Folkeboot-Törn 2019: Rund Als – dem Wind trotzen

Detlef Hoepfner

„Bitte höflichst, an Bord kommen zu dürfen!“ Schwupps sitzt er nach geübten Schritten längs des mittschiffs schmalen Holzdecks, wo sich unterm Fuß auch noch Schoten und Landstromkabel rollen, bei uns im noch mäßig sortierten Cockpit. Streckt den Hals und schaut sich begeistert rundum um im Folkeboot , das wir eben hier in der versteckten Mjelsvig festgemachten haben. Nun schaut er uns an: „Ward ihr das, die da den ganzen Als Sund hochgekreuzt sind? Ich hab Euch nachmittags überholt.“ „Ja, hat super Spaß gemacht!“

Er freut sich, hat er sich doch gedacht. Aber … „ich hatte zwei Frauen an Bord, denen dauert das zu lange“, sucht er nach einer Erklärung für seinen eigenen, geraden Motorkurs. Der intensive Blick auf Raps beidseits des Sundes – ist ihnen alles entgangen, denken wird. Knalliges Gelb, leuchtendes Grün, direkt vorm hölzernen Bug. Nur im sanften Zickzack-Kurs – die Augen auf der Wasserfärbung, GPS und Tiefenlinien, die Hand schon fast am Senklot – kommt man doch so nah an den liebevoll restaurierten Anwesen im Schilf vorbei. Oder dem Nachbau eines Nydambåden, der Vorstufe der Wikingerboote: Neben windschief gekippten Stegresten liegt es dort in Sottrupskov, der Enge im Alssund, die den Dänen im Preußisch-Dänischen Krieg 1864 zum Verhängnis wurde, als hier große Truppenteile überraschend übersetzten. Mit großen Folgen: in Lauenburg, Holstein und Schleswig, schon ewig gemischt bewohnt von Dänen, Deutschen und Friesen, weht seitdem nicht länger Dänemarks Dannebrog als Landesflagge.

Unser Track sieht aus, als wollten wir die beiden Ufer des Sundes mit einer Zickzack-Naht wieder verbinden, aber am nördlichen Ende geht es nach Querung des  Augustenborg Fjords rechts ab tief in die Dyvig, und nochmal reingeschlängelt in die hinterste Ecke der Mjelsvig. Die Ansteuerung ist sehenswert, wenn auch nicht besonders schwierig: Wenn man sich denn an die Bojen hält, und nicht wie der Show-your-money-Segler, der mich überholend mit seinem Schwell fast vom Heck und die badenden Kühe ans Ufer wirft, kraft seines Status’ eine Abkürzung genehmigt. (Ich denke, er hat sich mittlerweile runtergearbeitet vom Schlick.)

„Und das ist also Euer Boot?,“ staunt unser Gast, und schaut den Mast hinauf, wo er nachmittags die frühe Segelnummer entdeckt hatte, die nah an seinem eigenen Klassiker einzuordnen ist. „Nein“ – wir erklären nach mittlerweile etlichen Jahren und Touren mit „Jacaranda“ routiniert, dass wir dieses 1946 gebaute, damit älteste noch segelnde dänische Folkeboot wie immer bei Mike Peuker gechartert haben. 

„Ach so.“ Pause. „Na, ich kann mich ja trotzdem weiter mit Euch unterhalten!“ Und mittendrin sind wir in einer weiteren Unterhaltung über diesen urigen Bootstyp. Der Ausbaustand wird begeistert untersucht, Erfahrungen mit seinem eigenen Folke zum Besten gegeben, der Reiz des einfachen Reisens mit so einem reduzierten Boot ohne allen Schnickschnack diskutiert. 

Nebel über der Schlei
Armin Pech

Ein spooky Start

Wir waren vor drei Tagen in Maasholm gestartet. Die Strecke zur Mjelsvig schafft man je nach Wind auch in einem Tag, und gerade frage ich mich, ob ich jetzt mal ehrlich nicht lieber mit dem nebenan liegenden Schiff unseres Besuchers weiterfahren würde: Platz, Komfort, Heizung, kräftiger Motor. Denn statt schon an Tag 1 unseres Wochentörns hier hochzuflitzen, ist bereits nach der allerersten Seemeile klar: Auf den Tourstart folgt direkt ein Zwischenstopp: Nebel zieht über die Schlei, man sieht die Hand vor Augen kaum. Wenn wir die nächste Fahrwassertonne gefunden haben, hängt da manchmal schon ein anderer Segler mit einem Stück Leine dran, um nicht vor einen größeren Bug zu geraten: Null Sicht ist jetzt irgendwie uncool. Wir sind nicht lebensmüde, müssen uns auch nichts mehr beweisen, ein Radar werden wir kurzfristig nicht nachrüsten – also direkt wieder abgebogen nach Schleimünde rein. Hier teilt sich das Seglerfeld: Die einen machen es uns gleich, der idyllische Naturhafen füllt sich zügig, in alle engen Lücken wird ein Boot nach dem anderen reingequetscht. Andere tasten sich doch weiter durch den Nebel auf die Ostsee raus. Aber selbst von der Giftbude aus ist der Leuchtturm, der dort ein paar Schritte weiter im Nebel hängt, nicht zu sehen. Von See hört man es gespenstisch tuten, wie aus dem Nichts tauchen hier und da die Riggs der Traditionssegler vor Schleimünde auf. Das sind schon beeindruckende Special Effects, aber völlig illusorisch, dass uns jemand mit unserer – sicher originalgetreuen, aber nur kläglich hupenden – Mundtröte auf dem Wasser wahrnehmen würde. Wir bleiben also über Nacht. Auch übers Frühstück und den Vormittag bleibt nebelig. Mit Windvorhersagen ist man unterwegs eh dauernd busy, aber so ein zäher Nebel als Störenfried ist uns neu. Also nutzen wir die Zeit, unsere etwas kurzen Heckleinen zu checken. Oder uns mal mit dem Taupunkt zu befassen. Wir finden sogar eine App, aus der wir ihn auslesen und für eine Abschätzung des Nebelverlaufs nutzen können; wieder etwas Wissen aufgefrischt. Mittags endlich steigt die Lufttemperaturen über diese Schwelle, es klart  auf. Raus aus der Schlei und bei jetzt bestem Segelwetter auf den Weg nach Sønderborg, immerhin. Drei Jahre schon haben wir bisher wetterbedingt einen Bogen drum gemacht. Meine norddeutsche Familie whatsappt mir unterwegs Zeitungsschipsel: Notizen zu den Seglern, die am Vortag von der DGZRS wegen mangelnder Sicht von Untiefen geschleppt werden mussten. Dann doch lieber auf der Lotseninsel rumdösen und in den Nebel starren.

