Folkeboot-Segeltour „Schlei – Plan B“

Detlef und ArminDetlef Hoepfner

Nach zwei Jahren mit ein­er aus­ge­fal­l­enen Folke­boot-Tour und einem Törn von Testzen­trum zu Zah­narzt­prax­is 2022 endlich wieder eine ganze Woche auf dem Wass­er – beina­he: vor dem Vergnü­gen waren wieder ein paar Hür­den zu nehmen

Trööööööt …! Bin selb­st etwas erschrock­en, wie laut es über die Schlei nach einem kräfti­gen Lun­gen­zug in Rich­tung Camp­ing­platz schallt. Aber irgend­wann muss man dieses Mess­ing-Sig­nal­horn doch auch mal prak­tisch nutzen! Haaaaaa-loooooo-klaaaau­u­u­u­us?! Wir wis­sen nicht, ob unser Fre­und und Nach­bar sein Folke­boot „Panik“ pünk­tlich hier an die Schlei bekom­men hat. Am Steg, den wir auf unserem mehrstu­fi­gen Weg von Maasholm Rich­tung Schleswig passieren, sehen wir es nicht im Fer­n­glas. Auch der Camp­ing­platz scheint unbelebt. Wir haben den Platz schon halb passiert, da kommt seine Frau ans Ufer gelaufen. Jet­zt haben wir spon­tan gar nicht gecheckt, wie flach es da vorne ist. Aber mit ein paar Rufen und Arm­be­we­gun­gen ist auch über Ent­fer­nung klar: Die „Panik“ wird heute in Mis­sunde gekrant, zu Wass­er gelassen und der Mast gestellt. Da kom­men wir jet­zt eh vor­bei. Aber passt unser unvorherse­hbares Tim­ing zu den knap­pen Kran-Zeitslots?

Typ­is­che Schlei-Per­spek­tive, davor ist es flach – Kartenkonzentration …

Was ein Zufall! Dabei war vor ein paar Tagen noch gar nicht klar, ob wir über­haupt zu unser­er jährlichen Tour wür­den starten kön­nen. Eine Sor­gen bere­i­t­ende What­sApp „Kön­nen wir bitte tele­fonieren?“ ging schon vor zwei Jahren ein­mal zwis­chen uns hin und her. Damals hat­ten wir in gegen­seit­iger Abstim­mung beschlossen: Wir kön­nen dies­mal gar nicht los. 2022 nun eine ähn­liche Sit­u­a­tion. Aber wieder ist für uns klar: Wenn ein­er von uns in der Klemme ist, tra­gen wir nötige Entschei­dun­gen gemein­sam, gar keine Frage. Nach län­ger­er Krisen­sitzung per Videoschalte beschließen wir: Das Auto wird nicht wieder aus­gepackt, wir schaf­fen uns stattdessen unter­wegs aus­re­ichend Ausstiegs-Optio­nen. Und einen Plan B braucht man beim Segeln ja sowieso immer, min­destens. Vor allem, wenn die Lärche für den Boot­srumpf der dies­mal gechar­terten „Mumi“ schon 1968 auf die Eichenspan­ten gelegt wurde.

Ges­pan­nt sind wir dies­mal nicht nur auf diese gut sieben Meter Folke­boot, son­dern auch auf die Ver­char­ter­er Jean­nine und Sven Stein­bach. Ab dieser Sai­son führen sie die Pflege und Ver­mi­etung von Jacaran­da, Maj, Admi­ral Jacob und eben Mumi weit­er. Kon­takt und Über­gabe laufen super easy und sym­pa­thisch. Schnell haben wir das Gefühl: hier ist das Pro­jekt „Klas­sisch am Wind“ wieder in gute Hände weit­ergegeben. Mit Jacaran­da und Maj haben wir schon etliche Touren durch die „Dänis­che Süd­see“ gel­og­gt, auf Admi­ral Jacob immer­hin ein­mal über­nachtet und sind nun ges­pan­nt, wie „Mumi“ und wir uns miteinan­der anfreunden.

Her­aus­forderung Nr. 1 ist wie immer (nach­dem Armin sich endlich im Super­markt auf die richtige Sorte Kartof­feln geeinigt hat): Wie bekom­men wir mehrere Hand­kar­ren voller Klam­ot­ten und Lebens­mit­tel, zuvor von Armin schon nach unser­er Stan­dard-Cloud-Einkauf­s­liste eingekauft, in dieses Boot? Auto leer, aber Vordeck und Cock­pit kom­plett voll … Die „Maj“ hat­te noch Schwal­bennester über den bei­den Kojen. Hier stößt man sich zwar nicht den Kopf daran, aber es fehlt auch der Stau­raum für Zwiebeln, Brot, Nudeln, Kul­turbeu­tel, Kam­era, Navi-iPads, Ladegeräte … und und und. Also unter Deck erst mal Platz geschafft, Klapp­tisch oder Ret­tungsin­sel haben wir eh nicht vor zu nutzen, also alles in die Eck­en damit. Dann die ganzen Boden­bret­ter lock­ern und inspizieren, wo man was in der immer etwas nassen Bilge unter­brin­gen kön­nte. Gut ver­pack­te Lebens­mit­tel nach unten, den Käse lieber nach oben. Hält sich hier etwas küh­ler, weg­fut­tern sollte man ihn den­noch schnell. Sog­ar eine kleine Kühlbox würde man hier vielle­icht unter­bekom­men. Richtig am Vor­luk platziert, kommt man an manche Kisten später sog­ar bequem vom Vordeck aus. Wenn man nicht vorher vergessen hat, im engen Bug den Schnap­pver­schluss zu öffnen …

Kompass
Detlef Hoepfn­er

Hör auf zu heulen

Die erste kurze Nacht und den Ein­räum­tag liegen wir noch in Maasholm. Um Werft und durch die vorge­lagerten Yacht­en heult der Wind, die Flaggen zer­ren mächtig an ihren Leinen. Nicht der Sound, den man nach anstren­gen­den Arbeitswochen, Anreise und unklar­er Wochen­per­spek­tive hören will. Wir check­en die Wet­ter­mod­elle ECMWF und ICON. Schauen von der vorge­lagerten Hafen­spitze zu, wie andere Boote kleine Testrun­den vor Maasholm drehen und wie sich die von Kap­peln kom­menden Boote schla­gen. In Schleimünde wären wir bei dem Wind easy. Aber da fahren am Woch­enende alle hin, das sparen wir uns. Und die näch­sten Ziele via Ost­see liegen danach zu ent­fer­nt, zumal bei unser­er Pla­nungs-Unsicher­heit. Abends spät hält sich der Wind an die Vorher­sagen, wird etwas ruhiger. Ich habe auch schon nach nur einem Tag genug vom Schnack der „Hafen-Dauer­cam­per“ und wir müssen auch unser­er Psy­che zuliebe los. Kurz vor Jahresmitte ist es nun — zumal hier im Nor­den — eh ewig lange hell. Nächst erre­ich­bar liegt Kap­peln, da hät­ten wir auch bei Wet­ter­ver­schlechterung etwas zu tun. Der nun zwar angenehmere Wind ste­ht auf der Strecke jedoch genau gege­nan.
Jet­zt sind wir nicht für Angst vorm Kreuzen bekan­nt und so bere­its den kom­plet­ten Als-Sund hoch. Aber wir entschei­den uns für eine Kom­bi: Die Segel wer­den gegen 19.00 Uhr angeschla­gen und los gehts. Prompt fällt uns nach dem Able­gen auf, dass wir in den Schnüren doch noch was überkreuz haben. Also ein guter Test. Das ist die Her­aus­forderung Char­ter-Segeln: Mit dem eige­nen Boot ist man ewig ver­traut, was einem nicht gefällt, baut man um. Aber selb­st diese vier fast gle­ichen Folke­boote haben doch hier und da ihre kleinen Unter­schiede, und so ist man als Char­ter­er beson­ders gefordert, sich schnell zu adaptieren. 

Nach ein paar Wen­den geht der Kurs nach Nord­west, die Segel bei­de wieder runter und wir sind total begeis­tert von diesem 4‑PS-Außen­bor­der: Der Vier­tak­ter läuft ruhig und leise, springt immer verzögerungs­frei an, stinkt weniger und braucht kaum Sprit. Mehr kann man von der Prob­lem­stelle Nr. 1 eines Segel­bootes nicht ver­lan­gen. Einzig der Kraft­stoff­schlauch klemmt gerne mal an der Motorhal­terung, zum Manövri­eren mag man den Außen­bor­der ja gerne auch mal kom­plett um 90°quer stellen. Mit einem langsamen Seit­en­im­puls dreht man den Langkiel­er so gut. Am besten gefällt uns fast die lustige Beschilderung „Hase“ und „Schild­kröte“ am Gasgriff.

Gashebel
Detlef Hoepfn­er Ganz wichtiger Hin­weis für uns Segler

Die let­zte Brück­enöff­nung in Kap­peln ist abends kurz vor zehn, das schaf­fen wir lock­er. Beim ASC find­en wir einen schö­nen Platz mit dem Bug zur Schlei und Heck in die Abend­sonne. Dabei etwas weg vom Landleben und der den Muse­umshafen über­ra­gen­den Milch­fab­rik, deren Vorbe­sitzer bis 2019 dem Prom­e­naden­weg seinen Namen gab.

Hier gön­nen wir uns einen Tag drin­gend nötiger Ruhe. Wir dür­fen gelassen­er abwarten, wie sich daheim unsere Lagen entwick­eln und wären schnell zurück. Die Stadt lädt zum Bum­meln ein, das Hafen-Restau­rant ist mega (bester Veg­gie-Burg­er vonne Welt), die Muse­umss­chiffe lock­en gle­ich nebe­nan und wir liegen sich­er und ruhig. Einzig auf solche schlicht­en Wan­der­segler wie uns ist man hier nicht unbe­d­ingt opti­mal eingestellt. Und wir ler­nen: Für eine Mit­glied­schaft (zu unge­nan­nten Kosten) bräucht­en wir hier zwei Bür­gen — das bekom­men wir aber schnell hin, zählen wir uns bei­de an Bord kurz durch 🙂

Richtig raus aus der Schlei wer­den wir diese Woche nicht kom­men, das wird uns bei­den langsam klar. Unser Ziel Aver­nakø aber von unsere To-do-Liste kön­nen wir vergessen. Armin: „Durch Plan B stand fest, es gibt nur einen Weg: Schlei rauf und anschließend wieder abwärts, soweit wir wollen. Also alles entspan­nt.“
Sesshaft wollen wir hier in diesem Hafen nun jedoch auch nicht wer­den. Dagen spricht am näch­sten Tag in ger­adezu lehrbuch­mäßiges auftür­men von Gewit­ter­wolken über der Stadt. Flankiert wer­den sie von dun­klen Fron­ten am Hor­i­zont. Wir check­en das Wolken­radar, schauen in den Him­mel, prüfen Den Wet­ter­bericht und ergreifen eine Gele­gen­heit, die uns gün­stig scheint. Unter Motor wenig­stens schnell rüber nach Arnis, in Bewe­gung zu sein, und sei es nur so kurz, tut uns gut. Aber die Idee, der Front auszuwe­ichen, haut nicht ganz hin: auf dem Weg holt sie uns langsam ein und duscht ein­mal das Salz Wass­er von uns und dem Boot. Angekom­men in Arnis begrüßt uns dafür Son­nen­schein. dazu noch der beste Hafen­meis­ter weit und bre­it, der seinem Namen gerecht wird. Da fehlen nur noch Annette und Hildor, die uns hier im let­zten Jahr von Land aus sup­port­et haben.

Ein Rundgang um die Hal­binsel durch die Gärten und Werft­gelände oder ein Flammkuchen in der Schleiper­le sind alle­mal einen Nach­mit­tag wert. direkt vor unseren Augen wird sog­ar ein kom­plettes Kümo ger­ade frisch geslippt.

Erdbeeren bunkern

Folkeboot vor Brücke
Jörg Lubs Unser Holz­boot vor viel altem Stahl

Next Stop Lin­dau­nis — übri­gens aus­ge­sprochen „Lin­dau-Nis“ wie mich meine nord­deutsche Fam­i­lie überzeugt. Let­ztes Jahr war hier für uns End­sta­tion. Die skurille Brücke ist allein einen Besuch wert, aber — wenn wieder mal verklemmt — für hohe Mas­ten nicht passier­bar. Wir sind mit den Infos der die beein­druck­ende Baustelle ver­ant­wor­tenden Bahn opti­mal ver­sorgt, müssen uns bei der Ans­teuerung der Mari­na direkt vor den gigan­tis­chen Baustellen-Pon­tons nur noch für einen Liege­platz entschei­den: eher Ost­seite mit Blick zurück in die Schlei oder gegenüber Rich­tung Brücke? Armin plädiert kurzfristig für die zweite Lösung und wir machen dort fest. Kurz danach geste­ht er, warum: ihn lock­te ein beson­ders kurz­er Weg zu den etwas ent­fer­nt liegen­den San­itäran­la­gen. Unser Video vom zugegeben­er­maßen idyl­lis­chen Lauf bis zum Aus­gang wurde dann zum Lach­er in unserem Vere­in: Lange Schlangen­lin­ien lief man von hier zum in Wirk­lichkeit max­i­mal weit ent­fer­n­ten Tor. Nur ganze zwei Boote in der gesamten Mari­na hat­ten einen noch weit­eren Weg zum Klo. Aber gutes Tim­ing ist beim Segeln ja essentiell.

Bedrohlich nur mein gefährlich zur Neige gehende Vor­rat an frischen Erd­beeren. Also ein­mal Ziel Obsthof und zu Fuß über die alte Brücke. Das ist schon ein Aben­teuer für sich. Zwis­chen Schienen und Gerüsten klet­tert man — oft mit Blick auf das Wass­er unter einem — über Bleche und und Bret­ter mit lose rum­liegen­den Nägeln. wirk­lich eine die Fan­tasie anre­gende Kon­struk­tion.
Abends lässt der Baulärm nach, der uns über­raschend wenig stört. Vielle­icht liegt es an der faszinieren­den Kom­bi­na­tion von alter und entste­hen­der neuer Brücke, für die sich riesige Bohrköpfe in den Boden drehen. Die selt­samen Seeze­ichen zwis­chen den Maschi­nen geben zusät­zliche Rät­sel auf. Man hat sie zulet­zt in der Segelschein-Prü­fung gesehen. 

Wellengluck­ern an dem gestuften Holzrumpf

Im schwinden­den Licht des Abends lässt sich noch ein Seeadler von ein­er Möwe attack­ieren und schwingt sich majestätisch davon. Jet­zt spürt man nur noch eine leichte, kalte Brise, die sich in Wellen durch das Schilf schwingt, das uns vom Ufer tren­nt. Dazu mis­cht sich das brutzeln und Knis­tern auf unserem Gaskocher. Deswe­gen sind wir unter­wegs. Nachts ein Gek­limper, wenn die let­zen Schlei­wellchen unseren gek­link­erten Rumpf erre­ichen. Jed­er Kon­takt eine leicht rhyth­mis­che Melodie mit zufäl­li­gen Ton­höhen — das alles in näch­ster Nähe drei­di­men­sion­al um den eige­nen Schlaf­sack herum. Schön­er kann man nicht liegen.

