger­er Krisen­sitzung per Videoschalte beschließen wir: Das Auto wird nicht wieder aus­gepackt, wir schaf­fen uns stattdessen unter­wegs aus­re­ichend Ausstiegs-Optio­nen. Und einen Plan B braucht man beim Segeln ja sowieso immer, min­destens. Vor allem, wenn die Lärche für den Boot­srumpf der dies­mal gechar­terten „Mumi“ schon 1968 auf die Eichenspan­ten gelegt wurde.

Ges­pan­nt sind wir dies­mal nicht nur auf diese gut sieben Meter Folke­boot, son­dern auch auf die Ver­char­ter­er Jean­nine und Sven Stein­bach. Ab dieser Sai­son führen sie die Pflege und Ver­mi­etung von Jacaran­da, Maj, Admi­ral Jacob und eben Mumi weit­er. Kon­takt und Über­gabe laufen super easy und sym­pa­thisch. Schnell haben wir das Gefühl: hier ist das Pro­jekt „Klas­sisch am Wind“ wieder in gute Hände weit­ergegeben. Mit Jacaran­da und Maj haben wir schon etliche Touren durch die „Dänis­che Süd­see“ gel­og­gt, auf Admi­ral Jacob immer­hin ein­mal über­nachtet und sind nun ges­pan­nt, wie „Mumi“ und wir uns miteinan­der anfreunden.

Her­aus­forderung Nr. 1 ist wie immer (nach­dem Armin sich endlich im Super­markt auf die richtige Sorte Kartof­feln geeinigt hat): Wie bekom­men wir mehrere Hand­kar­ren voller Klam­ot­ten und Lebens­mit­tel, zuvor von Armin schon nach unser­er Stan­dard-Cloud-Einkauf­s­liste eingekauft, in dieses Boot? Auto leer, aber Vordeck und Cock­pit kom­plett voll … Die „Maj“ hat­te noch Schwal­bennester über den bei­den Kojen. Hier stößt man sich zwar nicht den Kopf daran, aber es fehlt auch der Stau­raum für Zwiebeln, Brot, Nudeln, Kul­turbeu­tel, Kam­era, Navi-iPads, Ladegeräte … und und und. Also unter Deck erst mal Platz geschafft, Klapp­tisch oder Ret­tungsin­sel haben wir eh nicht vor zu nutzen, also alles in die Eck­en damit. Dann die ganzen Boden­bret­ter lock­ern und inspizieren, wo man was in der immer etwas nassen Bilge unter­brin­gen kön­nte. Gut ver­pack­te Lebens­mit­tel nach unten, den Käse lieber nach oben. Hält sich hier etwas küh­ler, weg­fut­tern sollte man ihn den­noch schnell. Sog­ar eine kleine Kühlbox würde man hier vielle­icht unter­bekom­men. Richtig am Vor­luk platziert, kommt man an manche Kisten später sog­ar bequem vom Vordeck aus. Wenn man nicht vorher vergessen hat, im engen Bug den Schnap­pver­schluss zu öffnen …

Kompass
Detlef Hoepfn­er

Hör auf zu heulen

Die erste kurze Nacht und den Ein­räum­tag liegen wir noch in Maasholm. Um Werft und durch die vorge­lagerten Yacht­en heult der Wind, die Flaggen zer­ren mächtig an ihren Leinen. Nicht der Sound, den man nach anstren­gen­den Arbeitswochen, Anreise und unklar­er Wochen­per­spek­tive hören will. Wir check­en die Wet­ter­mod­elle ECMWF und ICON. Schauen von der vorge­lagerten Hafen­spitze zu, wie andere Boote kleine Testrun­den vor Maasholm drehen und wie sich die von Kap­peln kom­menden Boote schla­gen. In Schleimünde wären wir bei dem Wind easy. Aber da fahren am Woch­enende alle hin, das sparen wir uns. Und die näch­sten Ziele via Ost­see liegen danach zu ent­fer­nt, zumal bei unser­er Pla­nungs-Unsicher­heit. Abends spät hält sich der Wind an die Vorher­sagen, wird etwas ruhiger. Ich habe auch schon nach nur einem Tag genug vom Schnack der „Hafen-Dauer­cam­per“ und wir müssen auch unser­er Psy­che zuliebe los. Kurz vor Jahresmitte ist es nun — zumal hier im Nor­den — eh ewig lange hell. Nächst erre­ich­bar liegt Kap­peln, da hät­ten wir auch bei Wet­ter­ver­schlechterung etwas zu tun. Der nun zwar angenehmere Wind ste­ht auf der Strecke jedoch genau gege­nan.
Jet­zt sind wir nicht für Angst vorm Kreuzen bekan­nt und so bere­its den kom­plet­ten Als-Sund hoch. Aber wir entschei­den uns für eine Kom­bi: Die Segel wer­den gegen 19.00 Uhr angeschla­gen und los gehts. Prompt fällt uns nach dem Able­gen auf, dass wir in den Schnüren doch noch was überkreuz haben. Also ein guter Test. Das ist die Her­aus­forderung Char­ter-Segeln: Mit dem eige­nen Boot ist man ewig ver­traut, was einem nicht gefällt, baut man um. Aber selb­st diese vier fast gle­ichen Folke­boote haben doch hier und da ihre kleinen Unter­schiede, und so ist man als Char­ter­er beson­ders gefordert, sich schnell zu adaptieren. 

Nach ein paar Wen­den geht der Kurs nach Nord­west, die Segel bei­de wieder runter und wir sind total begeis­tert von diesem 4‑PS-Außen­bor­der: Der Vier­tak­ter läuft ruhig und leise, springt immer verzögerungs­frei an, stinkt weniger und braucht kaum Sprit. Mehr kann man von der Prob­lem­stelle Nr. 1 eines Segel­bootes nicht ver­lan­gen. Einzig der Kraft­stoff­schlauch klemmt gerne mal an der Motorhal­terung, zum Manövri­eren mag man den Außen­bor­der ja gerne auch mal kom­plett um 90°quer stellen. Mit einem langsamen Seit­en­im­puls dreht man den Langkiel­er so gut. Am besten gefällt uns fast die lustige Beschilderung „Hase“ und „Schild­kröte“ am Gasgriff.

Gashebel
Detlef Hoepfn­er Ganz wichtiger Hin­weis für uns Segler

Die let­zte Brück­enöff­nung in Kap­peln ist abends kurz vor zehn, das schaf­fen wir lock­er. Beim ASC find­en wir einen schö­nen Platz mit dem Bug zur Schlei und Heck in die Abend­sonne. Dabei etwas weg vom Landleben und der den Muse­umshafen über­ra­gen­den Milch­fab­rik, deren Vorbe­sitzer bis 2019 dem Prom­e­naden­weg seinen Namen gab.