Entlang der Küste ist nun viel Betrieb, aber nicht jeder scheint die Ausweichregeln zu beherrschen: Ein entgegenkommendes Plasteboot macht auf Kollisionskurs komische Manöver. Wir können uns nicht recht freihalten, nun dreht es auch noch einen Kreis um uns: Überraschung, Bootseigentümer Mike hat uns aufgespürt! Wir nähern uns auf Rufweite an, schon gut Wind und einige Welle, man muss sich jetzt hier nicht die Riggs verhaken. Mit einem kräftigen Wurf landen zusätzliche Heckleinen bei uns an Bord. Wenn das mal kein Kundenservice ist! Unseren dafür überzähligen zweiten Handkompass schicken wir aber lieber nicht in Gegenrichtung zurück. Wir diskutieren noch kurz gemeinsam, wo wohl der Rest seiner Folkeboot-Flotte sei – da kommen sie schon ebenfalls vorbeigezischt und Mike sagt auch dort noch schnell hallo.

Endlich Kurs Nord

Ab jetzt bestes Segelwetter, um nördlich weiterzukommen. Im Yachthafen Sønderborg waren Armin und ich zusammen noch nie, wir orientieren uns über die verschachtelten Molen und haben ein etwas mulmiges Gefühl angesichts eines regelrechten Mastenwaldes, der vor uns liegt. Sønderborg bleibt aber unser einzig voller Hafen jetzt Mitte Mai, zudem unser teuerster Stopp. Vielleicht hätten wir mit mehr Geduld doch noch die eine Handbreit schmalere Box gefunden – berechnet wird hier ja nach Liegeplatzbreite. Aber es pfeift zu sehr im Hafen, als dass man unnötig viele Runden drehen möchte. Auch wenn Armin ganz beeindruckt ist, wie wir trotz des Windes das Boot in einer der Gassen wenden. Dass dieser Move gar nicht geplant war, gestehe ich erst später – aber so ist das beim Segeln: Auf Plan B folgt häufig noch Plan C. 

Abends laufen wir über die erst aufwändig neu gepflasterte und dann wieder durch Überflutung zerstörte und wieder reparierte Promenade in die Stadt. Vorbei am Sønderborg Vikingeklub („Winterbadeverein mit Sauna“) und dem Schloss Sønderborg, um dem „Butt im Griff“ von Günter Grass am Altstadtkai mit dessen freundlich gestrichenen Hausfassaden einen Besuch abzustatten. Der in Bronze gegossene Fisch schaut in Richtung Nord zur  „Kong Christian den X’s Bro“. Diese nach König Chrstian dem X. benannte Brücke wird sich am nächsten Tag – immer um „38“ – für uns öffnen und den Weg in den Als-Sund freigeben, nachdem man noch am Ufer beeindruckt Universität und Bibliothek passiert hat.