Folkeboot im Schilf
Jörg Lubs Idyl­lisch-kurviger Schleiver­lauf vor Mis­sunde, Armin an der Pinne
Brücke Lindaunis
Detlef Hoepfn­er Vorm Öff­nen rät­selt man kurz, wo genau hier die Durch­fahrt gelingt

Nicht ganz dicht – Sorgen auf der „Panik“

Ros­tige Stahlträger gleit­en am näch­sten Tag beim Passieren der hochgewuchteten Lin­dau­nis-Brücke über unseren hölz­er­nen Mast. Die Pas­sage ist tat­säch­lich so schmal, wie sie von weit­em zwis­chen den vie­len neuen Spund­wän­den für kün­ftige Fun­da­mente schon erschien. Der grobe Kurs ist durch den Fjord­ver­lauf ja vorgegeben. Aber so richtig lockt uns noch kein Ziel. Die Enge bei Mis­sunde ist immer­hin eine lustige Kurverei, die wer­den wir uns heute gön­nen. Und wir wis­sen ja nun, wo vielle­icht Klaus und seine Panik aufzufind­en sind. Die Kurverei aber ist nicht nur Spaß, son­dern auch von Wind mit ca. 0 bis 0,1 Bft geprägt. Aus wech­sel­nden Rich­tun­gen. Trotz Gewicht­strimm und allen unseren Bin­nensegler­tricks geht es nur in Super-Slo­Mo weit­er. Da wis­sen wir noch nicht, dass dies der Wet­ter­gott für unser Tim­ing für ein Tre­f­fen mit der „Panik“ steuert. Wir haben sog­ar etwas Mühe, mit der net­ten Crew des Folke­bootes Salty die Schlei-Seit­en zu wech­seln, um uns dichter an die Mari­na zu hal­ten. (Dank an Jörg und Jan­nik für Eure Fotos!) Als sich unser Bug endlich vor den Kran schiebt, taucht langsam das Heck der Panik auf. Her­aus schiesst ein hek­tis­ch­er Wasserstrahl.

Boot unter dem Kran
Detlef Hoepfn­er Klaus hat ger­ade gekrant, als wir passieren – und muss extrem viel pumpen

Also nun wieder tief Luft holen und … tröt! Armin lacht sich halb kaputt über meinen verunglück­ten Sig­nal­stoß. Aber Klaus fällt uns ja son­st vor Schreck aus dem Boot mit dem Pump­schwen­gel in der Hand, wenn wir ihn so erschreck­en. Und wir sehen gle­ich: das ist da drüben doch ger­ade ein zu nass­es Vergnügem. Freudig-angestrengt gestikuliert und ruft Klaus zu uns rüber: „Na ihr habt es gut! Euer Boot ist dicht!“ Das Wass­er ste­ht ihm zwar nicht zum Hals, aber er bekommt im Boot doch ziem­lich nasse Füße. Das hat man selb­st bei einem Folke­boot auf Dauer nicht so gern. Was dann später hören: Sein ehre­namtlich­es Flüchtlingsen­gage­ment hat alle Boot­sar­beit­en daheim verzögert. Der Holzrumpf stand auch viel zu lange trock­en. Nun kämpft er mit einem kräfti­gen Wassere­in­bruch, über den auch noch die Pumpe kol­la­biert. Nach unserem kurzen Schnack und Weit­er­fahrt legt auch er mit Voll­gas ab, bei unserem Aussen­bor­der hätte dies wohl der Gashebel­stel­lung „Hase mit angelegten Ohren im Tief­flug“ entsprochen. Was ist let­ztlich die beste Lenzpumpe? „Ein erschrock­en­er See­mann mit einem großen Eimer.“ Auf eine kleine Sand­bank vor seinem Liege­platz geset­zt, ließ sich dann in Ruhe am ver­ankerten Boot weiterarbeiten.

Wir haben uns zwis­chen­zeitlich für das Ziel Flecke­by entsch­ieden, denn Schleswig lockt uns nicht so sehr. Vorher drehen wir eine kleine Runde vor dem Schloss Louisen­lund, wir scheinen dort aber nicht erwartet zu wer­den. Unser Ziel im Fer­n­glas ist der Yachthafen Flecke­by, denn der östlich direkt daneben liegende WSF scheint uns etwas selt­sam auf der Seekarte: die Stege sind von unzugänglichen Pon­tons umgeben, wir wer­den nicht so richtig schlau daraus.

Die Schlei mit all der Natur drumherum: Felder, Wälder, Wiesen, Knicks, Fis­chadler, Rehe auf Trep­pen – und dann all die ganzen Kuck­ucks 😀 …Zusam­men mit dem Folke­boot durch die Natur zu reisen, es ein­fach so genießen zu kön­nen – super schöne Zeit!

Armin Pech

Für unsere Rollen an Bord entwick­eln sich über die Jahre gewisse Vor­lieben. Die ver­suchen wir daher immer wieder ein wenig aufzubrechen, damit wir bei­de in allen Auf­gaben geübt bleiben. Aber jet­zt hantiere ich mit Pinne und Motor zwis­chen den Beinen und bin dankbar, dass Armin einen Blick auf die Karte wirft: „Das Fahrwass­er da vorne hast du gese­hen, oder?“ Ähm ja … natür­lich

In der Schlei kön­nen ne Menge “Dinge“ im Weg sein

Nun kor­rekt eingeschwenkt ent­deckt er auch gle­ich noch einen gut ans­teuer­baren Platz hin­ter den Pon­tons, die wir ursprünglich mei­den woll­ten. Kurz entschlossen lan­den wir so doch im WSF — eine der besten Entschei­dun­gen der Woche. Schon beim Anle­gen ste­ht jemand geduldig am Steg, bis wir uns entsch­ieden (und zwei Ton­nen Langkiel­er sich passend platziert) haben. Unsere Heck­leinen (hal­lo Sven 😉 ) erweisen sich wieder so eben zu kurz, es sei denn, ich wollte die ganze Nacht mit ihren Enden in den Hän­den auf dem Heck ste­hen bleiben. Also alles retour, gemein­sam wird eine passendere Box gefun­den und dort hin ver­holt.
Um uns wuseln dabei die üblichen Graubärte. Aber auch viele Kinder und Jugendliche flitzen über die Stege, und das nicht nur fein ausstaffiert für den Yachtie-Aus­flug. Was für ein angenehmer Unter­schied zu manch ein­för­miger Hafen­struk­tur. Wir fühlen uns super wohl. Ein paar Ein­heimis­che drehen ihre Segel­run­den in den sen­sa­tionellen Son­nenun­ter­gang. Far­big leuchtet er über der sich hier bre­it in Rich­tung Sonne aus­bre­i­t­en­den Schlei. Danach sind wir offen­bar allein im Hafen und genießen die Stille.
Gegen die Kälte hil­ft unser „Bern­steinz­im­mer“, wie Armin mir immer wieder den Stoff gewor­de­nen geschmack­lichen Tief­punkt aller bekan­nter Segel­macherkun­st schmack­haft zu machen ver­sucht. Da friere ich doch lieber, als in der Nähe so eines das Boot verun­stal­tenden Zeltes gese­hen zu wer­den! Aber auch meinen Vorschlag, dann doch wenig­stens die Auf- und Abbauerei zu sparen, indem wir kon­se­quent mit geset­ztem Zelt segeln, stösst im Team auf Ablehnung.

Klaus hat uns schon mit seinem magis­chen Feld­stech­er erah­nt, als wir auf dem Rück­weg wieder die Insel Kieholm ans­teuern. Wir leg­en kurz bei ihm an, erfahren die neuesten Entwick­lun­gen bei sein­er Boots- und Pumpen­reparatur an seinem Folke­boot und machen uns auf den Weg, die näch­ste Brück­enöff­nung in Lin­dau­nis zu erwis­chen. Wir erre­ichen sie sog­ar ver­früht und nutzen die Zeit für einige Segelschläge hin und her. Wie offen­bar sowieso eigentlich — ohne das nun zu sehr zu verk­lären — vor allem die Folke­boote auf der Schlei zu segeln scheinen. Andere nutzen sie eher als schnell zu über­windende Tran­sit­strecke in Rich­tung Ost­see, auf der es vor allem die zwei Klapp­brück­en opti­mal zu timen gilt.


Plan B – aber richtig

Pött-pött-Pött — der Motor des wertvollen Old­timer-Flugzeugs geht mehrfach an und aus, bevor es in einem Feld eine etwas sub­op­ti­male Bruch­landung hin­legt. Das Video, in dem ein erfahren­er Profip­i­lot seine Fehler analysiert, hat mich sehr beschäftigt. Nun, als Armins Arme und ein Heckp­fahl unseren Bug vor Kon­takt mit dem vor uns liegen­den Boot bewahren, kommt mir dessen Ker­naus­sage wieder in den Sinn: ein ein­mal ein­geleit­eter Plan oder Manöver soll auch vol­len­det wer­den. Möglichst wenig hin und her. Wir woll­ten hier eigentlich paar Box­en weit­er anle­gen im Zwis­chen­stopp Lin­dau­nis. Schnell umentsch­ieden — oh, hier ist eben­falls frei und die Aus­sicht schön­er — habe ich die Kurve dann jedoch nicht mehr ganz geschafft. Sich­er nicht ver­gle­ich­bar mit einem Not­fallplan der Fliegerei, wo ständi­ges Umentschei­den („ach, das schaffe ich schon … oder doch nicht … ach klappt schon … ohhh …) das Gehirn über­fordere. Ein abge­sproch­enes Manöver klappt aber halt nur dann, wenn man es auch prak­tiziert. Also erst mal weit­er­gleit­en, anhal­ten, guck­en, dann in Ruhe zurück. Unsere Schä­den jedoch hal­ten sich seit Jahren — bis auf einen selt­samer­weise plöt­zlich gekürzten Flaggen­stock — sehr in Gren­zen. Zu Zweit zu reisen, hil­ft da natür­lich unge­mein. „Alles nicht so ein­fach, wenn man alleine segelt“, bedankt sich ein kurz danach ein­tr­e­f­fend­er weit­er­er Folke­boot­segler neben uns beim Annehmen sein­er Leinen: seine zer­split­terte Bugspitze zeugt von einem frischen Kon­takt mit dänis­chem Beton bei zu viel Wind.

Unter Segeln durch die Klappbrücke Kappeln
Detlef Hoepfn­er Auch bei schnellen, wendi­gen Seglern mag die Brück­en-Crew Kap­peln den Motor hören

Wir Glücklichen

Eine richtig gute Entschei­dung war dage­gen, unsere Star­tideen den Umstän­den entsprechend bald an den Hak­en zu hän­gen. Nach drei Jahren woll­ten wir 2022 ja endlich wieder Däne­mark erre­ichen. Nicht auszu­denken der Stress und die Stim­mung, wenn wir laufend umge­plant und über­legt hät­ten, ob wir in den let­zten Tagen doch noch auf Biegen und Brechen irgend­wie nach DK gelan­gen kön­nten. Für Segel-Spaß, eine gute Zeit zusam­men auf dem Wass­er oder inspiri­erende Begeg­nun­gen ist dann auch egal, ob man fünf, 50 oder 100 Seemeilen gesegelt ist.
Und den Beu­tel mit dänis­chen Kro­nen wer­den wir auch so noch in Eis und Hot-Dogs getauscht bekommen!


Folkeboot-Törn 2019: Rund Als – dem Wind trotzen

Detlef Hoepfner

„Bitte höflichst, an Bord kom­men zu dür­fen!“ Schwup­ps sitzt er nach geübten Schrit­ten längs des mittschiffs schmalen Holzdecks, wo sich unterm Fuß auch noch Schoten und Land­stromk­a­bel rollen, bei uns im noch mäßig sortierten Cock­pit. Streckt den Hals und schaut sich begeis­tert run­dum um im Folke­boot , das wir eben hier in der ver­steck­ten Mjelsvig fest­gemacht­en haben. Nun schaut er uns an: „Ward ihr das, die da den ganzen Als Sund hochgekreuzt sind? Ich hab Euch nach­mit­tags über­holt.“ „Ja, hat super Spaß gemacht!“ 

Er freut sich, hat er sich doch gedacht. Aber … „ich hat­te zwei Frauen an Bord, denen dauert das zu lange“, sucht er nach ein­er Erk­lärung für seinen eige­nen, ger­aden Motorkurs. Der inten­sive Blick auf Raps bei­d­seits des Sun­des – ist ihnen alles ent­gan­gen, denken wird. Knal­liges Gelb, leuch­t­en­des Grün, direkt vorm hölz­er­nen Bug. Nur im san­ften Zick­za­ck-Kurs – die Augen auf der Wasser­fär­bung, GPS und Tiefen­lin­ien, die Hand schon fast am Sen­klot – kommt man doch so nah an den liebevoll restau­ri­erten Anwe­sen im Schilf vor­bei. Oder dem Nach­bau eines Nydambå­den, der Vorstufe der Wikinger­boote: Neben wind­schief gekippten Ste­gresten liegt es dort in Sot­trup­skov, der Enge im Alssund, die den Dänen im Preußisch-Dänis­chen Krieg 1864 zum Ver­häng­nis wurde, als hier große Trup­pen­teile über­raschend über­set­zten. Mit großen Fol­gen: in Lauen­burg, Hol­stein und Schleswig, schon ewig gemis­cht bewohnt von Dänen, Deutschen und Friesen, weht seit­dem nicht länger Däne­marks Dan­nebrog als Landesflagge.

Unser Track sieht aus, als woll­ten wir die bei­den Ufer des Sun­des mit ein­er Zick­za­ck-Naht wieder verbinden, aber am nördlichen Ende geht es nach Querung des  Augusten­borg Fjords rechts ab tief in die Dyvig, und nochmal reingeschlän­gelt in die hin­ter­ste Ecke der Mjelsvig. Die Ans­teuerung ist sehenswert, wenn auch nicht beson­ders schwierig: Wenn man sich denn an die Bojen hält, und nicht wie der Show-your-mon­ey-Segler, der mich über­holend mit seinem Schwell fast vom Heck und die baden­den Kühe ans Ufer wirft, kraft seines Sta­tus’ eine Abkürzung genehmigt. (Ich denke, er hat sich mit­tler­weile run­tergear­beit­et vom Schlick.)

„Und das ist also Euer Boot?,“ staunt unser Gast, und schaut den Mast hin­auf, wo er nach­mit­tags die frühe Segel­num­mer ent­deckt hat­te, die nah an seinem eige­nen Klas­sik­er einzuord­nen ist. „Nein“ – wir erk­lären nach mit­tler­weile etlichen Jahren und Touren mit „Jacaran­da“ rou­tiniert, dass wir dieses 1946 gebaute, damit älteste noch segel­nde dänis­che Folke­boot wie immer bei Mike Peuk­er gechar­tert haben. 

„Ach so.“ Pause. „Na, ich kann mich ja trotz­dem weit­er mit Euch unter­hal­ten!“ Und mit­ten­drin sind wir in ein­er weit­eren Unter­hal­tung über diesen uri­gen Boot­styp. Der Aus­bau­s­tand wird begeis­tert unter­sucht, Erfahrun­gen mit seinem eige­nen Folke zum Besten gegeben, der Reiz des ein­fachen Reisens mit so einem reduzierten Boot ohne allen Schnickschnack diskutiert. 