Hier gön­nen wir uns einen Tag drin­gend nötiger Ruhe. Wir dür­fen gelassen­er abwarten, wie sich daheim unsere Lagen entwick­eln und wären schnell zurück. Die Stadt lädt zum Bum­meln ein, das Hafen-Restau­rant ist mega (bester Veg­gie-Burg­er vonne Welt), die Muse­umss­chiffe lock­en gle­ich nebe­nan und wir liegen sich­er und ruhig. Einzig auf solche schlicht­en Wan­der­segler wie uns ist man hier nicht unbe­d­ingt opti­mal eingestellt. Und wir ler­nen: Für eine Mit­glied­schaft (zu unge­nan­nten Kosten) bräucht­en wir hier zwei Bür­gen — das bekom­men wir aber schnell hin, zählen wir uns bei­de an Bord kurz durch 🙂

Richtig raus aus der Schlei wer­den wir diese Woche nicht kom­men, das wird uns bei­den langsam klar. Unser Ziel Aver­nakø aber von unsere To-do-Liste kön­nen wir vergessen. Armin: „Durch Plan B stand fest, es gibt nur einen Weg: Schlei rauf und anschließend wieder abwärts, soweit wir wollen. Also alles entspan­nt.“
Sesshaft wollen wir hier in diesem Hafen nun jedoch auch nicht wer­den. Dagen spricht am näch­sten Tag in ger­adezu lehrbuch­mäßiges auftür­men von Gewit­ter­wolken über der Stadt. Flankiert wer­den sie von dun­klen Fron­ten am Hor­i­zont. Wir check­en das Wolken­radar, schauen in den Him­mel, prüfen Den Wet­ter­bericht und ergreifen eine Gele­gen­heit, die uns gün­stig scheint. Unter Motor wenig­stens schnell rüber nach Arnis, in Bewe­gung zu sein, und sei es nur so kurz, tut uns gut. Aber die Idee, der Front auszuwe­ichen, haut nicht ganz hin: auf dem Weg holt sie uns langsam ein und duscht ein­mal das Salz Wass­er von uns und dem Boot. Angekom­men in Arnis begrüßt uns dafür Son­nen­schein. dazu noch der beste Hafen­meis­ter weit und bre­it, der seinem Namen gerecht wird. Da fehlen nur noch Annette und Hildor, die uns hier im let­zten Jahr von Land aus sup­port­et haben.

Ein Rundgang um die Hal­binsel durch die Gärten und Werft­gelände oder ein Flammkuchen in der Schleiper­le sind alle­mal einen Nach­mit­tag wert. direkt vor unseren Augen wird sog­ar ein kom­plettes Kümo ger­ade frisch geslippt.

Erdbeeren bunkern

Folkeboot vor Brücke
Jörg Lubs Unser Holz­boot vor viel altem Stahl

Next Stop Lin­dau­nis — übri­gens aus­ge­sprochen „Lin­dau-Nis“ wie mich meine nord­deutsche Fam­i­lie überzeugt. Let­ztes Jahr war hier für uns End­sta­tion. Die skurille Brücke ist allein einen Besuch wert, aber — wenn wieder mal verklemmt — für hohe Mas­ten nicht passier­bar. Wir sind mit den Infos der die beein­druck­ende Baustelle ver­ant­wor­tenden Bahn opti­mal ver­sorgt, müssen uns bei der Ans­teuerung der Mari­na direkt vor den gigan­tis­chen Baustellen-Pon­tons nur noch für einen Liege­platz entschei­den: eher Ost­seite mit Blick zurück in die Schlei oder gegenüber Rich­tung Brücke? Armin plädiert kurzfristig für die zweite Lösung und wir machen dort fest. Kurz danach geste­ht er, warum: ihn lock­te ein beson­ders kurz­er Weg zu den etwas ent­fer­nt liegen­den San­itäran­la­gen. Unser Video vom zugegeben­er­maßen idyl­lis­chen Lauf bis zum Aus­gang wurde dann zum Lach­er in unserem Vere­in: Lange Schlangen­lin­ien lief man von hier zum in Wirk­lichkeit max­i­mal weit ent­fer­n­ten Tor. Nur ganze zwei Boote in der gesamten Mari­na hat­ten einen noch weit­eren Weg zum Klo. Aber gutes Tim­ing ist beim Segeln ja essentiell.

Bedrohlich nur mein gefährlich zur Neige gehende Vor­rat an frischen Erd­beeren. Also ein­mal Ziel Obsthof und zu Fuß über die alte Brücke. Das ist schon ein Aben­teuer für sich. Zwis­chen Schienen und Gerüsten klet­tert man — oft mit Blick auf das Wass­er unter einem — über Bleche und und Bret­ter mit lose rum­liegen­den Nägeln. wirk­lich eine die Fan­tasie anre­gende Kon­struk­tion.
Abends lässt der Baulärm nach, der uns über­raschend wenig stört. Vielle­icht liegt es an der faszinieren­den Kom­bi­na­tion von alter und entste­hen­der neuer Brücke, für die sich riesige Bohrköpfe in den Boden drehen. Die selt­samen Seeze­ichen zwis­chen den Maschi­nen geben zusät­zliche Rät­sel auf. Man hat sie zulet­zt in der Segelschein-Prü­fung gesehen. 

Wellengluck­ern an dem gestuften Holzrumpf

Im schwinden­den Licht des Abends lässt sich noch ein Seeadler von ein­er Möwe attack­ieren und schwingt sich majestätisch davon. Jet­zt spürt man nur noch eine leichte, kalte Brise, die sich in Wellen durch das Schilf schwingt, das uns vom Ufer tren­nt. Dazu mis­cht sich das brutzeln und Knis­tern auf unserem Gaskocher. Deswe­gen sind wir unter­wegs. Nachts ein Gek­limper, wenn die let­zen Schlei­wellchen unseren gek­link­erten Rumpf erre­ichen. Jed­er Kon­takt eine leicht rhyth­mis­che Melodie mit zufäl­li­gen Ton­höhen — das alles in näch­ster Nähe drei­di­men­sion­al um den eige­nen Schlaf­sack herum. Schön­er kann man nicht liegen.