An der Nordspitze hängengeblieben

Auf halber Strecke hängen wir nun also nach dem nächsten Tag und wunderbarem Alssund-Zickzack in der Mjelsvig fest: es stürmt und pfeift. Im Hafen hat bereits ein Schweinswal spektakulär direkt an unserem Steg neugierig die kleine „Vig“ (Bucht) erkundete. Was soll nun noch kommen, wir haben langsam alles gesehen. Man bringt uns die Namen der Schwäne bei, beim Haareschneiden im Seglerhaus rekaputalieren die Senioren ihre Vergangenheit und man ahnt, dass Sitzgruppe und Küchenzeile die Geschichten nicht zum ersten Mal vernehmen. Man berichtet uns, dass die den Hafen betreibende Familie noch eine Schweinezucht bewirtschaftet, auch Pferde hält. Reiten lernen wollen wir kurzfristig aber nicht und verlegen stattdessen endlich das Boot an einen anderen Liegeplatz, wo uns der gedrehte Starkwind nicht länger die Wellen aufs Heck (und damit nachts in die Wirbelsäule) trommelt. Wir laufen los entlang des Ufers und über die Hügel durch Felder und kniehohes Gras, bis Schuhe und Hosen vor Nässe triefen. Lümmeln uns am Ufer der Dyvig auf weich geschwungene Holzbänke. Der Wind aus grauem Himmel dreht die Ankerlieger langsam und synchron in der Bucht und soll uns etwas die Nässe aus den Hosenbeinen trocknen. Der Blick reicht auf den verrauchten Kiosk gegenüber, vor dem die Dauerlieger ihre Bierbüchsen lenzen. Wir trödeln rüber und genehmigen uns noch einen blau-schwarzen Plattenbrenner-Kaffee. Nach ein paar hügeligen Schlägen kreuz und quer, in von einsamen Anwesen gestoppten Sackgassen, durch eine ausgebüxte Schafherde und entlang ansteigender Koppeln finden wir doch noch die bekannte, auch vom Wasser aus kaum sichtbare Durchfahrt in diese Buchten. Wie eng man sich zwischen den berühmtem historischen Stangen der „Steg Gaf“ in die Mjelsvig und Dyvig hineinschleicht, misst man eigentlich erst hier vom Ufer aus richtig. Fast könnte man diese Engstelle, auf deren Grund mittelalterliche Pfahlreste ruhen sollen, auch in ein paar Schritten durchwaten. In der Saison ist hier Hochbetrieb, heute baden nicht mal Kühe. Schließlich suchen wir noch den Biohof, der auf einem der typischen Aushangzettel vielversprechend an einer hölzernen, verwitterten Schuppenwand angeschlagen war. Wir finden die Straße, laufen diese auf und ab, aber der erhoffte Hof entpuppt sich als typisch dänischer, vereinsamter Verkaufsstand am Wegesrand: Aus einer Kühlbox kann man Eier greifen, wir entscheiden uns aber für ein paar Becher Honig als Mitbringsel. Die gewünschte Summe klimpern wir als Münzen mit und ohne Loch in die angeschraubte Spardose – denn mit dem ebenfalls angebotenen dänischen Smartphone-Payment kennen wir uns noch nicht aus.

Halbzeit-Marine-Knaller

Erst nach zwei Tagen kommen wir weiter, kurven oben um Als herum. Der Wind steht günstig, aber so kräftig und leicht drehend, dass wir wegen der uns schräg schiebenden Welle trotz Bullenstander den tiefen Vorwind-Kurs scheuen. Wir schlagen stattdessen einen Haken weiter auf die Ostsee und steuern leicht höher. So laufen wir stabiler und sind zufrieden, als aus dem Nichts eine Explosion die Stille zerreißt: Es rummst und bebt, aber nicht an Bord, sondern schräg vor uns: Eine riesige, trotz ihrer Entfernung beeindruckende Wasserfontäne erhebt sich. Es dauert eine Weile, bis sich der Pilz aus Wasser und Dampf auf seiner ganzen Breite wieder abgeregnet hat. Vor Schreck vergessen wir, ein Bild zu machen, was ist das um Himmels Willen? Schnell noch mal die Karte gecheckt: Das dänische Marine-Sperrgebiet liegt in sicherer Entfernung, aber doch in Verlängerung genau vor uns. Was auch immer das für ein Böller war – wenn der neben einem hochgeht, kann man die nächsten Winterlagerarbeiten wohl getrost absagen. 

Wir cruisen zügig weiter, erwägen immer wieder als weiteres Zwischenziel Avernakø. Die Karten dazu haben wir längst mehrfach studiert und wollen die markante Doppelform nun auch noch einmal mit den Füßen im Inselkies statt nur dem Finger auf der Karte erkunden. Gehen aber doch auf Nummer sicher – wie gut kämen wir von dort beim erwarteten Wetter zur Flensburger Förde raus? –  und nehmen Kurs nach Mommark vor uns. Nach Passieren seiner markanten, leicht windschiefen Leuchttürme erschreckt uns zum ersten Mal in unserem Leben ein so leerer Hafen, dass an Bord schlagartig eine panische Agoraphobie um sich greift: So viele leere Liegeplätze, man weiß ja gar nicht, wo man hinsteuern soll! Steg um Steg ist frei, an denen man sogar längsseits liegen kann. Der gefühlte Raum an Bord verdoppelt sich geradezu durch die Stellfläche neben dem Boot, und wir breiten uns gleich mal mit frisch gekochtem Kaffee, Tassen und viel zu viel Schokolade aus. Kleiner fotografischer Wermutstropfen: Das einzige später noch einlaufende, hässliche Motor-Angelboot macht – genau neben uns fest. Grrrr. Eine schwere Prüfung, nicht heimlich dessen Leinen zu lösen und es zurück aufs Meer zu schieben … Umso voller ist es im Restaurant des singenden Hafenmeisters. Wir haben noch Vorräte für bestimmt eine weitere Woche an Bord, waren aber nicht richtig kochwütig dieses Jahr und spendieren uns je einen der teuersten Burger unserer Segelkarriere. Dennoch sehr lecker, begleitet von einer musikalischen Playback-Showeinlage des Hafenchefs (die jedoch wiederum gegenüber seinem abendlichen Waldhornspiel, vorgetragen auf einem Gartentisch stehend als Einschlaflied für alle Segler, in Sachen Originalität etwas zurücksteht).