Nebel über der Schlei
Armin Pech

Ein spooky Start

Wir waren vor drei Tagen in Maasholm ges­tartet. Die Strecke zur Mjelsvig schafft man je nach Wind auch in einem Tag, und ger­ade frage ich mich, ob ich jet­zt mal ehrlich nicht lieber mit dem nebe­nan liegen­den Schiff unseres Besuch­ers weit­er­fahren würde: Platz, Kom­fort, Heizung, kräftiger Motor. Denn statt schon an Tag 1 unseres Wochen­törns hier hochzu­flitzen, ist bere­its nach der allerersten Seemeile klar: Auf den Tourstart fol­gt direkt ein Zwis­chen­stopp: Nebel zieht über die Schlei, man sieht die Hand vor Augen kaum. Wenn wir die näch­ste Fahrwasser­tonne gefun­den haben, hängt da manch­mal schon ein ander­er Segler mit einem Stück Leine dran, um nicht vor einen größeren Bug zu ger­at­en: Null Sicht ist jet­zt irgend­wie uncool. Wir sind nicht lebens­müde, müssen uns auch nichts mehr beweisen, ein Radar wer­den wir kurzfristig nicht nachrüsten – also direkt wieder abge­bo­gen nach Schleimünde rein. Hier teilt sich das Segler­feld: Die einen machen es uns gle­ich, der idyl­lis­che Naturhafen füllt sich zügig, in alle engen Lück­en wird ein Boot nach dem anderen reinge­quetscht. Andere tas­ten sich doch weit­er durch den Nebel auf die Ost­see raus. Aber selb­st von der Gift­bude aus ist der Leucht­turm, der dort ein paar Schritte weit­er im Nebel hängt, nicht zu sehen. Von See hört man es gespen­stisch tuten, wie aus dem Nichts tauchen hier und da die Rig­gs der Tra­di­tion­ssegler vor Schleimünde auf. Das sind schon beein­druck­ende Spe­cial Effects, aber völ­lig illu­sorisch, dass uns jemand mit unser­er – sich­er orig­i­nal­ge­treuen, aber nur kläglich hupen­den – Mundtröte auf dem Wass­er wahrnehmen würde. Wir bleiben also über Nacht. Auch übers Früh­stück und den Vor­mit­tag bleibt nebe­lig. Mit Wind­vorher­sagen ist man unter­wegs eh dauernd busy, aber so ein zäher Nebel als Stören­fried ist uns neu. Also nutzen wir die Zeit, unsere etwas kurzen Heck­leinen zu check­en. Oder uns mal mit dem Taupunkt zu befassen. Wir find­en sog­ar eine App, aus der wir ihn ausle­sen und für eine Abschätzung des Nebelver­laufs nutzen kön­nen; wieder etwas Wis­sen aufge­frischt. Mit­tags endlich steigt die Luft­tem­per­a­turen über diese Schwelle, es klart  auf. Raus aus der Schlei und bei jet­zt bestem Segel­wet­ter auf den Weg nach Søn­der­borg, immer­hin. Drei Jahre schon haben wir bish­er wet­terbe­d­ingt einen Bogen drum gemacht. Meine nord­deutsche Fam­i­lie what­sappt mir unter­wegs Zeitungss­chipsel: Noti­zen zu den Seglern, die am Vortag von der DGZRS wegen man­gel­nder Sicht von Untiefen geschleppt wer­den mussten. Dann doch lieber auf der Lot­s­enin­sel rumdösen und in den Nebel starren.

Ent­lang der Küste ist nun viel Betrieb, aber nicht jed­er scheint die Auswe­ichregeln zu beherrschen: Ein ent­ge­genk­om­mendes Plas­te­boot macht auf Kol­li­sion­skurs komis­che Manöver. Wir kön­nen uns nicht recht frei­hal­ten, nun dreht es auch noch einen Kreis um uns: Über­raschung, Boot­seigen­tümer Mike hat uns aufge­spürt! Wir näh­ern uns auf Rufweite an, schon gut Wind und einige Welle, man muss sich jet­zt hier nicht die Rig­gs ver­hak­en. Mit einem kräfti­gen Wurf lan­den zusät­zliche Heck­leinen bei uns an Bord. Wenn das mal kein Kun­denser­vice ist! Unseren dafür überzäh­li­gen zweit­en Hand­kom­pass schick­en wir aber lieber nicht in Gegen­rich­tung zurück. Wir disku­tieren noch kurz gemein­sam, wo wohl der Rest sein­er Folke­boot-Flotte sei – da kom­men sie schon eben­falls vor­beigezis­cht und Mike sagt auch dort noch schnell hallo.

Endlich Kurs Nord

Ab jet­zt bestes Segel­wet­ter, um nördlich weit­erzukom­men. Im Yachthafen Søn­der­borg waren Armin und ich zusam­men noch nie, wir ori­en­tieren uns über die ver­schachtel­ten Molen und haben ein etwas mul­miges Gefühl angesichts eines regel­recht­en Mas­ten­waldes, der vor uns liegt. Søn­der­borg bleibt aber unser einzig voller Hafen jet­zt Mitte Mai, zudem unser teuer­ster Stopp. Vielle­icht hät­ten wir mit mehr Geduld doch noch die eine Hand­bre­it schmalere Box gefun­den – berech­net wird hier ja nach Liege­platzbre­ite. Aber es pfeift zu sehr im Hafen, als dass man unnötig viele Run­den drehen möchte. Auch wenn Armin ganz beein­druckt ist, wie wir trotz des Windes das Boot in ein­er der Gassen wen­den. Dass dieser Move gar nicht geplant war, geste­he ich erst später – aber so ist das beim Segeln: Auf Plan B fol­gt häu­fig noch Plan C. 

Abends laufen wir über die erst aufwändig neu gepflasterte und dann wieder durch Über­flu­tung zer­störte und wieder repari­erte Prom­e­nade in die Stadt. Vor­bei am Søn­der­borg Vikingek­lub („Win­ter­bade­v­ere­in mit Sauna“) und dem Schloss Søn­der­borg, um dem „Butt im Griff“ von Gün­ter Grass am Alt­stadtkai mit dessen fre­undlich gestrich­enen Haus­fas­saden einen Besuch abzus­tat­ten. Der in Bronze gegossene Fisch schaut in Rich­tung Nord zur  „Kong Chris­t­ian den X’s Bro“. Diese nach König Chrs­t­ian dem X. benan­nte Brücke wird sich am näch­sten Tag – immer um „38“ – für uns öff­nen und den Weg in den Als-Sund freigeben, nach­dem man noch am Ufer beein­druckt Uni­ver­sität und Bib­lio­thek passiert hat.

An der Nordspitze hängengeblieben

Auf hal­ber Strecke hän­gen wir nun also nach dem näch­sten Tag und wun­der­barem Alssund-Zick­za­ck in der Mjelsvig fest: es stürmt und pfeift. Im Hafen hat bere­its ein Schwein­sw­al spek­takulär direkt an unserem Steg neugierig die kleine „Vig“ (Bucht) erkun­dete. Was soll nun noch kom­men, wir haben langsam alles gese­hen. Man bringt uns die Namen der Schwäne bei, beim Haareschnei­den im Segler­haus reka­putal­ieren die Senioren ihre Ver­gan­gen­heit und man ahnt, dass Sitz­gruppe und Küchen­zeile die Geschicht­en nicht zum ersten Mal vernehmen. Man berichtet uns, dass die den Hafen betreibende Fam­i­lie noch eine Schweinezucht bewirtschaftet, auch Pferde hält. Reit­en ler­nen wollen wir kurzfristig aber nicht und ver­legen stattdessen endlich das Boot an einen anderen Liege­platz, wo uns der gedrehte Stark­wind nicht länger die Wellen aufs Heck (und damit nachts in die Wirbel­säule) trom­melt. Wir laufen los ent­lang des Ufers und über die Hügel durch Felder und knieho­hes Gras, bis Schuhe und Hosen vor Nässe triefen. Lüm­meln uns am Ufer der Dyvig auf weich geschwun­gene Holzbänke. Der Wind aus grauem Him­mel dreht die Anker­lieger langsam und syn­chron in der Bucht und soll uns etwas die Nässe aus den Hosen­beinen trock­nen. Der Blick reicht auf den ver­raucht­en Kiosk gegenüber, vor dem die Dauer­lieger ihre Bier­büch­sen lenzen. Wir trödeln rüber und genehmi­gen uns noch einen blau-schwarzen Plat­ten­bren­ner-Kaf­fee. Nach ein paar hügeli­gen Schlä­gen kreuz und quer, in von ein­samen Anwe­sen gestoppten Sack­gassen, durch eine aus­ge­büxte Schafherde und ent­lang ansteigen­der Kop­peln find­en wir doch noch die bekan­nte, auch vom Wass­er aus kaum sicht­bare Durch­fahrt in diese Bucht­en. Wie eng man sich zwis­chen den berühmtem his­torischen Stan­gen der „Steg Gaf“ in die Mjelsvig und Dyvig hinein­schle­icht, misst man eigentlich erst hier vom Ufer aus richtig. Fast kön­nte man diese Eng­stelle, auf deren Grund mit­te­lal­ter­liche Pfahlreste ruhen sollen, auch in ein paar Schrit­ten durch­wa­t­en. In der Sai­son ist hier Hochbe­trieb, heute baden nicht mal Kühe. Schließlich suchen wir noch den Bio­hof, der auf einem der typ­is­chen Aushangzettel vielver­sprechend an ein­er hölz­er­nen, ver­wit­terten Schup­pen­wand angeschla­gen war. Wir find­en die Straße, laufen diese auf und ab, aber der erhoffte Hof ent­pup­pt sich als typ­isch dänis­ch­er, vere­in­samter Verkauf­s­stand am Weges­rand: Aus ein­er Kühlbox kann man Eier greifen, wir entschei­den uns aber für ein paar Bech­er Honig als Mit­bringsel. Die gewün­schte Summe klimpern wir als Münzen mit und ohne Loch in die angeschraubte Spar­dose — denn mit dem eben­falls ange­bote­nen dänis­chen Smart­phone-Pay­ment ken­nen wir uns noch nicht aus.

Halbzeit-Marine-Knaller

Erst nach zwei Tagen kom­men wir weit­er, kur­ven oben um Als herum. Der Wind ste­ht gün­stig, aber so kräftig und leicht drehend, dass wir wegen der uns schräg schieben­den Welle trotz Bul­len­stander den tiefen Vor­wind-Kurs scheuen. Wir schla­gen stattdessen einen Hak­en weit­er auf die Ost­see und steuern leicht höher. So laufen wir sta­bil­er und sind zufrieden, als aus dem Nichts eine Explo­sion die Stille zer­reißt: Es rummst und bebt, aber nicht an Bord, son­dern schräg vor uns: Eine riesige, trotz ihrer Ent­fer­nung beein­druck­ende Wasser­fontäne erhebt sich. Es dauert eine Weile, bis sich der Pilz aus Wass­er und Dampf auf sein­er ganzen Bre­ite wieder abgereg­net hat. Vor Schreck vergessen wir, ein Bild zu machen, was ist das um Him­mels Willen? Schnell noch mal die Karte gecheckt: Das dänis­che Marine-Sper­rge­bi­et liegt in sicher­er Ent­fer­nung, aber doch in Ver­längerung genau vor uns. Was auch immer das für ein Böller war – wenn der neben einem hochge­ht, kann man die näch­sten Win­ter­lager­ar­beit­en wohl get­rost absagen. 

Wir cruisen zügig weit­er, erwä­gen immer wieder als weit­eres Zwis­chen­ziel Aver­nakø. Die Karten dazu haben wir längst mehrfach studiert und wollen die markante Dop­pelform nun auch noch ein­mal mit den Füßen im Inselkies statt nur dem Fin­ger auf der Karte erkun­den. Gehen aber doch auf Num­mer sich­er – wie gut kämen wir von dort beim erwarteten Wet­ter zur Flens­burg­er Förde raus? –  und nehmen Kurs nach Mom­mark vor uns. Nach Passieren sein­er markan­ten, leicht wind­schiefen Leucht­türme erschreckt uns zum ersten Mal in unserem Leben ein so leer­er Hafen, dass an Bord schla­gar­tig eine panis­che Ago­ra­pho­bie um sich greift: So viele leere Liege­plätze, man weiß ja gar nicht, wo man hin­s­teuern soll! Steg um Steg ist frei, an denen man sog­ar längs­seits liegen kann. Der gefühlte Raum an Bord ver­dop­pelt sich ger­adezu durch die Stell­fläche neben dem Boot, und wir bre­it­en uns gle­ich mal mit frisch gekochtem Kaf­fee, Tassen und viel zu viel Schoko­lade aus. Klein­er fotografis­ch­er Wer­mut­stropfen: Das einzige später noch ein­laufende, hässliche Motor-Angel­boot macht – genau neben uns fest. Grrrr. Eine schwere Prü­fung, nicht heim­lich dessen Leinen zu lösen und es zurück aufs Meer zu schieben … Umso voller ist es im Restau­rant des sin­gen­den Hafen­meis­ters. Wir haben noch Vor­räte für bes­timmt eine weit­ere Woche an Bord, waren aber nicht richtig kochwütig dieses Jahr und spendieren uns je einen der teuer­sten Burg­er unser­er Segelka­r­riere. Den­noch sehr leck­er, begleit­et von ein­er musikalis­chen Play­back-Showein­lage des Hafenchefs (die jedoch wiederum gegenüber seinem abendlichen Wald­horn­spiel, vor­ge­tra­gen auf einem Gar­ten­tisch ste­hend als Ein­schlaflied für alle Segler, in Sachen Orig­i­nal­ität etwas zurücksteht).

Rockin’ home

Als wenn wir nicht schon genug Wind gehabt hät­ten: Für unseren let­zten Schlag zurück bis zur Schlei sind im Tagesver­lauf nochmal ein paar Beau­fort zuviel ange­sagt, aus West und im Tagesver­lauf weit­er zunehmend. Wir stellen den Weck­er nicht zu spät und streben nach Süden. Mit Erre­ichen der Flens­burg­er Förde, die wie queren müssen, ver­lieren wir etwas Land­ab­deck­ung, aus der Förde her­aus baut sich gut Welle auf. Wir fall­en etwas ab in Rich­tung Ost­see, was sich ein wenig „trock­en­er“ segelt, wollen dem See­gang aber nicht zu viel Anlauf gön­nen und wen­den zwis­chen­durch wieder Schläge in Rich­tung Küste – wo es aber wieder flach­er wird. Dass die elek­trische Lenzpumpe (ja, ist eigentlich eh Luxus …) unter­wegs das Zeitliche geseg­net hat, kommt auch zur Unzeit. Die alte Dame Jacaran­da zieht eh etwas Wass­er, ihr Holzrumpf ist jet­zt am Saison­be­ginn noch nicht allzu lang gewässert und kön­nte etwas dichter sein. Bei dem hol­pri­gen Ritt von der Kante runter ins Cock­pit und unter den Boden­bret­tern die Hand­pumpe schwin­gen – da kann man sich, abge­se­hen von den eh eingepreis­ten blauen Fleck­en, ger­ade schönere Tätigkeit­en vorstellen. Später im Hafen müssen wir beim Aufräu­men der Schränke selb­st die Pfanne trock­nen, da in ihr das See­wass­er schwappt. 