Folkeboot im Schilf
Jörg Lubs Idyl­lisch-kurviger Schleiver­lauf vor Mis­sunde, Armin an der Pinne
Brücke Lindaunis
Detlef Hoepfn­er Vorm Öff­nen rät­selt man kurz, wo genau hier die Durch­fahrt gelingt

Nicht ganz dicht – Sorgen auf der „Panik“

Ros­tige Stahlträger gleit­en am näch­sten Tag beim Passieren der hochgewuchteten Lin­dau­nis-Brücke über unseren hölz­er­nen Mast. Die Pas­sage ist tat­säch­lich so schmal, wie sie von weit­em zwis­chen den vie­len neuen Spund­wän­den für kün­ftige Fun­da­mente schon erschien. Der grobe Kurs ist durch den Fjord­ver­lauf ja vorgegeben. Aber so richtig lockt uns noch kein Ziel. Die Enge bei Mis­sunde ist immer­hin eine lustige Kurverei, die wer­den wir uns heute gön­nen. Und wir wis­sen ja nun, wo vielle­icht Klaus und seine Panik aufzufind­en sind. Die Kurverei aber ist nicht nur Spaß, son­dern auch von Wind mit ca. 0 bis 0,1 Bft geprägt. Aus wech­sel­nden Rich­tun­gen. Trotz Gewicht­strimm und allen unseren Bin­nensegler­tricks geht es nur in Super-Slo­Mo weit­er. Da wis­sen wir noch nicht, dass dies der Wet­ter­gott für unser Tim­ing für ein Tre­f­fen mit der „Panik“ steuert. Wir haben sog­ar etwas Mühe, mit der net­ten Crew des Folke­bootes Salty die Schlei-Seit­en zu wech­seln, um uns dichter an die Mari­na zu hal­ten. (Dank an Jörg und Jan­nik für Eure Fotos!) Als sich unser Bug endlich vor den Kran schiebt, taucht langsam das Heck der Panik auf. Her­aus schiesst ein hek­tis­ch­er Wasserstrahl.

Boot unter dem Kran
Detlef Hoepfn­er Klaus hat ger­ade gekrant, als wir passieren – und muss extrem viel pumpen

Also nun wieder tief Luft holen und … tröt! Armin lacht sich halb kaputt über meinen verunglück­ten Sig­nal­stoß. Aber Klaus fällt uns ja son­st vor Schreck aus dem Boot mit dem Pump­schwen­gel in der Hand, wenn wir ihn so erschreck­en. Und wir sehen gle­ich: das ist da drüben doch ger­ade ein zu nass­es Vergnügem. Freudig-angestrengt gestikuliert und ruft Klaus zu uns rüber: „Na ihr habt es gut! Euer Boot ist dicht!“ Das Wass­er ste­ht ihm zwar nicht zum Hals, aber er bekommt im Boot doch ziem­lich nasse Füße. Das hat man selb­st bei einem Folke­boot auf Dauer nicht so gern. Was dann später hören: Sein ehre­namtlich­es Flüchtlingsen­gage­ment hat alle Boot­sar­beit­en daheim verzögert. Der Holzrumpf stand auch viel zu lange trock­en. Nun kämpft er mit einem kräfti­gen Wassere­in­bruch, über den auch noch die Pumpe kol­la­biert. Nach unserem kurzen Schnack und Weit­er­fahrt legt auch er mit Voll­gas ab, bei unserem Aussen­bor­der hätte dies wohl der Gashebel­stel­lung „Hase mit angelegten Ohren im Tief­flug“ entsprochen. Was ist let­ztlich die beste Lenzpumpe? „Ein erschrock­en­er See­mann mit einem großen Eimer.“ Auf eine kleine Sand­bank vor seinem Liege­platz geset­zt, ließ sich dann in Ruhe am ver­ankerten Boot weiterarbeiten.

Wir haben uns zwis­chen­zeitlich für das Ziel Flecke­by entsch­ieden, denn Schleswig lockt uns nicht so sehr. Vorher drehen wir eine kleine Runde vor dem Schloss Louisen­lund, wir scheinen dort aber nicht erwartet zu wer­den. Unser Ziel im Fer­n­glas ist der Yachthafen Flecke­by, denn der östlich direkt daneben liegende WSF scheint uns etwas selt­sam auf der Seekarte: die Stege sind von unzugänglichen Pon­tons umgeben, wir wer­den nicht so richtig schlau daraus.

Die Schlei mit all der Natur drumherum: Felder, Wälder, Wiesen, Knicks, Fis­chadler, Rehe auf Trep­pen – und dann all die ganzen Kuck­ucks 😀 …Zusam­men mit dem Folke­boot durch die Natur zu reisen, es ein­fach so genießen zu kön­nen – super schöne Zeit!

Armin Pech

Für unsere Rollen an Bord entwick­eln sich über die Jahre gewisse Vor­lieben. Die ver­suchen wir daher immer wieder ein wenig aufzubrechen, damit wir bei­de in allen Auf­gaben geübt bleiben. Aber jet­zt hantiere ich mit Pinne und Motor zwis­chen den Beinen und bin dankbar, dass Armin einen Blick auf die Karte wirft: „Das Fahrwass­er da vorne hast du gese­hen, oder?“ Ähm ja … natür­lich

In der Schlei kön­nen ne Menge “Dinge“ im Weg sein

Nun kor­rekt eingeschwenkt ent­deckt er auch gle­ich noch einen gut ans­teuer­baren Platz hin­ter den Pon­tons, die wir ursprünglich mei­den woll­ten. Kurz entschlossen lan­den wir so doch im WSF — eine der besten Entschei­dun­gen der Woche. Schon beim Anle­gen ste­ht jemand geduldig am Steg, bis wir uns entsch­ieden (und zwei Ton­nen Langkiel­er sich passend platziert) haben. Unsere Heck­leinen (hal­lo Sven 😉 ) erweisen sich wieder so eben zu kurz, es sei denn, ich wollte die ganze Nacht mit ihren Enden in den Hän­den auf dem Heck ste­hen bleiben. Also alles retour, gemein­sam wird eine passendere Box gefun­den und dort hin ver­holt.
Um uns wuseln dabei die üblichen Graubärte. Aber auch viele Kinder und Jugendliche flitzen über die Stege, und das nicht nur fein ausstaffiert für den Yachtie-Aus­flug. Was für ein angenehmer Unter­schied zu manch ein­för­miger Hafen­struk­tur. Wir fühlen uns super wohl. Ein paar Ein­heimis­che drehen ihre Segel­run­den in den sen­sa­tionellen Son­nenun­ter­gang. Far­big leuchtet er über der sich hier bre­it in Rich­tung Sonne aus­bre­i­t­en­den Schlei. Danach sind wir offen­bar allein im Hafen und genießen die Stille.
Gegen die Kälte hil­ft unser „Bern­steinz­im­mer“, wie Armin mir immer wieder den Stoff gewor­de­nen geschmack­lichen Tief­punkt aller bekan­nter Segel­macherkun­st schmack­haft zu machen ver­sucht. Da friere ich doch lieber, als in der Nähe so eines das Boot verun­stal­tenden Zeltes gese­hen zu wer­den! Aber auch meinen Vorschlag, dann doch wenig­stens die Auf- und Abbauerei zu sparen, indem wir kon­se­quent mit geset­ztem Zelt segeln, stösst im Team auf Ablehnung.