Rockin’ home

Als wenn wir nicht schon genug Wind gehabt hätten: Für unseren letzten Schlag zurück bis zur Schlei sind im Tagesverlauf nochmal ein paar Beaufort zuviel angesagt, aus West und im Tagesverlauf weiter zunehmend. Wir stellen den Wecker nicht zu spät und streben nach Süden. Mit Erreichen der Flensburger Förde, die wie queren müssen, verlieren wir etwas Landabdeckung, aus der Förde heraus baut sich gut Welle auf. Wir fallen etwas ab in Richtung Ostsee, was sich ein wenig „trockener“ segelt, wollen dem Seegang aber nicht zu viel Anlauf gönnen und wenden zwischendurch wieder Schläge in Richtung Küste – wo es aber wieder flacher wird. Dass die elektrische Lenzpumpe (ja, ist eigentlich eh Luxus …) unterwegs das Zeitliche gesegnet hat, kommt auch zur Unzeit. Die alte Dame Jacaranda zieht eh etwas Wasser, ihr Holzrumpf ist jetzt am Saisonbeginn noch nicht allzu lang gewässert und könnte etwas dichter sein. Bei dem holprigen Ritt von der Kante runter ins Cockpit und unter den Bodenbrettern die Handpumpe schwingen – da kann man sich, abgesehen von den eh eingepreisten blauen Flecken, gerade schönere Tätigkeiten vorstellen. Später im Hafen müssen wir beim Aufräumen der Schränke selbst die Pfanne trocknen, da in ihr das Seewasser schwappt.

Mike meldet sich auf Höhe der Förde telefonisch, wir sollen mal hin machen, es würden Böen von 8 gemessen und Besserung sei nicht in Sicht, im Gegenteil. Na ja, das touristische Rahmenprogramm mit großer Hafenrundfahrt und Blaskapelle ist hier eh schon abgesagt. Das über 70 Jahre alte Lärchenholz unter unseren Füßen muss sich gegen eine kräftige, graue Welle anstemmen, die uns im regelmäßigen Gleichtakt duscht und mit der Zeit auch die Sonnenbrillen, die das Salz etwas von den Augen halten sollen, mit einer Kruste trüben. Wir sind schon zackig unterwegs, aber jede neue Wellenfront stellt sich unserem kurzen Anlauf quer entgegen, es fühlt sich an, als wenn man wieder stehen bleibt. Der gut gedichtete und doppelt gesicherte Speedpuck am Fuß des nur noch wenig golden schimmernden Holzmastes bekommt sein verschwimmendes Display kaum höher als sechs Knoten. 

Einen kleinen Ausflugsschlenker gönnen wir uns trotzdem, denn da gibts ja noch das wunderbare Thema „Schlei-Einfahrt“. Aus diesem Trichter erwarten wir, dass und der Wind schon ab dem ersten Meter Schleieinfahrt direkt auf den Bug pfeifen wird. Zum Kreuzen ist in diesem Seegatt wenig Raum, und wir werden motoren müssen. Aber auch erst genau ab dort, denn bei der zu erwartenden Welle vor der Schlei ist der Außenborder nicht einsetzbar, er hinge im schlimmsten Fall im Wellentakt abwechselnd mit der Schraube in der Luft oder dem Motorblock unter Wasser. Also suchen wir uns auf dem iPad – das bei der Nässe, Wind und Wellen grad tatsächlich handlicher ist als die mittlerweile ebenfalls triefend abgesoffenen Papierkarten – einen Startpunkt. Von ihm denken wir – Plan A – mit hohem Amwindkurs direkt in die Schlei reinbolzen zu können. Dort direkt unterm Leuchtturm in der Einfahrt Segel runter, Motor an und Kurs West in die Schlei weiter rein. Plan B („irgendwas ist ja immer“): Reinheizen, hoffen, dass nicht das hässlichste Touristenschiff (und zwar des bekannten Universums) grad im Wege steht und dann mit dem Schwung unter Segeln gegenüber in den Hafen Schleimünde rein und erstmal an irgend einem Pfahl festmachen.

Der gewählte Wende- und Startpunkt liegt Richtung des Monsterhafens Olpenitz, und so sehen wir dessen Außenkante auch mal näher. Dann jetzt los in Richtung Leuchtturm — aber Mist: um ein paar Grad verschätzt, wir laufen einen Hauch zu tief, so verpassen wir die Einfahrt 100 Meter. Also Wende zurück, korrigieren, das gibt ja peinliche Kringel auf dem GPS-Track. Weitere Wende zurück wäre nun langsam dran, aber jetzt hakt nach dem ganzen nassen Gebocke auch noch wieder irgendwas am Motor, den Armin klarmacht und so der Pinne im Weg steht … ähm, sooo dicht wollten wir dann doch nicht zum alten Marinehafen, in dem man immerhin allen Platz der Welt für jedes erdenkliche Fragattenmanöver hätte. Nun passt alles, Kurs ist perfekt und mit Schwung in die Schleimündung. Heute bleiben wir wenigstens vom oft recht kabbeligen Wind-gegen-Strom-Wellenchaos verschont, das dem interessierten Besucher an Land gern die Unterwasseranstriche und Kiele der sich hineinkämpfenden Boote zeigt. Der Motor ist schon unten, geht auch an, die Segel kommen runter, zudem kaum Betrieb auf dem Wasser bei dem Wetter. Die letzte Seemeile bis Maasholm heißt es nur noch, gegen das eklige Wetter Kurs zu halten und sich nicht neben das graue Fahrwasser vertreiben zu lassen. Der Zweitakter kämpft tapfer vor sich hin, man möchte ihm für jeden seiner knatterigen Hübe danken. Und zum ich-weiß-nicht-wievielten Mal denke ich: Wie cool, so als Team zu zweit eingespielt zu ein. Das ganze Theater immer allein – nee, darauf hätte ich keine Lust.