Mike meldet sich auf Höhe der Förde tele­fonisch, wir sollen mal hin machen, es wür­den Böen von 8 gemessen und Besserung sei nicht in Sicht, im Gegen­teil. Na ja, das touris­tis­che Rah­men­pro­gramm mit großer Hafen­rund­fahrt und Blaskapelle ist hier eh schon abge­sagt. Das über 70 Jahre alte Lärchen­holz unter unseren Füßen muss sich gegen eine kräftige, graue Welle anstem­men, die uns im regelmäßi­gen Gle­ich­takt duscht und mit der Zeit auch die Son­nen­brillen, die das Salz etwas von den Augen hal­ten sollen, mit ein­er Kruste trüben. Wir sind schon zack­ig unter­wegs, aber jede neue Wellen­front stellt sich unserem kurzen Anlauf quer ent­ge­gen, es fühlt sich an, als wenn man wieder ste­hen bleibt. Der gut gedichtete und dop­pelt gesicherte Speed­puck am Fuß des nur noch wenig gold­en schim­mern­den Holz­mastes bekommt sein ver­schwim­mendes Dis­play kaum höher als sechs Knoten. 

Einen kleinen Aus­flugss­chlenker gön­nen wir uns trotz­dem, denn da gibts ja noch das wun­der­bare The­ma „Schlei-Ein­fahrt“. Aus diesem Trichter erwarten wir, dass und der Wind schon ab dem ersten Meter Schleiein­fahrt direkt auf den Bug pfeifen wird. Zum Kreuzen ist in diesem See­gatt wenig Raum, und wir wer­den motoren müssen. Aber auch erst genau ab dort, denn bei der zu erwartenden Welle vor der Schlei ist der Außen­bor­der nicht ein­set­zbar, er hinge im schlimm­sten Fall im Wellen­takt abwech­sel­nd mit der Schraube in der Luft oder dem Motor­block unter Wass­er. Also suchen wir uns auf dem iPad – das bei der Nässe, Wind und Wellen grad tat­säch­lich han­dlich­er ist als die mit­tler­weile eben­falls triefend abge­sof­fe­nen Papierkarten – einen Start­punkt. Von ihm denken wir – Plan A – mit hohem Amwind­kurs direkt in die Schlei rein­bolzen zu kön­nen. Dort direkt unterm Leucht­turm in der Ein­fahrt Segel runter, Motor an und Kurs West in die Schlei weit­er rein. Plan B („irgend­was ist ja immer“): Rein­heizen, hof­fen, dass nicht das hässlich­ste Touris­ten­schiff (und zwar des bekan­nten Uni­ver­sums) grad im Wege ste­ht und dann mit dem Schwung unter Segeln gegenüber in den Hafen Schleimünde rein und erst­mal an irgend einem Pfahl festmachen. 

Der gewählte Wende- und Start­punkt liegt Rich­tung des Mon­ster­hafens Olpenitz, und so sehen wir dessen Außenkante auch mal näher. Dann jet­zt los in Rich­tung Leucht­turm — aber Mist: um ein paar Grad ver­schätzt, wir laufen einen Hauch zu tief, so ver­passen wir die Ein­fahrt 100 Meter. Also Wende zurück, kor­rigieren, das gibt ja pein­liche Kringel auf dem GPS-Track. Weit­ere Wende zurück wäre nun langsam dran, aber jet­zt hakt nach dem ganzen nassen Gebocke auch noch wieder irgend­was am Motor, den Armin klar­ma­cht und so der Pinne im Weg ste­ht … ähm, sooo dicht woll­ten wir dann doch nicht zum alten Marine­hafen, in dem man immer­hin allen Platz der Welt für jedes erden­kliche Fra­gat­ten­manöver hätte. Nun passt alles, Kurs ist per­fekt und mit Schwung in die Schleimün­dung. Heute bleiben wir wenig­stens vom oft recht kabbe­li­gen Wind-gegen-Strom-Wellen­chaos ver­schont, das dem inter­essierten Besuch­er an Land gern die Unter­wasser­anstriche und Kiele der sich hineinkämpfend­en Boote zeigt. Der Motor ist schon unten, geht auch an, die Segel kom­men runter, zudem kaum Betrieb auf dem Wass­er bei dem Wet­ter. Die let­zte Seemeile bis Maasholm heißt es nur noch, gegen das eklige Wet­ter Kurs zu hal­ten und sich nicht neben das graue Fahrwass­er vertreiben zu lassen. Der Zweitak­ter kämpft tapfer vor sich hin, man möchte ihm für jeden sein­er knat­teri­gen Hübe danken. Und zum ich-weiß-nicht-wieviel­ten Mal denke ich: Wie cool, so als Team zu zweit einge­spielt zu ein. Das ganze The­ater immer allein – nee, darauf hätte ich keine Lust.

Gut fest­gemacht nach über sechs Stun­den Ritt und knapp 30 Seemeilen bele­gen wir im Ziel zum ersten Mal mehrere Liege­plätze: Nicht nur unsere Segelk­lam­ot­ten, auch die dicht an der Bor­d­wand liegen­den Pol­ster sind durchtränkt und wir verteilen und verzur­ren alles auf den Decks der Folke-Nach­bar­boote. Während das Wass­er aus den Kissen rin­nt und wir hof­fen, dass der Wind vor unser­er let­zten Nacht im Boot beim Trock­nen hil­ft, wucht­en wir das Gepäck raus und streben aus­ge­hungert in Rich­tung Grieche. 

Detlef Hoepfn­er Folke­boot-Tre­f­fen-Vortr­e­f­fen: Kaf­fee mit Stil von Kati und Jörg an Bord der Mumie von Klas­sisch am Wind

Folke-Freunde

Kaum zurück, haben wir direkt wieder Besuch an Bord: Wir ler­nen Kathi und Jörg ken­nen, mit denen wir gegen­seit­ig Wet­ter- und Routen­tipps aus­tauschen. Am näch­sten Mor­gen, bevor es für uns mit dem Auto zurück- und für sie mit einem Folke­boot nach Däne­mark los­ge­ht, genießen wir bei ihnen an Bord einen (und dann gle­ich noch einen) sehr stilecht­en Kaf­fee: von der Crew wird mit der Hand­kurbel die Müh­le in Schwung gebracht, während gle­ichzeit­ig die näch­sten Anek­doten über den gek­link­erten Planken der „Maj“ Fahrt aufnehmen. Endgültig wach vom Kaf­fee­duft kön­nen wir noch eine let­zte Erken­nt­nis dieser Tour beisteuern: 

Eingewe­ht in der Mjelsvig, auf halbem Wege unser­er Runde um Als, hat­ten wir eine windgeschützte Sitzecke gefun­den, die uns nicht nur vor den sechs, sieben über den Hafen ziehen­den Bft schützt, son­dern auch ein paar wär­mende Son­nen­strahlen bietet. Am Steg legte jet­zt nur ein einziges Schiff an. Ein stäh­lern­er Segelkut­ter, nach ein paar Anläufen und kräftigem Zupack­en am zu uns aus­laden­den Bugs­pri­et kom­men später drei fröh­liche Opas an Land. Gle­ich vom ersten hören wir, dass auch sie den Als-Sund hochgekom­men sind. Ges­pan­nt sind wir, welch­er Wind dort herrschte? Er schaut uns an. Über­legt. Nun wollen ihm doch irgendwelche Zahlen ein­fall­en: „… Wind­stärke drei bis vier?“ rät er völ­lig ahnungs­los. Wir ent­lassen ihn schnell aus unser­er Befra­gung, denn da kommt auch schon der Käptn. Graue Haare, grober Pul­li, warme Mütze, Ring im Ohr. „Wind…?“, wun­dert er sich. „Na ja, selb­st hier im Hafen zer­ren die Boote an den Fest­mach­ern!“ Nun däm­mert ihm was: „Men­sch, deshalb musste ich den Hebel so auf den Tisch leg­en!“ Er ist erle­ichtert: „Ich dachte schon, mit dem Motor wäre was!“ Gesegelt sei im Als-Sund bei dem Wet­ter zwar auch jemand. 

„Aber …“, zieht er Bilanz, „der hat­te dafür unter­wegs nicht drei oder vier Grog wie wir!“

Detlef Hoepfn­er Ein­mal rund Als

boot 2019 – wird nicht langweilig!

Segeln in VRDetlef Hoepfner

Wet­ter grau, Arbeit viel, Out­door-Leben wenig – im Jan­u­ar kommt die Messe boot wie gerufen. Von Trade Shows habe ich eigentlich mehr als genug in meinem Leben gese­hen, aber diese ist fast wie ein Tag Urlaub. Jeden­falls, wenn man den Luxus genießt, sich ein­fach nur als Besuch­er durch die Hallen treiben lassen zu können.

Detlef Hoepfn­er (Sehr guter) Wet­ter­vor­trag von Meeno Schrad­er beim Mag­a­zin “acht” 🙂

Nach dem ersten Schock der Reizüber­flu­tung schnell Rückbesin­nung auf die kleine, am Vor­abend zusam­mengestellte To-Do-Liste: Bei der Wet­ter­welt endlich die Sea­man-App erk­lären lassen. Das Team war super nett, die App ist sich­er gut, mit der Darstel­lung aber komme ich nach wie vor nicht so klar (z.B. im Gegen­satz zu Sejl­sikkert, das dichter an solchen Ama­teuren wie mir ist). Super dann der Wet­ter­vor­trag des Teams zur aktuellen Kli­maen­twick­lung und den Fol­gen für Segler. Zur all­ge­meinen Erheiterung am Stand ein­er Zeitschrift, die sich kurz nach Mess­es­tart noch als “acht” zu erken­nen gab. Weit­er dann zum Ver­sicherungs­mak­ler: Klein­er Schwatz über Mar­ket­ing, die möglichen Ver­sicherun­gen – und ich nehme wohl ein­fach die gle­iche Skip­per­ver­sicherung, wie in den Vorjahren.

„boot 2019 – wird nicht lang­weilig!“ weiterlesen

„Age Of Sail“ – Storytelling in Virtual Reality

Age Of SailsJohn Kahrs / Google Spotlight Stories

“Age Of Sail” ist eine mar­itimes Video-Klein­od von John Kahrs, dem man in vie­len Details abspürt, dass der Erzäh­ler selb­st viel Zeit auf dem Wass­er ver­bracht haben. Das aber vor allem als Vir­tu­al-Real­i­ty-Ver­sion in Google Spot­light Sto­ries angelegt ist: Je nach Smart­phone-Posi­tion verän­dert sich nicht nur die optis­che Per­spek­tive auf See, son­dern auch der Sound. In sta­tis­ch­er Posi­tion finde ich den Sound so na ja und mäßig immer­siv, Her­aus­forderung war aber natür­lich, die Ortung der gewählten Per­spek­tive dynamisch arte­fak­t­frei nachzuführen. Beim Ani­ma­tion World Net­work gibt es ein paar Hin­ter­gründe zu der Pro­duk­tion, die aufwändi­ger war, als man im ersten Moment denkt: Eine Her­aus­forderung war neben der Frage, wie man hier ein Sto­ry­board anlegt, lustiger­weise die Sorge, beim Betra­chter Seekrankheit zu ver­mei­den – hält man bess­er die virtuelle Kam­era sta­bil, das Boot oder den Horizont?

Die VR-Ver­sion gibt es hier (iOS) zu sehen https://itunes.apple.com/de/app/google-spotlight-stories/id974739483?mt=8 oder androi­disiert hier http://onelink.to/adde8q
Die “nor­male” The­ater-Ver­sion liegt hier auf YouTube:

Nicht nur der Pro­duzent des Films übri­gens meint: Ein­mal in VR angelegt, ließen sich zwar die Kam­er­afahrten und Per­spek­tiv­en in der Pro­duk­tion per­fekt posi­tion­ieren, und die eigene Posi­tion mit­ten im Geschehen ist faszinierend – aber auch die “nor­male”, Non-VR-Ver­sion sei ganz schön gut …

Dem kann man zus­tim­men und hinzufü­gen: Eine gute Sto­ry lässt sich auch mit ein paar Zeich­nun­gen auf Papi­er nicht viel weniger überzeu­gend erzählen.

105 Seemeilen rund Ærø

FolkebootDetlef Hoepfner

Nur noch wenige Meter bis zum Steg. Bis zu einem der Stege. Armin und ich sind uns sel­ten uneins, hier aber unentschlossen – welche der in sehr luftigem Abstand ins Hafen­beck­en geset­zten Pfahlrei­hen passt am besten zu unserem kurzen Folke­boot, wo ist das vom regen­nassen Algen­schmi­er seifenglat­te Holz­plateau nicht ganz so hoch? Von Mom­mark kom­mend hat­ten wir uns bei ständig zunehmen­dem Wind und eini­gen Schauern das Stück bis Lyø hochgear­beit­et, uns am Wind her­an­tas­tend an Fynens Süd­west­spitze steuer­bord gehal­ten und die lange, flache Nord-Landzunge Lyøs umrun­det. Karte und GPS im Blick – neben dem ins Meer greifend­en Naturschutzfin­ger wird es flach – nehmen wir das Groß runter und rauschen nur unter Fock auf die Hafene­in­fahrt zu, die noch gut zu erken­nen ist. Danach würde es laut Hafen­hand­buch aber bei Seit­en­wind zack­ig um die Eck­en gehen. Also noch den Außen­bor­der aus der Hal­terung gewuchtet, Ben­z­in­tank auf, und der Zweitak­ter schiebt uns die let­zten Meter durch die ros­ti­gen Spund­wände der Ein­fahrt, dreht den lan­gen Kiel trotz Wind auch um die Kur­ven. Die Leinen liegen klar, denn welch­er Ort es jet­zt auch wird: der Wind drückt uns dann seitlich, eine zügig fest­gemachte Leine an einem Punkt in Luv macht Sinn.

Weiter nordwärts
Außenborder
Armin Pech

Erfol­gre­iche Fehler­suche: durch den fehlen­den Sprit im Fil­ter kamen wir auf den Riss

Erst in Form eines aus­giebi­gen Früh­sports mit diversen Gas- und Choke-Ein­stel­lun­gen. So aufgewärmt, gehen wir sys­tem­a­tisch vor: Motorab­deck­ung auf, Sprit­fil­ter check­en. Stellen fest: dort ist offen­bar kein Tropfen Ben­zin mehr drin. Tank check­en – voll. Tankdeck­el – Lüfter ist auf. Tank ste­ht ger­ade, Ansaugstutzen ist unter dem Sprit-Lev­el. Alles tip-top. Gum­miball zum Pumpen. Der kommt uns übri­gens seit gestern etwas komisch vor. Son­st nix zu sehen, auch nicht an der Leitung. Warum kommt dieser elende Sprit nicht am Motor an? Armin dreht den Schlauch noch ein­mal aus der Ruhe­lage hin und her – da klappt ihm ein Leitungsriss direkt am Pump­ball ent­ge­gen: Ab hier herrschte also nur noch frisch­er Meer­luft-Flow in Rich­tung Heck zum Motor, wenn man durch Schwenk des Motors leicht­en Zug oder Drehung in den Schlauch brachte. Uns fällt ein Riesen­stein vom Herzen, und merken erst jet­zt, wie sehr uns diese tourentschei­dende Frage doch im Magen lag. Das Werkzeug ist schnell aus­gepackt, der Schlauch gekürzt, Schelle drauf, zwei‑, dreimal pumpen – Motor läuft.