Klaus hat uns schon mit seinem magis­chen Feld­stech­er erah­nt, als wir auf dem Rück­weg wieder die Insel Kieholm ans­teuern. Wir leg­en kurz bei ihm an, erfahren die neuesten Entwick­lun­gen bei sein­er Boots- und Pumpen­reparatur an seinem Folke­boot und machen uns auf den Weg, die näch­ste Brück­enöff­nung in Lin­dau­nis zu erwis­chen. Wir erre­ichen sie sog­ar ver­früht und nutzen die Zeit für einige Segelschläge hin und her. Wie offen­bar sowieso eigentlich — ohne das nun zu sehr zu verk­lären — vor allem die Folke­boote auf der Schlei zu segeln scheinen. Andere nutzen sie eher als schnell zu über­windende Tran­sit­strecke in Rich­tung Ost­see, auf der es vor allem die zwei Klapp­brück­en opti­mal zu timen gilt.


Plan B – aber richtig

Pött-pött-Pött — der Motor des wertvollen Old­timer-Flugzeugs geht mehrfach an und aus, bevor es in einem Feld eine etwas sub­op­ti­male Bruch­landung hin­legt. Das Video, in dem ein erfahren­er Profip­i­lot seine Fehler analysiert, hat mich sehr beschäftigt. Nun, als Armins Arme und ein Heckp­fahl unseren Bug vor Kon­takt mit dem vor uns liegen­den Boot bewahren, kommt mir dessen Ker­naus­sage wieder in den Sinn: ein ein­mal ein­geleit­eter Plan oder Manöver soll auch vol­len­det wer­den. Möglichst wenig hin und her. Wir woll­ten hier eigentlich paar Box­en weit­er anle­gen im Zwis­chen­stopp Lin­dau­nis. Schnell umentsch­ieden — oh, hier ist eben­falls frei und die Aus­sicht schön­er — habe ich die Kurve dann jedoch nicht mehr ganz geschafft. Sich­er nicht ver­gle­ich­bar mit einem Not­fallplan der Fliegerei, wo ständi­ges Umentschei­den („ach, das schaffe ich schon … oder doch nicht … ach klappt schon … ohhh …) das Gehirn über­fordere. Ein abge­sproch­enes Manöver klappt aber halt nur dann, wenn man es auch prak­tiziert. Also erst mal weit­er­gleit­en, anhal­ten, guck­en, dann in Ruhe zurück. Unsere Schä­den jedoch hal­ten sich seit Jahren — bis auf einen selt­samer­weise plöt­zlich gekürzten Flaggen­stock — sehr in Gren­zen. Zu Zweit zu reisen, hil­ft da natür­lich unge­mein. „Alles nicht so ein­fach, wenn man alleine segelt“, bedankt sich ein kurz danach ein­tr­e­f­fend­er weit­er­er Folke­boot­segler neben uns beim Annehmen sein­er Leinen: seine zer­split­terte Bugspitze zeugt von einem frischen Kon­takt mit dänis­chem Beton bei zu viel Wind.

Unter Segeln durch die Klappbrücke Kappeln
Detlef Hoepfn­er Auch bei schnellen, wendi­gen Seglern mag die Brück­en-Crew Kap­peln den Motor hören

Wir Glücklichen

Eine richtig gute Entschei­dung war dage­gen, unsere Star­tideen den Umstän­den entsprechend bald an den Hak­en zu hän­gen. Nach drei Jahren woll­ten wir 2022 ja endlich wieder Däne­mark erre­ichen. Nicht auszu­denken der Stress und die Stim­mung, wenn wir laufend umge­plant und über­legt hät­ten, ob wir in den let­zten Tagen doch noch auf Biegen und Brechen irgend­wie nach DK gelan­gen kön­nten. Für Segel-Spaß, eine gute Zeit zusam­men auf dem Wass­er oder inspiri­erende Begeg­nun­gen ist dann auch egal, ob man fünf, 50 oder 100 Seemeilen gesegelt ist.
Und den Beu­tel mit dänis­chen Kro­nen wer­den wir auch so noch in Eis und Hot-Dogs getauscht bekommen!


Folkeboot-Törn 2019: Rund Als – dem Wind trotzen

Detlef Hoepfner

„Bitte höflichst, an Bord kom­men zu dür­fen!“ Schwup­ps sitzt er nach geübten Schrit­ten längs des mittschiffs schmalen Holzdecks, wo sich unterm Fuß auch noch Schoten und Land­stromk­a­bel rollen, bei uns im noch mäßig sortierten Cock­pit. Streckt den Hals und schaut sich begeis­tert run­dum um im Folke­boot , das wir eben hier in der ver­steck­ten Mjelsvig fest­gemacht­en haben. Nun schaut er uns an: „Ward ihr das, die da den ganzen Als Sund hochgekreuzt sind? Ich hab Euch nach­mit­tags über­holt.“ „Ja, hat super Spaß gemacht!“ 

Er freut sich, hat er sich doch gedacht. Aber … „ich hat­te zwei Frauen an Bord, denen dauert das zu lange“, sucht er nach ein­er Erk­lärung für seinen eige­nen, ger­aden Motorkurs. Der inten­sive Blick auf Raps bei­d­seits des Sun­des – ist ihnen alles ent­gan­gen, denken wird. Knal­liges Gelb, leuch­t­en­des Grün, direkt vorm hölz­er­nen Bug. Nur im san­ften Zick­za­ck-Kurs – die Augen auf der Wasser­fär­bung, GPS und Tiefen­lin­ien, die Hand schon fast am Sen­klot – kommt man doch so nah an den liebevoll restau­ri­erten Anwe­sen im Schilf vor­bei. Oder dem Nach­bau eines Nydambå­den, der Vorstufe der Wikinger­boote: Neben wind­schief gekippten Ste­gresten liegt es dort in Sot­trup­skov, der Enge im Alssund, die den Dänen im Preußisch-Dänis­chen Krieg 1864 zum Ver­häng­nis wurde, als hier große Trup­pen­teile über­raschend über­set­zten. Mit großen Fol­gen: in Lauen­burg, Hol­stein und Schleswig, schon ewig gemis­cht bewohnt von Dänen, Deutschen und Friesen, weht seit­dem nicht länger Däne­marks Dan­nebrog als Landesflagge.