Gut festgemacht nach über sechs Stunden Ritt und knapp 30 Seemeilen belegen wir im Ziel zum ersten Mal mehrere Liegeplätze: Nicht nur unsere Segelklamotten, auch die dicht an der Bordwand liegenden Polster sind durchtränkt und wir verteilen und verzurren alles auf den Decks der Folke-Nachbarboote. Während das Wasser aus den Kissen rinnt und wir hoffen, dass der Wind vor unserer letzten Nacht im Boot beim Trocknen hilft, wuchten wir das Gepäck raus und streben ausgehungert in Richtung Grieche. 

Detlef Hoepfner Folkeboot-Treffen-Vortreffen: Kaffee mit Stil von Kati und Jörg an Bord der Mumie von Klassisch am Wind

Folke-Freunde

Kaum zurück, haben wir direkt wieder Besuch an Bord: Wir lernen Kathi und Jörg kennen, mit denen wir gegenseitig Wetter- und Routentipps austauschen. Am nächsten Morgen, bevor es für uns mit dem Auto zurück- und für sie mit einem Folkeboot nach Dänemark losgeht, genießen wir bei ihnen an Bord einen (und dann gleich noch einen) sehr stilechten Kaffee: von der Crew wird mit der Handkurbel die Mühle in Schwung gebracht, während gleichzeitig die nächsten Anekdoten über den geklinkerten Planken der „Maj“ Fahrt aufnehmen. Endgültig wach vom Kaffeeduft können wir noch eine letzte Erkenntnis dieser Tour beisteuern:

Eingeweht in der Mjelsvig, auf halbem Wege unserer Runde um Als, hatten wir eine windgeschützte Sitzecke gefunden, die uns nicht nur vor den sechs, sieben über den Hafen ziehenden Bft schützt, sondern auch ein paar wärmende Sonnenstrahlen bietet. Am Steg legte jetzt nur ein einziges Schiff an. Ein stählerner Segelkutter, nach ein paar Anläufen und kräftigem Zupacken am zu uns ausladenden Bugspriet kommen später drei fröhliche Opas an Land. Gleich vom ersten hören wir, dass auch sie den Als-Sund hochgekommen sind. Gespannt sind wir, welcher Wind dort herrschte? Er schaut uns an. Überlegt. Nun wollen ihm doch irgendwelche Zahlen einfallen: „… Windstärke drei bis vier?“ rät er völlig ahnungslos. Wir entlassen ihn schnell aus unserer Befragung, denn da kommt auch schon der Käptn. Graue Haare, grober Pulli, warme Mütze, Ring im Ohr. „Wind…?“, wundert er sich. „Na ja, selbst hier im Hafen zerren die Boote an den Festmachern!“ Nun dämmert ihm was: „Mensch, deshalb musste ich den Hebel so auf den Tisch legen!“ Er ist erleichtert: „Ich dachte schon, mit dem Motor wäre was!“ Gesegelt sei im Als-Sund bei dem Wetter zwar auch jemand.

„Aber …“, zieht er Bilanz, „der hatte dafür unterwegs nicht drei oder vier Grog wie wir!“

Detlef Hoepfner Einmal rund Als

Seekarten-App der Ostsee: Vergleich Raster vs. Vektor

Detlef Hoepfner

Auf der boot 2019 zeigte der NV-Verlag seine erste Software-Version, die auch für uns Hobbysegler die Darstellung von Vektorkarten unterstützt. Aus meiner Sicht in vieler Hinsicht das „schlauere“ Format, da alle Elemente als Objekte behandelt werden, die dynamisch skaliert, mit Zusatz-/Metadaten hinterlegt werden können usw. Andererseits: Man kennt das Problem aus anderen Medien (wie umfangreichen technischen Dokumentationen), bei denen die Ansicht dynamisch generiert statt vom Layouter „gemalt“ wird: Ganz schön schwierig, das einigermaßen schick hinzubekommen. Oder bei einer Karte: So, dass man in allen Zoomstufen eine optimale Darstellung hat. Eine Rasterkarte aus Bildpunkten kann für nur eine Ansicht perfekt optimiert werden, da schiebt man halt alle Beschriftungen so lange hin und her, bis es passt. Anderes Beispiel: die handgemalten „Skylines“ in den Hafenhandbüchern von NV finde ich manchmal aussagekräftiger und mehr auf den Punkt als ein perfektes Originalfoto der Ansteuerungssituation.

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Video: 105 Seemeilen rund Ærø

Folkeboot-VideoDetlef Hoepfner

Kamera und Smartphones hat man unterwegs eh dabei – also warum nicht die Video-Schnipsel, die bei einer Woche Segeln mit dem Folkeboot „Jacaranda“ (Baujahr 1946) von www.klassisch-am-wind.de in der Inselwelt um Ærø, Fynen, Langeland entstehen, zusammenkleben? Bei der Fingerübung in FCP X gleich noch dessen Audio-Processing ausprobieren, ein paar 360°-Sounds von Sennheisers Smart Headset unterlegen, fehlt nur noch gute Musik: Gibt es neuerdings auch in richtig guter Qualität von Anbietern wie www.bensound.com. Also: Anlage aufdrehen oder Kopfhörer auf für ein wenig Sail, Sounds und Soul, bis es im Frühjahr 2019 wieder aufs Wasser geht!

boot 2019 – wird nicht langweilig!

Segeln in VRDetlef Hoepfner

Wetter grau, Arbeit viel, Outdoor-Leben wenig – im Januar kommt die Messe boot wie gerufen. Von Trade Shows habe ich eigentlich mehr als genug in meinem Leben gesehen, aber diese ist fast wie ein Tag Urlaub. Jedenfalls, wenn man den Luxus genießt, sich einfach nur als Besucher durch die Hallen treiben lassen zu können.