Wir schnap­pen unsere Jack­en, check­en zum hun­dert­sten Mal die Fest­mach­er und erkun­den die Insel. Nur eine Hand­voll zerzauster Segler und zwei, drei Ein­heimis­che sind zu sehen. So malerisch diese ganzen Inseln auch sind: oft ver­bre­it­en sie ja doch eine etwas ver­störende Ver­lassen­heit. Hochw­er­tigst restau­ri­erte und ver­fal­l­ene Häuser wech­seln sich ab, aber die Edelfe­rien­häuser (oder Wer­tan­la­gen) kom­men mir beson­ders spooky vor, so ver­lassen in der Vor­sai­son. Am Weges­rand ein offen­er Ver­schlag mit Spar­dose – hier deck­en wir uns mit ein paar Gläsern selb­st­gekochter Marme­lade ein und erweit­ern unseren Bor­d­pro­viant um eine weit­ere Geschmack­srich­tung „Kirsche“. Bloß auf­passen, dass im Geld­schlitz nicht die falschen Münzen lan­den und wir beim näch­sten Hafe­nau­to­mat­en unter der Dusche im Trock­e­nen stehn.

Karten
Schweinswale
Detlef Hoepfn­er

Wenig Wind = schöne Sicht auf die Schweinswale

Wir trim­men hier und da, aber alle Tricks ändern nichts daran, dass man bei einem knap­pen Knoten Fahrt pro Stunde keine ganze Seemeile gut­macht. Wir gehen ungern so früh an den Treib­stoff, ander­er­seits: „Winden­ergie“ würde sich uns die näch­sten Tage noch zur Genüge bieten. Der Nor­den ist im Juni auch um zehn noch hell, das kommt uns nun zugute. Aber dann sollte man doch im Hafen sein, schon um Mom­marks Hafen­meis­ters leg­endäre Jagdhorn-Ein­lage nicht zu ver­passen. Hin­ten brummt der Zweitak­ter, am Bug spritzt es wieder, wenn auch Motor­boot-gle­ich­för­mig statt Segel- oder Wellen-mod­uliert. Sehr spät leg­en wir nach den ersten 20 Seemeilen in Mom­mark an, proppevoll am Sam­stagabend, außer uns bewe­gen sich am Hafen nur noch ein paar Angler­boote – und die ent­ge­genk­om­mend. Dankbar sind wir der vorauss­chauen­den Crew der in der Hafe­nenge liegen­den Pel­trine, einem über 100 Jahre alten See-Ewer: Zwar haben wir oft genug ver­gle­ich­bare Vorsegel an ähn­lichen Schif­f­en geset­zt und gebor­gen, aber ob wird beim engen Manövri­eren aus unser­er tiefen Folke­boot-Per­spek­tive her­aus an den weit aus­laden­den Klüver­baum weit über uns gedacht hätte, ohne den dran baumel­nden orangen Kugelfender …

Video von der Tour gibt’s hier


Folkeboot
Detlef Hoepfn­er

Armin macht ein Nick­erchen – und doch mal dichte Klam­ot­ten anziehen

Lyø hal­ten wir gut in Erin­nerung, nicht nur vom ben­zin­schlauchbe­d­ingten Anle­gen in Etap­pen und hil­fre­ichen (statt nur gaffend­en) Seglern, son­dern einem wun­der­baren Naturschutzge­bi­et, lan­gen, knor­ri­gen Alleen und dem mys­tis­chen „Glock­en­stein“. Viel Gele­gen­heit, den Tag wun­der­bar auf der Insel zu vertrödeln, umgeben vom schäu­menden Lillebælt.

Klokkestenen
Detlef Hoepfn­er

Pirat­en achteraus?

Zeit­gle­ich kom­men große Tra­di­tion­ssegler von Faborg um die steilen Klip­pen gebo­gen, uns ent­ge­gen oder holen von achtern sich aus dem Hor­i­zont erhebend auf. Was für eine phan­tastis­che Kulisse! Wir hal­ten ihre Kurse im Blick, set­zen uns etwas dichter dazwis­chen. Ein ein­fach über­wälti­gen­des Panora­ma aus kräftigem Wind und lan­gen Wellen, streifen­d­em Salz- und Regen­wass­er, als groß gepin­selte Pati­naflächen dazwis­chen cre­me­far­benes Segel­tuch. Zögen jet­zt noch Kanonen­don­ner und Pul­ver­dampf übers Wass­er, es würde einen fast nicht wun­dern. Nach rund ein­er Stunde hat der Spuk ein Ende, wir sind wieder allein und es stellen sich die All­t­ags­fra­gen: Das häßliche Kümo vor uns – in Fahrt, vor Anker, oder weiß es das ger­ade sel­ber nicht?

Es dauert nicht sehr lange (Karte­nauss­chnitt, und Blick auf die Delius-Klas­ing-App) bis nach 18 sm Ærøskøbings aufgerei­hte Bade­häuserzeile erre­icht und ein guter Platz gefun­den sind: Eine ganz leere Hafe­necke, gegen den Wind geduckt hin­ter ein­er mas­siv­en Stein­mole, das dänisch-bunte Muster hölz­ern­er „Bade­huse“ direkt vor Augen. Im Boot offen­bar sich nach dem Anle­gen das typ­is­che Chaos: Vorm Hafen grob aufge­tuchte Segel. Leinen über­all. Jack­en, nasse Hosen, Ret­tungswest­en. Karten, Kam­era, Tablet, Fer­n­glas, Funk. Unter Deck noch Baum­stütze, Fend­er, Zelt … Dass man abends über­haupt noch ein Lücke für den Schlaf­sack findet!

Armin möchte aufräumen.
Ich will zur Werft.
Armin zeigt auf das mar­itime Chaos rund um uns.

Ich auf die leeren Liege­box­en rechts und links: Hier ist nie­mand, der uns verpfeifen kön­nte – wir sind doch unter uns! Und der Werft-Shop führt manch­mal Wei­h­nachtss­chmuck. Damit kann man bei der häus­lichen Genehmi­gungsstelle für ehemännliche Erkun­dungs­fahrten zwecks tur­nus­mäßiger Ver­mes­sung der Dänis­chen Süd­see sehr erfol­gre­ich Punk­te sammeln. 

Armin möchte aufräu­men. Wenig­stens etwas. 

Wir eini­gen uns, müssen dann zu Fuß schnell ein­mal durch den ganzen Hafen, sind Vier­tel vor Fünf an „Det Gam­le Værft“. Die soeben geschlossen hat! Durchs Fen­ster sicht­bar­er Krim­skrams in den Werftre­galen schaut aus, als hätte er daheim etwas bewirken kön­nen. Nun wer­den wir uns für 2019 was ein­fall­en lassen müssen. Aber Segelk­lam­ot­ten, die schon aufge­hängt gut trock­nen, haben ja auch ihr Gutes.

Detlef Hoepfner
Fähre
Detlef Hoepfn­er

Wo bin ich 😉

Wir schle­ichen um die Boots­baustellen und schla­gen uns in die Neben­gassen. Eine schön­er als die andere, gehal­ten in far­ben­fro­hen, aber nicht über­sät­tigten Far­ben, flaniert von den hier typ­is­chen Stock­rosen. Von der Nør­re­gade schaut man durch die offe­nen Fen­ster in dänisch designte Wohn­räume. Und blickt durch deren hin­tere Fen­ster gle­ich weit­er durch auf die Ost­see. Die Jahreszahlen auf den Giebeln ver­rat­en, dass man schon in den 20iger Jahren des let­zten Jahrhun­derts wusste, wie es sich schön wohnen lässt, ganz ohne Foto­tapete oder Riesen­glotze an der Wand.

Æroskøbing
Kurs Marstal
Detlef Hoepfn­er

Kurs Marstal

Die Segel­woche neigt sich, es ist nochmal sehr viel Wind aus Nord ange­sagt. Die Rich­tung passt per­fekt, wir haben gut geplant. Nur zwei Tage drauf ist endlich nach­lassender Wind ange­sagt, wenn wir wieder einen sehr lange Schlag zurück nach Deutsch­land vor uns haben. Aber jet­zt schon ganz zurück … doch lieber Zwis­chen­stopp in Bagenkop. Raus aus Ærøskøbing pfeift es wieder ordentlich. Das Groß ist angeschla­gen, aber nicht geset­zt. Wir hof­fen, allein mit sehr reduziert­er Segelfäche – unter Fock – bei kräftigem Nord­west auf Halb­wind­kurs mit Kurs auf Drejø so viel Höhe hal­ten zu kön­nen, um von dort in die Mørkedyb-Rinne hin­un­terzu­rutschen. Die Welle nimmt ordentlich zu, die paar Segler um uns rum schauen von deut­lich größeren Booten auf uns runter. Sie kön­nten not­falls auch unter Motor einen Kurs „erzwin­gen“. Wir dage­gen müssen uns völ­lig an die Sit­u­a­tion adaptieren.

Mørkedyb
Detlef Hoepfn­er

Fahrwass­er-Wirrwarr vor Marstal – und das Trock­endock ist weg

Also Auss­chau gehal­ten, ob man den näch­sten beton­nten Hak­en Rich­tung Marstal nicht etwas mildern und abkürzen kann, ohne das Boot auf eine Sand­bank zu set­zen. Am Ende der Rinne bietet sich dazu nach SW ein Schlag über „Mey­ers Grund“ an, angesichts des See­gangs mit deut­lichem Abstand zu den Tiefe­nangaben, die mit ein­er „2“ vor dem Kom­ma in der Karte ste­hen. Vor Marstal ange­langt gilt es dann, die richtige Beton­nung der drei Fahrwass­er plus Hafen­z­u­fahrt statt der vorge­lagerten Stein­mole zu erwis­chen – nur unter Vorsegel bei dem vie­len Wind und ohne Option, unter Motor zu kor­rigieren gibt es hier auch nur einen Ver­such, richtig abzu­biegen. Wir hat­ten über­legt, noch einen Zwis­chen­stopp einzule­gen, den Tag extra hät­ten wir dafür. Aber mor­gen soll das Wet­ter kom­plett kip­pen, statt kräftigem Nord­west plöt­zlich Süd­west. Wir möcht­en hier nicht plöt­zlich eingewe­ht wer­den und denken, dass wir weit­er südlich auf Lan­ge­land bess­er aufge­hoben sind, um von dort bei SW zurück nach Deutsch­land zu kom­men. Also weit­er. Back­bord schim­mern mit klar­er Far­bkante abge­gren­zt die Sand­bänke dicht am Fahrwass­er, die Kulisse von Marstal zieht beim Kurs Süd steuer­bord vor­bei, mit gewöh­nungs­bedürftigem Umriss: Jahrzehnte geze­ich­net von den in den Him­mel ragen­den Fin­gern der Kräne und dem kasti­gen Schwim­m­dock der Marstal Værft, deren land­schaft­sprä­gende Stahlmonster aber 2017 nach Svend­borg ver­legt wur­den. Schön war anders – aber irgend­wie fehlt einem diese Land­marke jet­zt doch.

Strom
Hafen Bagenkop
Detlef Hoepfn­er

Bess­er kann es einem nicht gehen

Die vie­len freien Box­en liegen lei­der alle quer zum Wind, der Wind­druck nur im Rigg reicht aus, unser fest­gemachte Boot zu krän­gen. Noch hof­fen wir, einen der später ein­laden­den Segler neben uns lock­en kön­nen für etwas Deck­ung. Stattdessen gibt es zwar gut zu tun, von eben­so zer­rupften Seglern Leinen anzunehmen. Aber ihre fet­ten Motoren, mit denen sie mehr oder weniger erfol­gre­ich ver­suchen, ihre Anleger kon­trol­liert ver­laufen zu lassen, wühlen das halbe Hafen­beck­en rund um uns auf und es ist dann vielle­icht doch bess­er, dass wir alle etwas Abstand halten.

Nebe­nan wer­den die gemesse­nen Windgeschwindigkeit­en disku­tiert, und unser Zelt fürs Cock­pit bleibt fest weggepackt. Und da wir ja bei dem Gepfeife kaum den Gaskocher in Gang bekä­men, müssen wir lei­der, lei­der, aus­nahm­sweise im Hafenkiosk Riesen­por­tio­nen Lan­gelæn­der-Pommes und ein paar dicke Burg­er ver­drück­en. Nur ein Pølser reicht heut nicht. Aber auf einem Stuhl zu sitzen, ohne dass einen der Wind weg­drückt – das ist auf ein­mal unge­wohnt. Wir guck­en weit­er Wet­ter, Wet­ter, Wet­ter: Mor­gen, am vor­let­zten Tag, kräftiger Süd­west. Über­mor­gen dann deut­lich weniger – yiep­pieh, zulet­zt noch ein ruhiger­er Segelt­ag? Wir laufen nochmal zur Hafene­in­fahrt, schauen uns den See­gang und ein paar dazwis­chen ein­laufende Angler und Segler an, klet­tern auf den kleinen Aus­sicht­sturm: Da möcht­en wir jeden­falls so bald – und vor allem in Gegen­rich­tung – nicht wieder durch.

Bagenkop
Klippen
Detlef Hoepfn­er

Die Klip­pen, jet­zt von See aus

Kurs auf die deutsche Ostseeküste
Leuchtturm Schleimünde
Detlef Hoepfn­er

Zurück am Leucht­turm Schleimünde
Schlei
Detlef Hoepfn­er

Gesamte Runde um Ærø mit 105 Seemeilen (knapp 200 km)

Segelfoto „making of“ – Fotografieren an Bord

Herbst-AbenteuersegelnDetlef Hoepfner

Spielt sich das wahre Erleben vor oder hin­ter der Kam­era ab – ich bin mir da nicht immer sich­er: Was nicht den Weg durch meine Kam­er­alinse fand, empfinde ich als gar nicht richtig erlebt – oder ver­ankerte sich das Aben­teuer tiefer, wenn ich mal die Knipse wegle­gen würde?

In unser­er Jugend­abteilung des SVWK (www.segeln.ruhr) wird daher jeden­falls viel fotografiert, und spätestens zum Jahre­sende stürzen sich auch alle Kinder begeis­tert auf die gemein­sam erar­beit­eten Foto­ergeb­nisse. Eins der Fotos hat es in die 2018-Endauschei­dung des Ver­ban­des SVNRW geschafft, und damit in die Segler Zeitung und auf die Messe boot.

Sto­ry zum Wet­tbe­werb in der Segler Zeitung Detlef Hoepfn­er

Präsen­ta­tion der Nominierun­gen auf der boot 2018 Detlef Hoepfn­er

Die Kinder sind stolz wie Bolle! Und auf Face­book & Co gab es dazu eine Menge Traffic.

Daher hier mein „Segelfo­to mak­ing of“! Übri­gens gibt es zu dem The­ma nun bei Ama­zon auch ein e‑book von Stephan Boden „Mit der Kam­era an Bord – Ein­fache Tipps für gute Fotos“.