Unser Track sieht aus, als woll­ten wir die bei­den Ufer des Sun­des mit ein­er Zick­za­ck-Naht wieder verbinden, aber am nördlichen Ende geht es nach Querung des  Augusten­borg Fjords rechts ab tief in die Dyvig, und nochmal reingeschlän­gelt in die hin­ter­ste Ecke der Mjelsvig. Die Ans­teuerung ist sehenswert, wenn auch nicht beson­ders schwierig: Wenn man sich denn an die Bojen hält, und nicht wie der Show-your-mon­ey-Segler, der mich über­holend mit seinem Schwell fast vom Heck und die baden­den Kühe ans Ufer wirft, kraft seines Sta­tus’ eine Abkürzung genehmigt. (Ich denke, er hat sich mit­tler­weile run­tergear­beit­et vom Schlick.)

„Und das ist also Euer Boot?,“ staunt unser Gast, und schaut den Mast hin­auf, wo er nach­mit­tags die frühe Segel­num­mer ent­deckt hat­te, die nah an seinem eige­nen Klas­sik­er einzuord­nen ist. „Nein“ – wir erk­lären nach mit­tler­weile etlichen Jahren und Touren mit „Jacaran­da“ rou­tiniert, dass wir dieses 1946 gebaute, damit älteste noch segel­nde dänis­che Folke­boot wie immer bei Mike Peuk­er gechar­tert haben. 

„Ach so.“ Pause. „Na, ich kann mich ja trotz­dem weit­er mit Euch unter­hal­ten!“ Und mit­ten­drin sind wir in ein­er weit­eren Unter­hal­tung über diesen uri­gen Boot­styp. Der Aus­bau­s­tand wird begeis­tert unter­sucht, Erfahrun­gen mit seinem eige­nen Folke zum Besten gegeben, der Reiz des ein­fachen Reisens mit so einem reduzierten Boot ohne allen Schnickschnack diskutiert. 

Nebel über der Schlei
Armin Pech

Ein spooky Start

Wir waren vor drei Tagen in Maasholm ges­tartet. Die Strecke zur Mjelsvig schafft man je nach Wind auch in einem Tag, und ger­ade frage ich mich, ob ich jet­zt mal ehrlich nicht lieber mit dem nebe­nan liegen­den Schiff unseres Besuch­ers weit­er­fahren würde: Platz, Kom­fort, Heizung, kräftiger Motor. Denn statt schon an Tag 1 unseres Wochen­törns hier hochzu­flitzen, ist bere­its nach der allerersten Seemeile klar: Auf den Tourstart fol­gt direkt ein Zwis­chen­stopp: Nebel zieht über die Schlei, man sieht die Hand vor Augen kaum. Wenn wir die näch­ste Fahrwasser­tonne gefun­den haben, hängt da manch­mal schon ein ander­er Segler mit einem Stück Leine dran, um nicht vor einen größeren Bug zu ger­at­en: Null Sicht ist jet­zt irgend­wie uncool. Wir sind nicht lebens­müde, müssen uns auch nichts mehr beweisen, ein Radar wer­den wir kurzfristig nicht nachrüsten – also direkt wieder abge­bo­gen nach Schleimünde rein. Hier teilt sich das Segler­feld: Die einen machen es uns gle­ich, der idyl­lis­che Naturhafen füllt sich zügig, in alle engen Lück­en wird ein Boot nach dem anderen reinge­quetscht. Andere tas­ten sich doch weit­er durch den Nebel auf die Ost­see raus. Aber selb­st von der Gift­bude aus ist der Leucht­turm, der dort ein paar Schritte weit­er im Nebel hängt, nicht zu sehen. Von See hört man es gespen­stisch tuten, wie aus dem Nichts tauchen hier und da die Rig­gs der Tra­di­tion­ssegler vor Schleimünde auf. Das sind schon beein­druck­ende Spe­cial Effects, aber völ­lig illu­sorisch, dass uns jemand mit unser­er – sich­er orig­i­nal­ge­treuen, aber nur kläglich hupen­den – Mundtröte auf dem Wass­er wahrnehmen würde. Wir bleiben also über Nacht. Auch übers Früh­stück und den Vor­mit­tag bleibt nebe­lig. Mit Wind­vorher­sagen ist man unter­wegs eh dauernd busy, aber so ein zäher Nebel als Stören­fried ist uns neu. Also nutzen wir die Zeit, unsere etwas kurzen Heck­leinen zu check­en. Oder uns mal mit dem Taupunkt zu befassen. Wir find­en sog­ar eine App, aus der wir ihn ausle­sen und für eine Abschätzung des Nebelver­laufs nutzen kön­nen; wieder etwas Wis­sen aufge­frischt. Mit­tags endlich steigt die Luft­tem­per­a­turen über diese Schwelle, es klart  auf. Raus aus der Schlei und bei jet­zt bestem Segel­wet­ter auf den Weg nach Søn­der­borg, immer­hin. Drei Jahre schon haben wir bish­er wet­terbe­d­ingt einen Bogen drum gemacht. Meine nord­deutsche Fam­i­lie what­sappt mir unter­wegs Zeitungss­chipsel: Noti­zen zu den Seglern, die am Vortag von der DGZRS wegen man­gel­nder Sicht von Untiefen geschleppt wer­den mussten. Dann doch lieber auf der Lot­s­enin­sel rumdösen und in den Nebel starren.

Ent­lang der Küste ist nun viel Betrieb, aber nicht jed­er scheint die Auswe­ichregeln zu beherrschen: Ein ent­ge­genk­om­mendes Plas­te­boot macht auf Kol­li­sion­skurs komis­che Manöver. Wir kön­nen uns nicht recht frei­hal­ten, nun dreht es auch noch einen Kreis um uns: Über­raschung, Boot­seigen­tümer Mike hat uns aufge­spürt! Wir näh­ern uns auf Rufweite an, schon gut Wind und einige Welle, man muss sich jet­zt hier nicht die Rig­gs ver­hak­en. Mit einem kräfti­gen Wurf lan­den zusät­zliche Heck­leinen bei uns an Bord. Wenn das mal kein Kun­denser­vice ist! Unseren dafür überzäh­li­gen zweit­en Hand­kom­pass schick­en wir aber lieber nicht in Gegen­rich­tung zurück. Wir disku­tieren noch kurz gemein­sam, wo wohl der Rest sein­er Folke­boot-Flotte sei – da kom­men sie schon eben­falls vor­beigezis­cht und Mike sagt auch dort noch schnell hallo.

Endlich Kurs Nord

Ab jet­zt bestes Segel­wet­ter, um nördlich weit­erzukom­men. Im Yachthafen Søn­der­borg waren Armin und ich zusam­men noch nie, wir ori­en­tieren uns über die ver­schachtel­ten Molen und haben ein etwas mul­miges Gefühl angesichts eines regel­recht­en Mas­ten­waldes, der vor uns liegt. Søn­der­borg bleibt aber unser einzig voller Hafen jet­zt Mitte Mai, zudem unser teuer­ster Stopp. Vielle­icht hät­ten wir mit mehr Geduld doch noch die eine Hand­bre­it schmalere Box gefun­den – berech­net wird hier ja nach Liege­platzbre­ite. Aber es pfeift zu sehr im Hafen, als dass man unnötig viele Run­den drehen möchte. Auch wenn Armin ganz beein­druckt ist, wie wir trotz des Windes das Boot in ein­er der Gassen wen­den. Dass dieser Move gar nicht geplant war, geste­he ich erst später – aber so ist das beim Segeln: Auf Plan B fol­gt häu­fig noch Plan C. 