Detlef Hoepfner (Sehr guter) Wettervortrag von Meeno Schrader beim Magazin “acht” 🙂

Nach dem ersten Schock der Reizüberflutung schnell Rückbesinnung auf die kleine, am Vorabend zusammengestellte To-Do-Liste: Bei der Wetterwelt endlich die Seaman-App erklären lassen. Das Team war super nett, die App ist sicher gut, mit der Darstellung aber komme ich nach wie vor nicht so klar (z.B. im Gegensatz zu Sejlsikkert, das dichter an solchen Amateuren wie mir ist). Super dann der Wettervortrag des Teams zur aktuellen Klimaentwicklung und den Folgen für Segler. Zur allgemeinen Erheiterung am Stand einer Zeitschrift, die sich kurz nach Messestart noch als “acht” zu erkennen gab. Weiter dann zum Versicherungsmakler: Kleiner Schwatz über Marketing, die möglichen Versicherungen – und ich nehme wohl einfach die gleiche Skipperversicherung, wie in den Vorjahren.

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„Age Of Sail“ – Storytelling in Virtual Reality

Age Of SailsJohn Kahrs / Google Spotlight Stories

“Age Of Sail” ist eine maritimes Video-Kleinod von John Kahrs, dem man in vielen Details abspürt, dass der Erzähler selbst viel Zeit auf dem Wasser verbracht haben. Das aber vor allem als Virtual-Reality-Version in Google Spotlight Stories angelegt ist: Je nach Smartphone-Position verändert sich nicht nur die optische Perspektive auf See, sondern auch der Sound. In statischer Position finde ich den Sound so na ja und mäßig immersiv, Herausforderung war aber natürlich, die Ortung der gewählten Perspektive dynamisch artefaktfrei nachzuführen. Beim Animation World Network gibt es ein paar Hintergründe zu der Produktion, die aufwändiger war, als man im ersten Moment denkt: Eine Herausforderung war neben der Frage, wie man hier ein Storyboard anlegt, lustigerweise die Sorge, beim Betrachter Seekrankheit zu vermeiden – hält man besser die virtuelle Kamera stabil, das Boot oder den Horizont?

Die VR-Version gibt es hier (iOS) zu sehen https://itunes.apple.com/de/app/google-spotlight-stories/id974739483?mt=8 oder androidisiert hier http://onelink.to/adde8q
Die “normale” Theater-Version liegt hier auf YouTube:

Nicht nur der Produzent des Films übrigens meint: Einmal in VR angelegt, ließen sich zwar die Kamerafahrten und Perspektiven in der Produktion perfekt positionieren, und die eigene Position mitten im Geschehen ist faszinierend – aber auch die “normale”, Non-VR-Version sei ganz schön gut …

Dem kann man zustimmen und hinzufügen: Eine gute Story lässt sich auch mit ein paar Zeichnungen auf Papier nicht viel weniger überzeugend erzählen.

105 Seemeilen rund Ærø

FolkebootDetlef Hoepfner

Nur noch wenige Meter bis zum Steg. Bis zu einem der Stege. Armin und ich sind uns selten uneins, hier aber unentschlossen – welche der in sehr luftigem Abstand ins Hafenbecken gesetzten Pfahlreihen passt am besten zu unserem kurzen Folkeboot, wo ist das vom regennassen Algenschmier seifenglatte Holzplateau nicht ganz so hoch? Von Mommark kommend hatten wir uns bei ständig zunehmendem Wind und einigen Schauern das Stück bis Lyø hochgearbeitet, uns am Wind herantastend an Fynens Südwestspitze steuerbord gehalten und die lange, flache Nord-Landzunge Lyøs umrundet. Karte und GPS im Blick – neben dem ins Meer greifenden Naturschutzfinger wird es flach – nehmen wir das Groß runter und rauschen nur unter Fock auf die Hafeneinfahrt zu, die noch gut zu erkennen ist. Danach würde es laut Hafenhandbuch aber bei Seitenwind zackig um die Ecken gehen. Also noch den Außenborder aus der Halterung gewuchtet, Benzintank auf, und der Zweitakter schiebt uns die letzten Meter durch die rostigen Spundwände der Einfahrt, dreht den langen Kiel trotz Wind auch um die Kurven. Die Leinen liegen klar, denn welcher Ort es jetzt auch wird: der Wind drückt uns dann seitlich, eine zügig festgemachte Leine an einem Punkt in Luv macht Sinn.

Weiter nordwärts
Außenborder
Armin Pech

Erfolgreiche Fehlersuche: durch den fehlenden Sprit im Filter kamen wir auf den Riss

Erst in Form eines ausgiebigen Frühsports mit diversen Gas- und Choke-Einstellungen. So aufgewärmt, gehen wir systematisch vor: Motorabdeckung auf, Spritfilter checken. Stellen fest: dort ist offenbar kein Tropfen Benzin mehr drin. Tank checken – voll. Tankdeckel – Lüfter ist auf. Tank steht gerade, Ansaugstutzen ist unter dem Sprit-Level. Alles tip-top. Gummiball zum Pumpen. Der kommt uns übrigens seit gestern etwas komisch vor. Sonst nix zu sehen, auch nicht an der Leitung. Warum kommt dieser elende Sprit nicht am Motor an? Armin dreht den Schlauch noch einmal aus der Ruhelage hin und her – da klappt ihm ein Leitungsriss direkt am Pumpball entgegen: Ab hier herrschte also nur noch frischer Meerluft-Flow in Richtung Heck zum Motor, wenn man durch Schwenk des Motors leichten Zug oder Drehung in den Schlauch brachte. Uns fällt ein Riesenstein vom Herzen, und merken erst jetzt, wie sehr uns diese tourentscheidende Frage doch im Magen lag. Das Werkzeug ist schnell ausgepackt, der Schlauch gekürzt, Schelle drauf, zwei-, dreimal pumpen – Motor läuft.