Herbst-Abenteuersegeln
Aben­teuersegeln in der Däm­merung: wo man selb­st noch gut sieht, ist für die Kam­era längst Schicht – Nikon D750, 30 mm, 1/125 s, f 4,5 und ISO 12.800 Detlef Hoepfn­er

1. How to: So ein Bild braucht 1/25 Sekunde. Plus ein paar Jahre.

„Ist Fotografie Kun­st?“ fragte man sich in deren Anfangszeit. Wenn wir uns darauf eini­gen, dass Kun­st nicht nur von „Kön­nen“ (s. u.), son­dern auch von „Kün­den“ abgeleit­et wer­den kann, bedeutet dies: Um etwas erzählen zu kön­nen, muss man es erst erlebt haben. Ein Bild wie unser Beitrag zum SVNRW Fotowet­tbe­werb (und sich­er viele der anderen Motive eben­so) wird daher nur möglich, wenn man selb­st ins The­ma ein­taucht. Wenn man mit­segelt, mit­staunt, mit­friert.  Dass man sich wie alle anderen die Fin­ger klemmt, nasse Füße holt, gemein­sam die Hände am Tee­bech­er wärmt – das wun­der­bare Erleben ganz beson­der­er Momente teilt. Dazu eine gemein­same Beziehung baut und lebt, und nicht als knipsend-poltern­der Fremd­kör­p­er im Wege ste­ht. Nach ein paar Jahren – schon hat man den Dreh raus. Daher gilt auch: Die Fotos (hier größ­ten­teils aus­sortiert, weil unsere Kinder­fo­tos nix im WWW zu suchen haben) dienen nicht dem Fotografen-Ego, sie sind lediglich ein „Neben­pro­dukt“ unseres Segelvergnü­gens, und ver­längern dieses ein wenig in die Zeit, während der wir an Land ver­ban­nt sind.

Segeln dür­fen wir auf dem Kem­nad­er See nur bis Mitte Novem­ber. Aber warum im Novem­ber noch aufs Wass­er? Im Win­ter dür­fen wir nicht, im Som­mer dage­gen wächst uns der See zu. Bleiben die Zeit­fester dazwis­chen. Seit­dem wir endlich die Sicher­heit auf dem Wass­er vernün­ftig gewährleis­ten kön­nen, dehnen wir also die Segelzeit aus, so weit es geht. Natür­lich bei vertret­baren Sichtver­hält­nis­sen spät­nach­mit­tags, die Fotos sehen viel dun­kler aus, als die Umge­bung für das men­schliche Auge tat­säch­lich ist. Überre­den muss man dazu nie­man­den: Schlecht­es Wet­ter find­en die Kinder, wenn kein Wind ist. Nach einem ersten Ver­such vor ein paar Jahren, bei dem dann tat­säch­lich hin­ter­her im Taschen­lam­p­en­licht der let­zte Kram in die Schapps ver­packt wurde, erlebten wir im Fol­ge­jahr eine Über­raschung: Kaum begann die dämm­rige Segelzeit, standen die Kinder unaufge­fordert mit der Stirn­lampe auf der Mütze und warm ange­zo­gen am Steg parat. An die Affen­schaukel kam noch eine LED-Camp­in­gleuchte, und auch auf dem Optis­teg (na gut, er ist eigentlich eh beleuchtet) wurde eine Lampe postiert – „damit wir zurück in den Hafen find­en“. Wer einiger­maßen gut am Sicherungs­boot auf dem See anlegt, ver­di­ent sich ein paar Kekse, eine Tasse war­men Tees gibt es sowieso über die Bor­d­wand gere­icht. Was ganz neue Her­aus­forderun­gen in den Optis schafft: „Moment, ich muss erst den Tee aus dem Boot lenzen, hier schwimmt ger­ade alles …“

Herbst-Abenteuersegeln
Außen­bor­der auf­stop­pen, den­noch Kurs hal­ten, dann schnell wieder aus dem Weg Nikon D750, 120 mm, 1/125 s, F 4,5 und ISO 8000 Detlef Hoepfn­er

2.  Welche Kamera gewinnt auf dem Wasser?

Beim Scrollen durch meine Bib­lio­thek kann ich oft nicht mehr spon­tan sagen: Smart­phone oder Spiegel­re­flex? Aber bes­timmte Fotos lassen sich nur mit der einen oder anderen Kam­era (einiger­maßen gut) erzie­len. Und die absolute Bildqual­ität macht eben­falls einen Unter­schied: Bed­ingt durch meine etwas unortho­doxe Leses­trate­gie des Mag­a­zins „Yacht“ (und bed­ingt durch deren für mich viel zu hohe Schlagzahl) kann es vorkom­men, dass ich nacheinan­der eine Aus­gabe von 2014 oder älter und dann eine aktuelle 2018er durch­blät­tere und genieße. Der Unter­schied in der Bildqual­ität, bed­ingt durch den tech­nis­chen Kam­er­afortschritt, ist gewaltig!

Das Smart­phone ist jeden­falls immer dabei, bei mir meist in ein­er wasser­festen Hülle. Dadurch ermöglicht es ganz oft Bilder, die son­st nicht möglich wären. Denn am wichtig­sten ist Tipp Nr. 1 – mit ganzem Ein­satz regelmäßig dabei sein.

Jahre­lang war als Spiegel­re­flex eine robuste Nikon D300 mein Begleit­er, zusät­zlich gum­mi­armiert. Erset­zt wurde sie 2017 durch eine Nikon D750. Mit einem einzi­gen Objek­tiv (24–120mm), denn wer will auf dem Wass­er auch noch Objek­tive wech­seln? Die 24 mm sind mach­mal noch fast zu viel (nicht „weit“ genug), wenn Kinder und Boote auf Arm­länge bei mir anle­gen. Die 120mm helfen, wenn sie mit ein­er frischen Brise davonzis­chen. Diese Bren­nweit­en­wahl ist mit dem Smart­phone nicht möglich, auch nicht die Qual­ität bei den wech­sel­nden Lichtver­hält­nis­sen. Erst recht nicht, wenn die Sonne direkt auf die Schutzscheibe der Smart­phone-Hülle brennt.

Eine vernün­ftige Armierung für die D750 habe ich noch nicht gefun­den, stattdessen liegt ein knall­gelbes Peli-Case im Boot: Ganz ohne Innenausstat­tung: Case-Schloss auf, fotografieren, Kam­era wieder rein­wer­fen, Deck­el mit dem Fuß zutreten. Bish­er ist es gut gegan­gen, und den gel­ben Kas­ten hat man auch immer gut im Augen­winkel. Das Objek­tiv schützt zudem ein UV-Fil­ter gegen Beschädi­gun­gen, der Deck­el hinge­gen führt ein reiselustiges Eigen­leben und wird mir von ver­schiede­nen Orten immer wieder zurück­ge­bracht: „Der ist doch sich­er von dir …?“ Den Kam­er­agurt habe ich an die D750 erst gar nicht dran­mon­tiert, der ver­hed­dert sich eh nur über­all an Bord oder verklemmt beim Schließen unterm Case-Deckel.

Herbst-Abenteuersegeln
Das eigene Sicherungs­boot dreht, der Segler eben­falls – län­gere Belich­tungszeit­en funk­tion­ieren nicht Nikon D750, f 120 mm, 1/160 s, f 4,5 und ISO 12.800 Detlef Hoepfn­er

2. Mit der Kamera vertraut machen

Auch die D750 wan­dert hier oft durch Kinder­hände. Hat man sich als Besitzer an den leicht erhöht­en Adren­a­l­in­pegel gewöh­nt, entste­hen oft ganz unver­hoffte Motive: Einige der schön­sten Bilder stam­men nicht von mir, son­dern den Kindern aus ihrer eige­nen Per­spek­tive. Was aber eine Hürde ist: Sie sind vom Smart­phone gewohnt, dass die Kam­era alles alleine macht. Über­haupt durch den Such­er zu sehen (wodurch man auf dem Wass­er opti­male Kon­trolle hat, statt auf dem Screen nur den Him­mels zu spiegeln) ist für sie eine Her­aus­forderung. Zumal  eine Voll­for­mat-DSLR ein völ­lig anderes (anspruchsvolleres) Schär­fever­hal­ten hat: Leicht vor­bei ist hier dann voll daneben. Hier hil­ft nur: Fotografieren, fotografieren, fotografieren, bis man die Bedi­enung wie im Schlaf beherrscht. Und am wichtig­sten ist Tipp Nr. 1.

Kemnader See
Aus­rechend Licht voraus­ge­set­zt, klappt auch ein Smart­phone – iPhone 6s, 1/390 s, f 2,2 bei ISO 25 und ‑1 EV Detlef Hoepfn­er

3. Einstellungen: Segelfoto-Parameter

Am ein­fach­sten wäre ja ein Nikon-Segelfo­to-Gewin­ner-Pre­set. Rein­drehen, fer­tig. Aber ich benutze nicht ein­mal die Stan­dards, von den Spezial­pro­gram­men ganz abge­se­hen. Denn soll ich jet­zt ern­sthaft auswendig ler­nen, welch­es Pro­gramm in welch­er Sit­u­a­tion was macht? Für mich gehören die in solchen Kam­eras aus der Firmware gelöscht, den Spe­ich­er kann man sich­er anders bess­er nutzen. Wenn ich schnell ein cooles Insta­gram-Foto möchte, nehme ich eh das Smart­phone und bin in drei Klicks fertig.

Die D750 läuft bei mir nur noch im manuellen Modus, Aus­nahme ISO: Ich wäh­le Blende/Zeit, ISO passt sich dann an. Anpas­sung dann ggf. durch die Belich­tungsko­r­rek­tur. Dadurch bin ich sich­er, dass die Zeit­en zum Motiv passen, und die Blende den gewün­scht­en Bild­ef­fekt gibt. Ten­den­ziell geht es immer in Rich­tung kürz­er­er Zeit­en, ich bin da oft zu „langsam“ und unter­schätze noch immer, wie sehr man sich selb­st und das Motiv bewegt, Sta­bil­i­sa­tion im Objek­tiv hin oder her. Wenn es arg hek­tisch ist, macht auch eine mehr als 5,6 geschlossene Blende Sinn, um etwas mehr Head­room in der Schärfe zu haben. Das, neben­bei, macht für mich ein wenig die Vorteile eines Voll­for­mat­sen­sors zunichte, der bed­ingt durch die Geome­trie von Sensor/Objektiv zu ein­er deut­lich ver­ringerten Schär­fe­zone führt. Wenn man etwas Ruhe hat, öffnet dieses Schär­fever­hal­ten zwar tolle Möglichkeit­en der optis­chen Iso­la­tion von Motiv­en, aber pro­bier das mal bei Lage auf der Jolle, wom­öglich noch mit ein­er Hand an der Pinne … Kurze Zeit­en plus geschlossene Blenden führen dann lei­der oft zu höheren ISOs, als mir lieb ist.

November-Segeln
Lieber extremer ISO als gar kein Bild – Nikon D750, 1/60 s, 30 mm, f 4,0 bei ISO 20.000 und – 1/3 EV Detlef Hoepfn­er

4. Fokus auf dem Wasser

In min­destens den ersten 15 Jahren meines Fotografierens musste ich ohne Aut­o­fokus auskom­men, was jet­zt auch nicht immer so ganz ide­al war. In den let­zten 25 Jahren ver­suche ich nun, den Aut­o­fokus zu bändi­gen, mit eben­falls gemis­cht­en Ergeb­nis­sen. Con­tin­u­ous ist meist eine gute Wahl, aber die Her­aus­forderung lautet: Wie bekomme ich das Mess­feld schnell und per­fekt aufs Motiv. Da man ja beschäftigt ist, wäre ein automa­tis­ches Track­ing hil­fre­ich, aber eigentlich sind die Sit­u­a­tio­nen dafür immer zu chao­tisch. Am Besten fahre ich mit einem einzel­nen Mess­feld. Entwed­er per Dau­men immer schnell hin und her geschoben, oder ein­mal „gelockt” und dann hof­fend, dass es automa­tisch mit­ge­zo­gen wird. Größter Nachteil an der D750 (wie auch der D300 und ganz vie­len anderen Kam­eras): Die Mess­felder lassen sich ein­fach nicht weit genug aus der Bild­mitte seitlich ver­schieben. Das führt oft zu total unglück­lichen Bil­dauss­chnit­ten (im Extrem­fall Anfänger­fehler: Kopf genau in der Bild­mitte, Beine und Füße abgeschnit­ten). Gele­gentlich funk­tion­iert auch eine vol­lau­toma­tis­che Mess­fel­dauswahl (beson­ders, wenn die Kam­era in ungeübte Hände geht), aber zu oft springt der Fokus dann auf Objek­te, die man zwecks Bildgestal­tung im Frame haben, aber nicht scharf sehen will. Und wenn es nur ein Bänd­sel ist, das plöt­zlich in den Bil­dauss­chnitt flattert.

Man muss jet­zt nicht zum total­en Pix­el-Pedan­ten wer­den, aber: Ein per­fek­ter Fokus lässt ein Foto richtig rocken.

Fokus-Feld
Das ging wohl daneben mit dem Mess­feld mit AF‑C und 3D-Track­ing … aber mit 5,96 m passte der Fokus den­noch so unge­fähr Detlef Hoepfn­er

5. Motivgestaltung beim Segeln

Bin ich ein paar Tage mit einem kleineren Boot unter­wegs, dann geht mir irgend­wann – spätestens beim Durch­se­hen der Fotos – die eingeschränk­te Sicht nach vorne auf den Keks. Auch wenn wir uns jet­zt alle auf die Idee stürzen, sich für erweit­erte Bild­per­spek­tiv­en ein wenig per Drohne von Bord zu ent­fer­nen: Dauernd glotzt man nach vorne nur auf den Nieder­gang! Plus die typ­is­chen Fuß­bilder. Schaut man dage­gen in Rich­tung Hor­i­zont, beste­ht das Bild aus Wass­er, Wass­er – und weit hin­ten ist irgend­was. Da hil­ft ein wenig Gesel­ligkeit (siehe wieder Tipp 1!), mit mehreren Booten bekommt man etwas mehr Tiefe ins Bild, und vor allem der ein­fache, alte Vordergrund/Hintergrund-Trick: Ein markantes Boots­de­tail im Vorder­grund, daneben das eigentlich Motiv weit­er weg auf dem Wass­er – schon bekommt man eine viel plas­tis­chere Räum­lichkeit. Beson­ders gut mit ein­er Spiegel­re­flex, aber dran denken: Sicht­bar auf der Datei ist der Ein­druck, wenn man test­weise die Abblend­taste drückt, der Such­er zeigt ja immer den Ein­druck „Blende ganz offen“. Ste­ht die Blende auf 16 oder mehr, tendiert das Bild wieder in Rich­tung “Smart­phone-Look“.

Ærœ
Bei Schräglage und See­gang muss man Objek­te im Such­er über­haupt erst mal sortiert bekom­men, ohne dass einem die Win­sch bei der näch­sten Welle ins Objek­tiv (oder die Zähne) haut) – Nikon D750, 1/320 s, 120 mm, f 4,0 bei ISO 100 Detlef Hoepfn­er

Sortieren, bearbeiten, wegwerfen!

„Deine Bilder waren wieder die besten“ – dem kann ich oft nur ent­geg­nen: „Ehrlich gesagt habe ich ein­fach nur die vie­len schlecht­en Dateien alle wegge­wor­fen und euch lediglich die zehn schön­sten Motive gezeigt.“ Dazu muss man aber eine Sorti­er-Strate­gie ein­führen – und dann am besten lebenslang durch­hal­ten. Und sich ein­er Soft­ware bedi­enen, die ein Sicht­en und Sortieren unter­stützt. Wer einzeln Bilder spe­ichert, in Ord­ner legt, bear­beit­et, die Ver­sio­nen plus Vari­ante _neu sowie _neu_neu_neu wieder woan­ders ablegt, hat in kürzester Zeit Chaos.