Abends laufen wir über die erst aufwändig neu gepflasterte und dann wieder durch Über­flu­tung zer­störte und wieder repari­erte Prom­e­nade in die Stadt. Vor­bei am Søn­der­borg Vikingek­lub („Win­ter­bade­v­ere­in mit Sauna“) und dem Schloss Søn­der­borg, um dem „Butt im Griff“ von Gün­ter Grass am Alt­stadtkai mit dessen fre­undlich gestrich­enen Haus­fas­saden einen Besuch abzus­tat­ten. Der in Bronze gegossene Fisch schaut in Rich­tung Nord zur  „Kong Chris­t­ian den X’s Bro“. Diese nach König Chrs­t­ian dem X. benan­nte Brücke wird sich am näch­sten Tag – immer um „38“ – für uns öff­nen und den Weg in den Als-Sund freigeben, nach­dem man noch am Ufer beein­druckt Uni­ver­sität und Bib­lio­thek passiert hat.

An der Nordspitze hängengeblieben

Auf hal­ber Strecke hän­gen wir nun also nach dem näch­sten Tag und wun­der­barem Alssund-Zick­za­ck in der Mjelsvig fest: es stürmt und pfeift. Im Hafen hat bere­its ein Schwein­sw­al spek­takulär direkt an unserem Steg neugierig die kleine „Vig“ (Bucht) erkun­dete. Was soll nun noch kom­men, wir haben langsam alles gese­hen. Man bringt uns die Namen der Schwäne bei, beim Haareschnei­den im Segler­haus reka­putal­ieren die Senioren ihre Ver­gan­gen­heit und man ahnt, dass Sitz­gruppe und Küchen­zeile die Geschicht­en nicht zum ersten Mal vernehmen. Man berichtet uns, dass die den Hafen betreibende Fam­i­lie noch eine Schweinezucht bewirtschaftet, auch Pferde hält. Reit­en ler­nen wollen wir kurzfristig aber nicht und ver­legen stattdessen endlich das Boot an einen anderen Liege­platz, wo uns der gedrehte Stark­wind nicht länger die Wellen aufs Heck (und damit nachts in die Wirbel­säule) trom­melt. Wir laufen los ent­lang des Ufers und über die Hügel durch Felder und knieho­hes Gras, bis Schuhe und Hosen vor Nässe triefen. Lüm­meln uns am Ufer der Dyvig auf weich geschwun­gene Holzbänke. Der Wind aus grauem Him­mel dreht die Anker­lieger langsam und syn­chron in der Bucht und soll uns etwas die Nässe aus den Hosen­beinen trock­nen. Der Blick reicht auf den ver­raucht­en Kiosk gegenüber, vor dem die Dauer­lieger ihre Bier­büch­sen lenzen. Wir trödeln rüber und genehmi­gen uns noch einen blau-schwarzen Plat­ten­bren­ner-Kaf­fee. Nach ein paar hügeli­gen Schlä­gen kreuz und quer, in von ein­samen Anwe­sen gestoppten Sack­gassen, durch eine aus­ge­büxte Schafherde und ent­lang ansteigen­der Kop­peln find­en wir doch noch die bekan­nte, auch vom Wass­er aus kaum sicht­bare Durch­fahrt in diese Bucht­en. Wie eng man sich zwis­chen den berühmtem his­torischen Stan­gen der „Steg Gaf“ in die Mjelsvig und Dyvig hinein­schle­icht, misst man eigentlich erst hier vom Ufer aus richtig. Fast kön­nte man diese Eng­stelle, auf deren Grund mit­te­lal­ter­liche Pfahlreste ruhen sollen, auch in ein paar Schrit­ten durch­wa­t­en. In der Sai­son ist hier Hochbe­trieb, heute baden nicht mal Kühe. Schließlich suchen wir noch den Bio­hof, der auf einem der typ­is­chen Aushangzettel vielver­sprechend an ein­er hölz­er­nen, ver­wit­terten Schup­pen­wand angeschla­gen war. Wir find­en die Straße, laufen diese auf und ab, aber der erhoffte Hof ent­pup­pt sich als typ­isch dänis­ch­er, vere­in­samter Verkauf­s­stand am Weges­rand: Aus ein­er Kühlbox kann man Eier greifen, wir entschei­den uns aber für ein paar Bech­er Honig als Mit­bringsel. Die gewün­schte Summe klimpern wir als Münzen mit und ohne Loch in die angeschraubte Spar­dose — denn mit dem eben­falls ange­bote­nen dänis­chen Smart­phone-Pay­ment ken­nen wir uns noch nicht aus.

Halbzeit-Marine-Knaller

Erst nach zwei Tagen kom­men wir weit­er, kur­ven oben um Als herum. Der Wind ste­ht gün­stig, aber so kräftig und leicht drehend, dass wir wegen der uns schräg schieben­den Welle trotz Bul­len­stander den tiefen Vor­wind-Kurs scheuen. Wir schla­gen stattdessen einen Hak­en weit­er auf die Ost­see und steuern leicht höher. So laufen wir sta­bil­er und sind zufrieden, als aus dem Nichts eine Explo­sion die Stille zer­reißt: Es rummst und bebt, aber nicht an Bord, son­dern schräg vor uns: Eine riesige, trotz ihrer Ent­fer­nung beein­druck­ende Wasser­fontäne erhebt sich. Es dauert eine Weile, bis sich der Pilz aus Wass­er und Dampf auf sein­er ganzen Bre­ite wieder abgereg­net hat. Vor Schreck vergessen wir, ein Bild zu machen, was ist das um Him­mels Willen? Schnell noch mal die Karte gecheckt: Das dänis­che Marine-Sper­rge­bi­et liegt in sicher­er Ent­fer­nung, aber doch in Ver­längerung genau vor uns. Was auch immer das für ein Böller war – wenn der neben einem hochge­ht, kann man die näch­sten Win­ter­lager­ar­beit­en wohl get­rost absagen. 