Wir schnappen unsere Jacken, checken zum hundertsten Mal die Festmacher und erkunden die Insel. Nur eine Handvoll zerzauster Segler und zwei, drei Einheimische sind zu sehen. So malerisch diese ganzen Inseln auch sind: oft verbreiten sie ja doch eine etwas verstörende Verlassenheit. Hochwertigst restaurierte und verfallene Häuser wechseln sich ab, aber die Edelferienhäuser (oder Wertanlagen) kommen mir besonders spooky vor, so verlassen in der Vorsaison. Am Wegesrand ein offener Verschlag mit Spardose – hier decken wir uns mit ein paar Gläsern selbstgekochter Marmelade ein und erweitern unseren Bordproviant um eine weitere Geschmacksrichtung „Kirsche“. Bloß aufpassen, dass im Geldschlitz nicht die falschen Münzen landen und wir beim nächsten Hafenautomaten unter der Dusche im Trockenen stehn.

Karten
Schweinswale
Detlef Hoepfner

Wenig Wind = schöne Sicht auf die Schweinswale

Wir trimmen hier und da, aber alle Tricks ändern nichts daran, dass man bei einem knappen Knoten Fahrt pro Stunde keine ganze Seemeile gutmacht. Wir gehen ungern so früh an den Treibstoff, andererseits: „Windenergie“ würde sich uns die nächsten Tage noch zur Genüge bieten. Der Norden ist im Juni auch um zehn noch hell, das kommt uns nun zugute. Aber dann sollte man doch im Hafen sein, schon um Mommarks Hafenmeisters legendäre Jagdhorn-Einlage nicht zu verpassen. Hinten brummt der Zweitakter, am Bug spritzt es wieder, wenn auch Motorboot-gleichförmig statt Segel- oder Wellen-moduliert. Sehr spät legen wir nach den ersten 20 Seemeilen in Mommark an, proppevoll am Samstagabend, außer uns bewegen sich am Hafen nur noch ein paar Anglerboote – und die entgegenkommend. Dankbar sind wir der vorausschauenden Crew der in der Hafenenge liegenden Peltrine, einem über 100 Jahre alten See-Ewer: Zwar haben wir oft genug vergleichbare Vorsegel an ähnlichen Schiffen gesetzt und geborgen, aber ob wird beim engen Manövrieren aus unserer tiefen Folkeboot-Perspektive heraus an den weit ausladenden Klüverbaum weit über uns gedacht hätte, ohne den dran baumelnden orangen Kugelfender …

Video von der Tour gibt’s hier


Folkeboot
Detlef Hoepfner

Armin macht ein Nickerchen – und doch mal dichte Klamotten anziehen

Lyø halten wir gut in Erinnerung, nicht nur vom benzinschlauchbedingten Anlegen in Etappen und hilfreichen (statt nur gaffenden) Seglern, sondern einem wunderbaren Naturschutzgebiet, langen, knorrigen Alleen und dem mystischen „Glockenstein“. Viel Gelegenheit, den Tag wunderbar auf der Insel zu vertrödeln, umgeben vom schäumenden Lillebælt.

Klokkestenen
Detlef Hoepfner

Piraten achteraus?

Zeitgleich kommen große Traditionssegler von Faborg um die steilen Klippen gebogen, uns entgegen oder holen von achtern sich aus dem Horizont erhebend auf. Was für eine phantastische Kulisse! Wir halten ihre Kurse im Blick, setzen uns etwas dichter dazwischen. Ein einfach überwältigendes Panorama aus kräftigem Wind und langen Wellen, streifendem Salz- und Regenwasser, als groß gepinselte Patinaflächen dazwischen cremefarbenes Segeltuch. Zögen jetzt noch Kanonendonner und Pulverdampf übers Wasser, es würde einen fast nicht wundern. Nach rund einer Stunde hat der Spuk ein Ende, wir sind wieder allein und es stellen sich die Alltagsfragen: Das häßliche Kümo vor uns – in Fahrt, vor Anker, oder weiß es das gerade selber nicht?

Es dauert nicht sehr lange (Kartenausschnitt, und Blick auf die Delius-Klasing-App) bis nach 18 sm Ærøskøbings aufgereihte Badehäuserzeile erreicht und ein guter Platz gefunden sind: Eine ganz leere Hafenecke, gegen den Wind geduckt hinter einer massiven Steinmole, das dänisch-bunte Muster hölzerner „Badehuse“ direkt vor Augen. Im Boot offenbar sich nach dem Anlegen das typische Chaos: Vorm Hafen grob aufgetuchte Segel. Leinen überall. Jacken, nasse Hosen, Rettungswesten. Karten, Kamera, Tablet, Fernglas, Funk. Unter Deck noch Baumstütze, Fender, Zelt … Dass man abends überhaupt noch ein Lücke für den Schlafsack findet!

Armin möchte aufräumen.
Ich will zur Werft.
Armin zeigt auf das maritime Chaos rund um uns.