Fast jedes Bild prof­i­tiert von ein wenig Post-Pro­cess­ing: Den Hor­i­zont ein wenig richt­en, den Bil­dauss­chnitt opti­mieren – in drei Hand­grif­f­en  macht fast jedes Bild einen Sprung nach vorne und kommt mehr auf den Punkt. Farbtem­per­atur und Hel­ligkeit sind beson­ders gut zu kor­rigieren, wenn man in einem Raw-For­mat fotografiert, das machen mit­tler­weile sog­ar viele Smart­phone-Apps. Ein JPG kann nicht vernün­ftig kor­rigiert wer­den, Punkt, isso! Ein per­fekt fotografiertes JPG ergibt zwar ein per­fek­tes Bild – aber das set­zt voraus, dass man alle Para­me­ter vorm Aus­lösen per­fekt geset­zt hat. Ich kann das nicht. Alter­na­tiv­los ist real­is­tisch betra­chtet auch eine non­de­struk­tive Bear­beitung, wie bei Light­room oder iPho­to & Co: Die Kam­er­a­datei wird importiert und abge­spe­ichert, aber nicht verän­dert, son­dern nur mit den Bear­beitungspa­ra­me­tern über­lagert. Im Auss­chnitt ver­tan? Kein Prob­lem, ist jed­erzeit rück­gängig zu machen. Wenn man dage­gen jedes Bild einzeln in Pho­to­shop öffnet, ändert spe­ichert, das näch­ste Bild …

Entwed­er ist man dann Fine-Arts-Kün­stler und verkauft die Motive ab 1000 Euro aufwärts, oder man hat mehr Spaß an Pho­to­shop als am Fotografieren und den Bildern.

Aber eigentlich wollen wir ja – segeln!

Bilddatenbank
Mate­r­i­al von der wöchentlichen Segel­runde – da ist zügiges Sortieren ange­sagt Detlef Hoepfn­er

Folkeboot-Tipps für Einsteiger

Folkeboot-BugDetlef Hoepfner

Durch seine lange Geschichte — das Folke­boot feierte 2017 sein 75jähriges — bildete sich eine Menge an Know-how und Fange­mein­den rund um dieses klas­sis­che Segel­boot. Was aber, wenn man als Spaßsegler von anderen Boot­stypen für eine (Charter-)Tour auf das Folke umsteigt? Hier habe ich die wichtig­sten Tipps zusam­menge­tra­gen, die in ein­er leicht angepassten Ver­sion auch von www.klassisch-am-wind.de über­nom­men wurden.

Nach den ersten zwei wun­der­bare Folke­boot-Touren zählten wir sich­er nicht zu den aus­ge­bufften Spezial­is­ten dieser Boote aus Holz oder GFK mit Tra­di­tion in Kerte­minde. Zumal wir erst danach ent­deck­ten, dass hier in NRW, fast bei uns nebe­nan, eine der größten Folke­boot-Flot­ten heimisch ist. Aber mit zusam­men rund 30 Jahren Erfahrung am „Segeln nur zum Spaß“ bei uns zwei Folke­boot-Ein­steigern ergab das 2017 eine beson­dere Kom­bi­na­tion: Wie fühlt man sich als „erfahren­er Segel-Folkean­fänger“ auf einem gechar­terten Folke­boot, mit dem man sich ein wenig auf der Ost­see herumtreiben will?

Bevor wir uns also zu sehr daran gewöh­n­ten und Folke­boot-Rou­tine entwick­eln, hier rück­blick­end und zwis­chen­durch aktu­al­isiert unsere sub­jek­tiv­en Tipps „Folke­boot für Anfänger“! Gesam­melt auf Folke­booten, gechar­tert bei www.klassisch-am-wind.de

Detlef Hoepfn­er Alsensund-Kreuzen

Folkeboot-Routenplanung

Mit einem Segel­boot ein­fach von A nach B bzw. ein­er bes­timmten Insel fahren zu kön­nen – na das wäre ja zu ein­fach. Beson­ders trifft dies für kleine Boote wie das Folke­boot zu. Es ist zwar wirk­lich seetüchtig. Unsere allerersten Run­den haben wir als Train­ing direkt bei viel Wind und Welle gedreht. Was gut war: Platschnass wussten wir jet­zt, was geht. Aber wie bei einem größeren Schiff die Mas­chine anschmeißen und gegen das Wet­ter anbolzen, das funk­tion­iert ein­fach nicht. Man muss sich arrang­ieren, das Wet­ter check­en, die Karte studieren. Direkt einen Plan B bere­itle­gen, Alter­na­tiv­en durch­denken, viel Reserve ein­rech­nen. 2017 als auch im Vor­jahr dro­hte uns über die Tage Wet­ter­ver­schlechterung, die es einzukalkulieren galt. Man fährt da nicht ein­fach nach Hause. Und die Bedin­gun­gen scheinen ja ten­den­ziell eher insta­bil­er zu werden. 

Die erre­ich­baren Streck­en sind deut­lich kürz­er, als man das von anderen Ost­see-Touren geplant ist. Bei­des Mal haben wir unsere Streck­en daher verkürzt – und sind damit zufrieden gefahren. Dem Stress wollen wir uns nicht aus­set­zen, wom­öglich auf Biegen und Brechen bei Bedin­gun­gen, die (uns) echt keinen Spaß mehr machen, zurück­fahren zu müssen, weil die Segel-Char­ter-Zeit endet und der Job ruft. 2021 und 2022 erforderten die Umstände “aus Grün­den” sog­ar, dass wir uns nur mit kurzen Törns in der Schlei umse­hen. Für andere Segler ist das ja nur eine Tran­si­tau­to­bahn zur Ost­see. Hat­ten wir daher weniger Genuß als auf der Ost­see? Nein.

Dass man mit dem Folke­boot also „dichter dran“ ist an Natur und Wet­ter, bedeutet auch, sich mehr auf die Ele­mente einzu­lassen und davon führen zu lassen. Dazu muss man nicht eso­ter­isch ver­an­lagt sein – alles andere tut ein­fach nur mehr weh, wenn’s schief geht. Und schief gehen kann schon eine Menge auf dem Wasser.

Folkeboot: Behäbig. Berauschend. Schnell.

Nicht nur in Köln ist „Jed­er Jeck anders“, auch jedes Boot hat seinen Charak­ter. Wenn man ger­ade von ein­er Jolle kommt, staunt man schon im Hafen über die Sta­bil­ität des Folke­bootes: Man läuft vom Bug seitlich zum Want – und man klatscht nicht gle­ich ins Wass­er! Der lange und schwere Kiel braucht schon einige Anre­gung, bis sich das Boot zur Seite neigt. Da ist die Gefahr größer, dass der Fuß über ein Land­stromk­a­bel auf dem Sei­t­en­deck wegrollt oder die Fußspitze unter einem Fest­mach­er hängt und man so den Abgang ins Hafen­beck­en macht. Aber das heißt nicht, dass man mit dem Folke­boot nur hin­ter­her fährt! Unsere allerersten eige­nen Folke­boot-Minuten führten uns damals durchs enge Schlei-Fahrwass­er in Rich­tung Lot­s­enin­sel auf die Ost­see, umgeben von vie­len gle­ich­gesin­nten Segeln (nicht zu vergessen dem grot­ten­hässlichen Touris­ten­dampfer im Gegen­verkehr). Wom­it mir nicht gerech­net hat­ten: Dass wir direkt zu eini­gen Über­hol­manövern – wo ist hier die Bremse? – mit Schweißperlen auf der Stirn „gezwun­gen“ wur­den. So langsam, wie einige andere Boote hin­aus­trödel­ten, ließ sich das Folke gar nicht segeln.

Flaches Wasser
Detlef Hoepfn­er Puh, ganz schön flach hier – aber man hat es ja direkt vor Augen 😉

So viel Sicher­heit, wie das Folke­boot einem Umsteiger aus Jol­len­per­spek­tive bietet, mit so viel Jollen-ähn­lichem Segelspaß über­rascht es den Dickschiff­segler: Man sitzt sich­er und geschützt, aber ganz, ganz dicht am Wass­er und kann sich daran ger­adezu berauschen.

Folkeboot-Manöver und Außenbordmotor

Mit der gewis­sen Langkiel­er-Behäbigkeit sollte man sich dann auch im Hafen­manöver arrang­ieren. Das Boot mal eben mit back gehal­tener Fock oder einem Tritt gegen einen Pfahl drehen – ver­giss es. Zwei Ton­nen plus vor allem der Laaaaangkiel stellen sich da stur. Ander­er­seits: Bei kräftigem Seit­en­wind wird die Box­en­gasse nicht ganz so schnell zu schmal, weil der Kiel jet­zt schön sta­bil­isiert (und der niedrige Auf­bau sich duckt). Aber hier spielt ein Außen­bor­der seine (immer­hin) Stärke aus: Gedreht bis max­i­mal kom­plett quer gestellt lässt er sich als „Heck-Quer­strahlrud­er“ nutzen. Das Geheim­nis lautet hier: Motor kom­plett 90° drehen. Nur einkup­peln (vor­wärts), ganz wenig (Stand-)Gas, und: Geduld, Geduld, Geduld. Dann bekommt man das Boot zen­time­ter­ge­nau gedreht. Wenn möglich, bucht doch eine kleine Train­ingsrunde bei einem Skip­per­train­ing (macht ja eh immer Sinn).

Außen­bor­der-typ­isch auch das Ver­hal­ten bei Rück­wärts­fahrt: Ein kurz­er Rück­wärt­slauf hat kaum Wirkung. Wer vom Dickschiff gewohnt ist, mit einem kurzen Schub rück­wärts aufzustop­pen, bekäme danach einen Ein­druck von der Schlagkraft der Bugspitze in das geg­ner­ische Mate­r­i­al. Da stoppt gar nichts. Viel Gas hil­ft auch jet­zt wieder nix. Es kommt einem nur die Schraube jaulend aus dem Wass­er nach oben ent­ge­gen, um sich mal in der frischen Hafen­luft umzuse­hen). Und bei Rück­wärts­fahrt gilt eben­so: Wenn das Boot ein­mal in Bewe­gung gekom­men ist, lässt es sich so schnell nicht wieder davon abbrin­gen. Also auch hier: Manöver bess­er in Zeitlupe, das Hafenk­i­no darf in Slow­mo­tion präsen­tiert wer­den. Seit­en­stöße bess­er mit gedrehtem Motor und Vor­wärtss­chub statt rück­wärts eingekup­pelt. Ziele wenn möglich gegen den Wind ans­teuern – kor­rigieren­der Vor­wärtss­chub, wenn man ver­hungert, geht. Abbrem­sen kaum. Die zwei Ton­nen bremst Ihr auch nicht mit den Händen.

Detlef Hoepfn­er Der Außen­bor­der – mal mit link­er, mal rechter Hand bedi­ent – ist in Kom­bi mit Pin­nen, Leinen und Bezin­schlauch bei Manövern gewöhnungsbedürftig

Außenbordmotor: verflixt und zugenäht

Über­haupt: der Motor! Sieht ja schon mal total sch… aus da hin­ten am klas­sisch-ele­gan­ten Heck! Nicht nur, dass man beim Manövri­eren Gashebel plus Rud­er­pinne par­al­lel bedi­enen muss – man hat die dann gerne über Kreuz. Dazu die Fest­mach­er, und den Ben­zin­schlauch sollte man auch nicht mit dem Knie abklem­men oder gar beim Lenken abreißen. Man kommt auch kaum an die Schal­tung dran und hockt auf Heck und Aufholschlit­ten des Motors wie der Affe auf dem Schleif­stein. Geschätzt 50% unser­er blauen Fleck­en stam­men von diesem „gemütlichen“ Platz mit wun­der­bar­er Aussicht. 

Dass man sich dort auf dem Heck bei Welle kaum hal­ten kann, ist dage­gen nicht so schlimm: Bei Welle hil­ft der Außen­bor­der eh nix, so lang kann sein Schaft gar nicht sein, dass die Schraube im Wass­er bleibt.

Diese Frage – Außen­bor­der nutzen oder nicht? – ist für uns daher eine der manch­mal schwierig­sten Entschei­dun­gen. „Sicher­heit­shal­ber grund­sät­zlich mit Motor“ funk­tion­iert nicht! Beispiele: 

  • Bei Wind­stärken über 5 voll auf die zwölf hätte die Strecke von Schleimünde nach Maasholm unter Segeln (den­noch sicher­heit­shal­ber bere­its angeschla­gen) kreuzend kaum funk­tion­iert. Also mit Motor gegenan.
  • Ander­er­seits sind wir beim Ver­such, unter Motor von der Ost­see bei Wind gegen Welle in Schleimünde in die Schlei hineinzukom­men, mit dem Motor gescheit­ert. Zurück auf die Ost­see, wieder unser­er Segel beson­nen und dann erfol­gre­ich­er Anlauf unter Segeln. Die Schleimünde-Touris­ten bestaunen der­weil Euren Unter­wasser­anstrich in dem Wellen-/Strö­mungschaos. Augen zu und durch.
  • Aus Nor­den kom­mend sind wir mit über 7 Knoten raum­schots durch die Ein­fahrt in den Hafen Marstal gebret­tert (ver­stößt bes­timmt gegen die Hafenord­nung). Aber wie will man da vorher die Segel weg bekom­men, den Motor drückt man bei dem Speed ja nicht ins Wass­er, und samt Hal­terung abreißen will man ihn ja auch nicht sehen.

Ide­al­er­weise plant man also so, dass die Strecke the­o­retisch ohne Motor funk­tion­iert. Vorauss­chauend planen.

Starke Strömung
Detlef Hoepfn­er Mit Wind und Welle – gegen den Strom nach rechts käme man hier nicht anmotort

Folkeboot-Ausrüstung und Unterschiede zum „Dickschiff“

Wenn der Ver­char­ter­er bei der Ein­weisung schon wieder einen Satz mit „Typ­is­cher­weise ist auf einem Folke­boot hier …“begin­nt, weiß man: Jet­zt kommt schon wieder eine Erk­lärung, warum irgen­det­was … komisch ist. Gegenüber manchen Booten mit Camp­ing- oder Nahkampf-Tota­lausstat­tung erscheint so ein Stan­dard-Folke­boot spar­tanisch. Es leuchtet einem keine Instru­menten­wand ent­ge­gen, ohne Logge, Tiefen­mess­er, Plot­ter, Win­danzeige … Aber woher der Wind kommt, das hört  und sieht man doch auch so, oder? Und die Wasser­tiefe vor dem Boot kann man eh nicht messen. Ein paar Basis­dat­en lieferte uns ein Garmin-GPS, das wir aber noch immer nicht richtig kapiert und selb­st ergänzt haben: Ein Speed­Puck aus Ebay am Mast sig­nal­isierte deut­lich unsere Geschwindigkeit, da guckt man auch ohne Regat­ta-Ambi­tio­nen dauernd drauf. Er trackt super detail­liert und saugt nicht das Smart­phone leer. Aber manch­mal haben wir ihn mit – und hän­gen ihn gar nicht raus. Die ver­mehrte Smart­phone-Nutzung zeigt sich auch hier (auch wenn das nicht halb so fix den Wen­den folgt).

Seekarte auf Smartphone
Detlef Hoepfn­er Beque­mer Blick kurz auf die Karte in der Mørkedyb-Rinne, sind danach zu NV Charts gewechselt

Ganz nüt­zlich wäre ein Tiefen­mess­er dann ver­mut­lich manch­mal schon. Im Muse­umshafen Kap­peln zu weit aus­ge­holt steckt man schnell im Schlick. So fest­ge­saugt kommt man dem Hören­sagen nach auch nur wieder raus, wenn man eine Leine zu ein­er Win­sch auf einem der Tra­di­tion­ssegler rüberlegt.