Wir cruisen zügig weit­er, erwä­gen immer wieder als weit­eres Zwis­chen­ziel Aver­nakø. Die Karten dazu haben wir längst mehrfach studiert und wollen die markante Dop­pelform nun auch noch ein­mal mit den Füßen im Inselkies statt nur dem Fin­ger auf der Karte erkun­den. Gehen aber doch auf Num­mer sich­er – wie gut kämen wir von dort beim erwarteten Wet­ter zur Flens­burg­er Förde raus? –  und nehmen Kurs nach Mom­mark vor uns. Nach Passieren sein­er markan­ten, leicht wind­schiefen Leucht­türme erschreckt uns zum ersten Mal in unserem Leben ein so leer­er Hafen, dass an Bord schla­gar­tig eine panis­che Ago­ra­pho­bie um sich greift: So viele leere Liege­plätze, man weiß ja gar nicht, wo man hin­s­teuern soll! Steg um Steg ist frei, an denen man sog­ar längs­seits liegen kann. Der gefühlte Raum an Bord ver­dop­pelt sich ger­adezu durch die Stell­fläche neben dem Boot, und wir bre­it­en uns gle­ich mal mit frisch gekochtem Kaf­fee, Tassen und viel zu viel Schoko­lade aus. Klein­er fotografis­ch­er Wer­mut­stropfen: Das einzige später noch ein­laufende, hässliche Motor-Angel­boot macht – genau neben uns fest. Grrrr. Eine schwere Prü­fung, nicht heim­lich dessen Leinen zu lösen und es zurück aufs Meer zu schieben … Umso voller ist es im Restau­rant des sin­gen­den Hafen­meis­ters. Wir haben noch Vor­räte für bes­timmt eine weit­ere Woche an Bord, waren aber nicht richtig kochwütig dieses Jahr und spendieren uns je einen der teuer­sten Burg­er unser­er Segelka­r­riere. Den­noch sehr leck­er, begleit­et von ein­er musikalis­chen Play­back-Showein­lage des Hafenchefs (die jedoch wiederum gegenüber seinem abendlichen Wald­horn­spiel, vor­ge­tra­gen auf einem Gar­ten­tisch ste­hend als Ein­schlaflied für alle Segler, in Sachen Orig­i­nal­ität etwas zurücksteht).

Rockin’ home

Als wenn wir nicht schon genug Wind gehabt hät­ten: Für unseren let­zten Schlag zurück bis zur Schlei sind im Tagesver­lauf nochmal ein paar Beau­fort zuviel ange­sagt, aus West und im Tagesver­lauf weit­er zunehmend. Wir stellen den Weck­er nicht zu spät und streben nach Süden. Mit Erre­ichen der Flens­burg­er Förde, die wie queren müssen, ver­lieren wir etwas Land­ab­deck­ung, aus der Förde her­aus baut sich gut Welle auf. Wir fall­en etwas ab in Rich­tung Ost­see, was sich ein wenig „trock­en­er“ segelt, wollen dem See­gang aber nicht zu viel Anlauf gön­nen und wen­den zwis­chen­durch wieder Schläge in Rich­tung Küste – wo es aber wieder flach­er wird. Dass die elek­trische Lenzpumpe (ja, ist eigentlich eh Luxus …) unter­wegs das Zeitliche geseg­net hat, kommt auch zur Unzeit. Die alte Dame Jacaran­da zieht eh etwas Wass­er, ihr Holzrumpf ist jet­zt am Saison­be­ginn noch nicht allzu lang gewässert und kön­nte etwas dichter sein. Bei dem hol­pri­gen Ritt von der Kante runter ins Cock­pit und unter den Boden­bret­tern die Hand­pumpe schwin­gen – da kann man sich, abge­se­hen von den eh eingepreis­ten blauen Fleck­en, ger­ade schönere Tätigkeit­en vorstellen. Später im Hafen müssen wir beim Aufräu­men der Schränke selb­st die Pfanne trock­nen, da in ihr das See­wass­er schwappt. 

Mike meldet sich auf Höhe der Förde tele­fonisch, wir sollen mal hin machen, es wür­den Böen von 8 gemessen und Besserung sei nicht in Sicht, im Gegen­teil. Na ja, das touris­tis­che Rah­men­pro­gramm mit großer Hafen­rund­fahrt und Blaskapelle ist hier eh schon abge­sagt. Das über 70 Jahre alte Lärchen­holz unter unseren Füßen muss sich gegen eine kräftige, graue Welle anstem­men, die uns im regelmäßi­gen Gle­ich­takt duscht und mit der Zeit auch die Son­nen­brillen, die das Salz etwas von den Augen hal­ten sollen, mit ein­er Kruste trüben. Wir sind schon zack­ig unter­wegs, aber jede neue Wellen­front stellt sich unserem kurzen Anlauf quer ent­ge­gen, es fühlt sich an, als wenn man wieder ste­hen bleibt. Der gut gedichtete und dop­pelt gesicherte Speed­puck am Fuß des nur noch wenig gold­en schim­mern­den Holz­mastes bekommt sein ver­schwim­mendes Dis­play kaum höher als sechs Knoten. 

Einen kleinen Aus­flugss­chlenker gön­nen wir uns trotz­dem, denn da gibts ja noch das wun­der­bare The­ma „Schlei-Ein­fahrt“. Aus diesem Trichter erwarten wir, dass und der Wind schon ab dem ersten Meter Schleiein­fahrt direkt auf den Bug pfeifen wird. Zum Kreuzen ist in diesem See­gatt wenig Raum, und wir wer­den motoren müssen. Aber auch erst genau ab dort, denn bei der zu erwartenden Welle vor der Schlei ist der Außen­bor­der nicht ein­set­zbar, er hinge im schlimm­sten Fall im Wellen­takt abwech­sel­nd mit der Schraube in der Luft oder dem Motor­block unter Wass­er. Also suchen wir uns auf dem iPad – das bei der Nässe, Wind und Wellen grad tat­säch­lich han­dlich­er ist als die mit­tler­weile eben­falls triefend abge­sof­fe­nen Papierkarten – einen Start­punkt. Von ihm denken wir – Plan A – mit hohem Amwind­kurs direkt in die Schlei rein­bolzen zu kön­nen. Dort direkt unterm Leucht­turm in der Ein­fahrt Segel runter, Motor an und Kurs West in die Schlei weit­er rein. Plan B („irgend­was ist ja immer“): Rein­heizen, hof­fen, dass nicht das hässlich­ste Touris­ten­schiff (und zwar des bekan­nten Uni­ver­sums) grad im Wege ste­ht und dann mit dem Schwung unter Segeln gegenüber in den Hafen Schleimünde rein und erst­mal an irgend einem Pfahl festmachen. 