Strom braucht man anson­sten für Smart­phone und/oder Tablet, da haben wir einige Power­banks plus USB-Lad­er dabei. Nach fünf Stun­den Segelei hat so ein Tablet doch gut was wegge­zo­gen. 2022 hat­ten wir erst­mals einen fes­ten USB-Port dafür (12-Volt-Buchse via Bor­d­bat­terie, dort einen Adapter auf USB rein.) Das entspan­nt echt unter­wegs. Der Anschluss war nur Nähe Großschot unter die Boden­bret­ter gelegt, sprich man trat immer aufs Kabel oder ver­hed­derte Leinen darin. Da gibt es bessere Orte im Cock­pit. Der Hitzeschutz gegen Elek­tron­ik-Abschal­tung ist im Som­mer auch ein Thema.

Detlef Hoepfn­er Die “Mumi” hat 12 Volt an der Großschot, aber das Tablet bzw. Kabel stört da zu sehr. Es liegt bess­er (und küh­ler und dun­kler) in der seitlichen Cockpit-Ablage

Papierkarten haben wir immer am Start, 2017 zwis­chen­durch einen weit­eren Satz der Karten­werft, deren Schnitte sich pri­ma auch aus Ent­fer­nung im Cock­pit lesen ließen. Anson­sten NV Verlag.

Zusät­zliche Navi-Apps bieten ein deut­lich­es Infor­ma­tion­splus: Wir planten anfangs sel­ten konkrete Weg­punk­te in die Soft­ware. Aber in einem engen Fahrwass­er mal eben das Smart­phone aus der Jacke zu ziehen und sich zu vergewis­sern, wo man ger­ade ist und wo die näch­ste Tiefen­lin­ie ver­läuft – das hat uns überzeugt. Nach eini­gen App-Wirren hat uns (Stand 2022) NV Charts am meis­ten überzeugt: Gute Karten, pausen­los App-Verbesserun­gen, Cloud-Nutzung über mehrere Geräte. Einige der Fea­tures haben wir beim Mark­t­start der App mit vorgeschla­gen oder kri­tisch begleit­et – das Team in Eck­ern­förde ist super am Nutzer.

Die Posi­tion­slichter liegen in ein­er Kiste unter Deck und müssten aufgesteckt wer­den, Nacht­fahrten sind für Char­ter­er aber eh oft absprachebedürftig. Da wir zu Zeit­en der hell­sten Nächte unter­wegs sind: wir haben sie noch nie ausprobiert.

Ablegen unter Segeln
Detlef Hoepfn­er Motoren machen nur Lärm, wir leg­en hier unter Segeln ab

Folkeboot-Segel

Das Großsegel ist nicht reff­bar. Das Boot verträgt aber sehr viel Wind – sagt man, wir machen da meist lieber Pause. Wir hat­ten aber auch schon stür­mis­che Phasen, da hätte ein Reff bess­er funk­tion­iert, als die Groß zwangsweise zu weit öff­nen zu müssen. Also wir jeden­falls haben da den Dreh nicht raus und wir ärg­ern uns, dass man in solchen Sit­u­a­tio­nen nicht schlauer­weise ein­fach die Segelfläche verklein­ert kann. 

„Typ­is­cher­weise hat man auf einem Folke­boot“ auch keine roll­bare Fock, die ja – ger­ade, wenn man wenig Motor nutzt – eine Menge Vorteile bietet, um die Segelfläche in Manövern schnell mal klein­er oder ganz weg zu bekom­men. Richtig tra­di­tionell ist ein Vorsegel mit Druck­knöpfen an den Sta­gre­it­ern, und irgend­wie ist das auch ein schönes Gefühl, das Segel so gemäch­lich anzuschlagen. 

Bugspitze
Detlef Hoepfn­er Je nach Vari­ante ist hier nicht viel Platz zum stolper­freien Tritt – helft Gästen an Bord

Was „fehlt“ noch – ach ja: der übliche Garten­za­un ums Boot herum. Stört aber bei so einem Boot sowieso eher als dass eine Rel­ing nützt. Nur der Schritt vom Steg auf den Bug ohne rechte Möglichkeit, sich festzuhal­ten, bedarf je nach aktueller Gelenkigkeit einiger Gewöh­nung. Zumal die Bugspitzen meist ganz schön voll­ge­baut sind mit Klampe(n), Steck­dose usw. und in manchen Häfen eine enorme Höhendis­tanz zum Steg entste­hen kann.

Toilette auf dem Folkeboot

Von Bord muss man natür­lich auch für andere Geschäfte, z. B. zum Duschen. Haben die San­itäran­la­gen jeden­falls noch nicht weit­er an Bord gesucht. Wir kön­nen uns auch nicht richtig merken, welche Münzen man jet­zt für die Duschau­to­mat­en benötigt: Waren es hier 50 Cent, dort 10 dänis­che Kro­nen, dann wieder Kred­itkarte für die Hafenge­bühr incl. Code … Und hat man müh­sam Münzen gesam­melt, ste­ht man im näch­sten Hafen vor einem Wech­se­lau­tomat, der einem das alles gerne abnimmt.

Ein WC haben wir bish­er nie ver­misst, und man muss sich dann ja auch nicht drum küm­mern. Ein­mal wurde es tat­säch­lich spruchreif, weil Häfen pan­demiebe­d­ingt nur für Boote mit eige­nen San­itäran­la­gen öff­nen durften. Da hätte man sich mit ein­er portablen Lösung helfen müssen, wir haben da aber null Erfahrung.

Verpflegung auf dem Folkeboot

Viel Strom gibt es an Bord nicht, selb­st eine Kühlbox haben wir uns ges­part und ein paar Sachen stattdessen in die Bilge gelegt. Die ist nur so „kalt“ wie die Ost­see, aber man kann sich lebens­mit­tel­seit­ig drauf ein­stellen. Käse bekommt man schon ein paar Tage durch, Wurst­waren wür­den wir uns nicht trauen. 

Armin Pech Unser Kühlfach in der Bilge

Wir pfle­gen eine aus­ge­fuch­ste Rezeptliste, die von unseren Frauen etwas abschätzig als „das ist max­i­mal ein Einkauf­szettel“ abgekanzelt wird.

Was im Beruf­sall­t­ag aber son­st oft schw­er umzuset­zen ist, klappt hier pri­ma: wir ver­drück­en Berge von frischem Obst und Gemüse. Und richtig „viel zu viel“ hat­ten wir bish­er nicht dabei, es kann ja immer passieren, dass die lokale Pølser­bude (zumal außer­halb der total­en Hoch­sai­son) nach dem Anle­gen schon geschlossen hat. Gut, wenn man dann eine Gaskar­tusche in den Kocher schieben und die Kartof­feln in die Pfanne wer­fen kann.

Folkeboot aus Holz: Atmosphäre, aber trocken halten

Das ist so eine tolle Stim­mung an Bord, man kann es kaum beschreiben. Viel trägt dazu der Holzbau bei, er riecht und fühlt sich ein­fach wun­der­bar an. Nachteil: es wird auch ein­mal feuchter wer­den. Lange Streck­en auf einem Bug kön­nen schon dazu führen, dass ein Teil der Bor­d­wand – son­st eher hoch und trock­en gele­gen – etwas mehr Wass­er zieht. Wir hat­ten dann auch schon Wass­er in der Pfanne ste­hen. Zumal da der Schwim­mer der elek­trischen Bil­gen­pumpe (Dauer­prob­lem) etwas zu lange unbe­merkt hak­te. Schlaf­sack und Klam­ot­ten stopfen wir unter­wegs daher immer in dichte Pack­säcke. Das hil­ft auch der Ord­nung, weil nach ein paar Wen­den alles herum­fliegt, was nicht in Schränken oder Taschen weggepackt ist. 

Auf eine klamme Koje (auf die wir noch eine selb­stauf­blasende Iso­mat­te wer­fen) haben wir also keine Lust. Inter­es­san­ter­weise bildete sich innen aber nie Schwitzwass­er an den Wän­den, wie es bei den „Plas­tik­booten“ üblich ist. Wir haben aber nachts auch immer dieses pot­thässliche, aber über­aus nüt­zliche Kuchen­bu­den-Zelt aufge­baut, das viel Feuchtigkeit von Cock­pit und Auf­bau fern hält. Und abends grund­sät­zlich den kleinen Elek­trolüfter auf kle­in­ster Stufe das Boot ein­mal durch­pusten lassen.

Das Rau­mange­bot ist natür­lich … eingeschränkt. Ohne alles peni­bel zu sortieren und zu pack­en dreht man durch und sucht sich tot. Und auch nach ein­er Woche stoßen wir uns noch immer den Kopf blutig. Aber mal ehrlich: In der Hun­deko­je eines üblichen Fahrten­schiffes schläft man unbe­que­mer, als zu Zweit im Folke­boot. Unter dem Bug gibt es zwar auch noch eine Liege­fläche, aber da lagert bei uns das Gepäck (und der nervige Tisch, mit dem wir nicht recht etwas anz­u­fan­gen wissen).

9 Tipps für Folkeboot-Charter

– Probe-/Train­ingsrun­den segeln
– Hafen­manöver in Super-Slow­mo­tion anle­gen
– aus­re­ichend Verpflegung/Zeitpuffer pla­nen
– Streck­en ohne Motor pla­nen
– Abstand von Flachs hal­ten – das ist keine Jolle
– Kuchenbude/Persenning nutzen
– lüften und Boot innen trock­en hal­ten
– schon vor der Tour sich selb­st fit hal­ten
– das Jahr über Wasser­sport-Rou­tine sam­meln – wie bei www.segeln.ruhr

Landgang

An uns sind also wirk­lich keine „Fer­n­fahrer“ ver­loren gegan­gen: Immer haben wir uns umfan­gre­iche Streck­en aus­gedacht – aber über­haupt nicht umset­zen kön­nen. Wir haben den­noch wun­der­bare Orte ent­deckt! Vielle­icht liegt es auch daran, dass wir in NRW eh von März bis Novem­ber auf dem Wass­er sein kön­nen. Aber wir genießen auch Hafe­nat­mo­sphäre (lux­u­riöser­weise müssen wir nicht in Schulfe­rien reisen) und Landgänge. Wer Däne­mark (wie ich früher) lang­weilig find­et, sollte die kleinen Inseln erkun­den – hier gibt es so viel zu ent­deck­en außer­halb des Radius’ von Land­stro­man­schluss und San­itärge­bäude. Und anders kommt ihr da nicht hin!

Ufer Bagenkop
Detlef Hoepfn­er Die “Huthügel” Bagenkop sehen aus Bootsper­spek­tive super aus — man kann aber auch schön drüberlaufen

2017 zählte zu unseren Segel-High­lights, am späten Nach­mit­tag noch über Strynø zu wan­dern. Aus dem Gebüsch lugte plöt­zlich ein son­der­bares „Boots-Klavier“ – da muss man doch direkt mal guck­en. Die totale Über­raschung: Es ist das berühmte Smakke-Cen­ter, über das wir schon öfters inter­essiert gele­sen hat­ten. Und wie es der Zufall wollte, erbarmte sich ein Mitar­beit­er unser­er und bot uns eine pri­vate Son­der­führung durch das Gelände und die Werk­statt, in der die berühmtenSmakke­jollen gebaut wer­den, bevor er dann endlich in den eige­nen ver­di­en­ten Feier­abend davonfuhr.

Folkeboot-Charter: Locals fragen

Den Mund aufzu­machen und zu fra­gen lohnt sich immer. Ste­g­nach­barn, die einem ihr gesam­meltes Segler­wis­sen von ihrer schwim­menden Garten­laube herunter unge­fragt referieren, kön­nen zwar ner­ven. Über die gewisse Arro­ganz einiger Segler, die jedem Segel-Char­ter­er erst mal dessen Unbe­deut­samkeit zu ver­ste­hen geben müssen, sollte man auch hin­wegse­hen. Aber sich gegen­seit­ig wahrzunehmen, mit anz­u­fassen und auch bei Mis­t­wet­ter nochmal rauszuge­hen, um eine Leine anzunehmen, hil­ft unge­mein, dass auch einem selb­st Gutes widerfährt. 

OK, bei unseren Befra­gun­gen eines örtlichen Fis­ch­ers hat das nicht ganz geklappt: Ger­ade in der Box fest­gemacht stell­ten wir fest, dass die Wasser­tiefe hier genau unserem Tief­gang entsprach. Und wir woll­ten ja noch was schwere essen. “Nein, bei der Win­drich­tung wird der Pegel nicht weit­er sinken.” Die Wasser­lin­ie am Stegp­fahl belehrte uns am näch­sten Mor­gen eines Besseren: es ver­schwan­den über Nacht nochmal 10 cm, sodass wir nur noch so ger­ade eben in ein­er freigepen­del­ten Kiellinie im Schlamm frei blieben. Aber in den meis­ten Fällen ist es eben zumin­d­est beruhi­gend, wenn man nach Check divers­er Wet­ter­berichte und Abwä­gen einiger Routen fest­stellt: der Ste­g­nach­bar kam zu ähn­lichem Ergebnis. 

Im Zweifels­fall hil­ft auch eine Nachricht an den Ver­char­ter­er: Wir disku­tieren Plan A oder B, was denkst Du? Wie viele Beson­der­heit­en ein Revi­er bieten kann, ken­nt man ja aus der eige­nen Region, warum dann nicht die Erfahrung der Locals nutzen. Spätestens, wenn der Ste­g­nach­bar beim eige­nen ver­bock­ten Manöver wie aus dem Nichts am Steg ste­ht und einen abhält, weiß man das zu schätzen.

Der heutige Spüldienst
Detlef Hoepfn­er Der heutige Spüldienst

Folkeboot-Freundschaft

Das Wichtig­ste zum Schluss – Armins spon­tane Antwort auf die Frage „Was braucht man denn für so eine Tour?“: „Einen guten Fre­und!“ Man kön­nte hinzufü­gen: Und der sog­ar dann noch mit einem weit­er­fährt, obwohl man ihn ger­ade (erfol­g­los) ver­suchte, vom Vorschiff zu wer­fen, indem man bei mächtig Wind und Welle irgend­wie so blöd war, eine „Patent-Wende“ hinzule­gen, worauf das Boot den Großschot­block auf ein­mal so verd… weit weg unter einem wegkippt. Erfahrung hin, Beherrschung her: Wirk­lich Spaß macht sowas nur, wenn man einge­spielt und kom­pat­i­bel zueinan­der ist. Wenn ein­er nur Strecke machen, der andere aber Urlaub erleben möchte, der eine die Stille, der andere die Her­aus­forderung sucht – dann führt das vielle­icht nicht zwin­gend zu offen aus­ge­tra­gen­em, aber min­destens emp­fun­den­em Stress. Klar ist aber auch: bei zwei Per­so­n­en an Bord fährt nie­mand nur so mit: Bei­de sind aktiv einge­bun­den und gle­ich beteiligt, müssen sich aber auch aufeinan­der ver­lassen können.

Nach ein­er Wan­derung zufrieden zurück auf dem Boot, in der einen Hand ein Glas, mit der anderen Hand auf dem her­rlich schme­ichel­nden Holz, kann es dann eigentlich kaum einen schöneren Platz geben.

OK, gespült wer­den muss auch wieder.