Der gewählte Wende- und Start­punkt liegt Rich­tung des Mon­ster­hafens Olpenitz, und so sehen wir dessen Außenkante auch mal näher. Dann jet­zt los in Rich­tung Leucht­turm — aber Mist: um ein paar Grad ver­schätzt, wir laufen einen Hauch zu tief, so ver­passen wir die Ein­fahrt 100 Meter. Also Wende zurück, kor­rigieren, das gibt ja pein­liche Kringel auf dem GPS-Track. Weit­ere Wende zurück wäre nun langsam dran, aber jet­zt hakt nach dem ganzen nassen Gebocke auch noch wieder irgend­was am Motor, den Armin klar­ma­cht und so der Pinne im Weg ste­ht … ähm, sooo dicht woll­ten wir dann doch nicht zum alten Marine­hafen, in dem man immer­hin allen Platz der Welt für jedes erden­kliche Fra­gat­ten­manöver hätte. Nun passt alles, Kurs ist per­fekt und mit Schwung in die Schleimün­dung. Heute bleiben wir wenig­stens vom oft recht kabbe­li­gen Wind-gegen-Strom-Wellen­chaos ver­schont, das dem inter­essierten Besuch­er an Land gern die Unter­wasser­anstriche und Kiele der sich hineinkämpfend­en Boote zeigt. Der Motor ist schon unten, geht auch an, die Segel kom­men runter, zudem kaum Betrieb auf dem Wass­er bei dem Wet­ter. Die let­zte Seemeile bis Maasholm heißt es nur noch, gegen das eklige Wet­ter Kurs zu hal­ten und sich nicht neben das graue Fahrwass­er vertreiben zu lassen. Der Zweitak­ter kämpft tapfer vor sich hin, man möchte ihm für jeden sein­er knat­teri­gen Hübe danken. Und zum ich-weiß-nicht-wieviel­ten Mal denke ich: Wie cool, so als Team zu zweit einge­spielt zu ein. Das ganze The­ater immer allein – nee, darauf hätte ich keine Lust.

Gut fest­gemacht nach über sechs Stun­den Ritt und knapp 30 Seemeilen bele­gen wir im Ziel zum ersten Mal mehrere Liege­plätze: Nicht nur unsere Segelk­lam­ot­ten, auch die dicht an der Bor­d­wand liegen­den Pol­ster sind durchtränkt und wir verteilen und verzur­ren alles auf den Decks der Folke-Nach­bar­boote. Während das Wass­er aus den Kissen rin­nt und wir hof­fen, dass der Wind vor unser­er let­zten Nacht im Boot beim Trock­nen hil­ft, wucht­en wir das Gepäck raus und streben aus­ge­hungert in Rich­tung Grieche. 

Detlef Hoepfn­er Folke­boot-Tre­f­fen-Vortr­e­f­fen: Kaf­fee mit Stil von Kati und Jörg an Bord der Mumie von Klas­sisch am Wind

Folke-Freunde

Kaum zurück, haben wir direkt wieder Besuch an Bord: Wir ler­nen Kathi und Jörg ken­nen, mit denen wir gegen­seit­ig Wet­ter- und Routen­tipps aus­tauschen. Am näch­sten Mor­gen, bevor es für uns mit dem Auto zurück- und für sie mit einem Folke­boot nach Däne­mark los­ge­ht, genießen wir bei ihnen an Bord einen (und dann gle­ich noch einen) sehr stilecht­en Kaf­fee: von der Crew wird mit der Hand­kurbel die Müh­le in Schwung gebracht, während gle­ichzeit­ig die näch­sten Anek­doten über den gek­link­erten Planken der „Maj“ Fahrt aufnehmen. Endgültig wach vom Kaf­fee­duft kön­nen wir noch eine let­zte Erken­nt­nis dieser Tour beisteuern: 

Eingewe­ht in der Mjelsvig, auf halbem Wege unser­er Runde um Als, hat­ten wir eine windgeschützte Sitzecke gefun­den, die uns nicht nur vor den sechs, sieben über den Hafen ziehen­den Bft schützt, son­dern auch ein paar wär­mende Son­nen­strahlen bietet. Am Steg legte jet­zt nur ein einziges Schiff an. Ein stäh­lern­er Segelkut­ter, nach ein paar Anläufen und kräftigem Zupack­en am zu uns aus­laden­den Bugs­pri­et kom­men später drei fröh­liche Opas an Land. Gle­ich vom ersten hören wir, dass auch sie den Als-Sund hochgekom­men sind. Ges­pan­nt sind wir, welch­er Wind dort herrschte? Er schaut uns an. Über­legt. Nun wollen ihm doch irgendwelche Zahlen ein­fall­en: „… Wind­stärke drei bis vier?“ rät er völ­lig ahnungs­los. Wir ent­lassen ihn schnell aus unser­er Befra­gung, denn da kommt auch schon der Käptn. Graue Haare, grober Pul­li, warme Mütze, Ring im Ohr. „Wind…?“, wun­dert er sich. „Na ja, selb­st hier im Hafen zer­ren die Boote an den Fest­mach­ern!“ Nun däm­mert ihm was: „Men­sch, deshalb musste ich den Hebel so auf den Tisch leg­en!“ Er ist erle­ichtert: „Ich dachte schon, mit dem Motor wäre was!“ Gesegelt sei im Als-Sund bei dem Wet­ter zwar auch jemand. 

„Aber …“, zieht er Bilanz, „der hat­te dafür unter­wegs nicht drei oder vier Grog wie wir!“

Detlef Hoepfn­er Ein­mal rund Als

Seekarten-App der Ostsee: Vergleich Raster vs. Vektor

Detlef Hoepfner

Auf der boot 2019 zeigte der NV-Ver­lag seine erste Soft­ware-Ver­sion, die auch für uns Hob­by­segler die Darstel­lung von Vek­torkarten unter­stützt. Aus mein­er Sicht in viel­er Hin­sicht das „schlauere“ For­mat, da alle Ele­mente als Objek­te behan­delt wer­den, die dynamisch skaliert, mit Zusatz-/Meta­dat­en hin­ter­legt wer­den kön­nen usw. Ander­er­seits: Man ken­nt das Prob­lem aus anderen Medi­en (wie umfan­gre­ichen tech­nis­chen Doku­men­ta­tio­nen), bei denen die Ansicht dynamisch gener­iert statt vom Lay­outer „gemalt“ wird: Ganz schön schwierig, das einiger­maßen schick hinzubekom­men. Oder bei ein­er Karte: So, dass man in allen Zoom­stufen eine opti­male Darstel­lung hat. Eine Rasterkarte aus Bild­punk­ten kann für nur eine Ansicht per­fekt opti­miert wer­den, da schiebt man halt alle Beschrif­tun­gen so lange hin und her, bis es passt. Anderes Beispiel: die handge­mal­ten „Sky­lines“ in den Hafen­hand­büch­ern von NV finde ich manch­mal aus­sagekräftiger und mehr auf den Punkt als ein per­fek­tes Orig­i­nal­fo­to der Ansteuerungssituation.

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