Ich auf die leeren Liegeboxen rechts und links: Hier ist niemand, der uns verpfeifen könnte – wir sind doch unter uns! Und der Werft-Shop führt manchmal Weihnachtsschmuck. Damit kann man bei der häuslichen Genehmigungsstelle für ehemännliche Erkundungsfahrten zwecks turnusmäßiger Vermessung der Dänischen Südsee sehr erfolgreich Punkte sammeln.

Armin möchte aufräumen. Wenigstens etwas.

Wir einigen uns, müssen dann zu Fuß schnell einmal durch den ganzen Hafen, sind Viertel vor Fünf an „Det Gamle Værft“. Die soeben geschlossen hat! Durchs Fenster sichtbarer Krimskrams in den Werftregalen schaut aus, als hätte er daheim etwas bewirken können. Nun werden wir uns für 2019 was einfallen lassen müssen. Aber Segelklamotten, die schon aufgehängt gut trocknen, haben ja auch ihr Gutes.

Detlef Hoepfner
Fähre
Detlef Hoepfner

Wo bin ich 😉

Wir schleichen um die Bootsbaustellen und schlagen uns in die Nebengassen. Eine schöner als die andere, gehalten in farbenfrohen, aber nicht übersättigten Farben, flaniert von den hier typischen Stockrosen. Von der Nørregade schaut man durch die offenen Fenster in dänisch designte Wohnräume. Und blickt durch deren hintere Fenster gleich weiter durch auf die Ostsee. Die Jahreszahlen auf den Giebeln verraten, dass man schon in den 20iger Jahren des letzten Jahrhunderts wusste, wie es sich schön wohnen lässt, ganz ohne Fototapete oder Riesenglotze an der Wand.

Æroskøbing
Kurs Marstal
Detlef Hoepfner

Kurs Marstal

Die Segelwoche neigt sich, es ist nochmal sehr viel Wind aus Nord angesagt. Die Richtung passt perfekt, wir haben gut geplant. Nur zwei Tage drauf ist endlich nachlassender Wind angesagt, wenn wir wieder einen sehr lange Schlag zurück nach Deutschland vor uns haben. Aber jetzt schon ganz zurück … doch lieber Zwischenstopp in Bagenkop. Raus aus Ærøskøbing pfeift es wieder ordentlich. Das Groß ist angeschlagen, aber nicht gesetzt. Wir hoffen, allein mit sehr reduzierter Segelfäche – unter Fock – bei kräftigem Nordwest auf Halbwindkurs mit Kurs auf Drejø so viel Höhe halten zu können, um von dort in die Mørkedyb-Rinne hinunterzurutschen. Die Welle nimmt ordentlich zu, die paar Segler um uns rum schauen von deutlich größeren Booten auf uns runter. Sie könnten notfalls auch unter Motor einen Kurs „erzwingen“. Wir dagegen müssen uns völlig an die Situation adaptieren.

Mørkedyb
Detlef Hoepfner

Fahrwasser-Wirrwarr vor Marstal – und das Trockendock ist weg

Also Ausschau gehalten, ob man den nächsten betonnten Haken Richtung Marstal nicht etwas mildern und abkürzen kann, ohne das Boot auf eine Sandbank zu setzen. Am Ende der Rinne bietet sich dazu nach SW ein Schlag über „Meyers Grund“ an, angesichts des Seegangs mit deutlichem Abstand zu den Tiefenangaben, die mit einer „2“ vor dem Komma in der Karte stehen. Vor Marstal angelangt gilt es dann, die richtige Betonnung der drei Fahrwasser plus Hafenzufahrt statt der vorgelagerten Steinmole zu erwischen – nur unter Vorsegel bei dem vielen Wind und ohne Option, unter Motor zu korrigieren gibt es hier auch nur einen Versuch, richtig abzubiegen. Wir hatten überlegt, noch einen Zwischenstopp einzulegen, den Tag extra hätten wir dafür. Aber morgen soll das Wetter komplett kippen, statt kräftigem Nordwest plötzlich Südwest. Wir möchten hier nicht plötzlich eingeweht werden und denken, dass wir weiter südlich auf Langeland besser aufgehoben sind, um von dort bei SW zurück nach Deutschland zu kommen. Also weiter. Backbord schimmern mit klarer Farbkante abgegrenzt die Sandbänke dicht am Fahrwasser, die Kulisse von Marstal zieht beim Kurs Süd steuerbord vorbei, mit gewöhnungsbedürftigem Umriss: Jahrzehnte gezeichnet von den in den Himmel ragenden Fingern der Kräne und dem kastigen Schwimmdock der Marstal Værft, deren landschaftsprägende Stahlmonster aber 2017 nach Svendborg verlegt wurden. Schön war anders – aber irgendwie fehlt einem diese Landmarke jetzt doch.

Strom
Hafen Bagenkop
Detlef Hoepfner

Besser kann es einem nicht gehen

Die vielen freien Boxen liegen leider alle quer zum Wind, der Winddruck nur im Rigg reicht aus, unser festgemachte Boot zu krängen. Noch hoffen wir, einen der später einladenden Segler neben uns locken können für etwas Deckung. Stattdessen gibt es zwar gut zu tun, von ebenso zerrupften Seglern Leinen anzunehmen. Aber ihre fetten Motoren, mit denen sie mehr oder weniger erfolgreich versuchen, ihre Anleger kontrolliert verlaufen zu lassen, wühlen das halbe Hafenbecken rund um uns auf und es ist dann vielleicht doch besser, dass wir alle etwas Abstand halten.

Nebenan werden die gemessenen Windgeschwindigkeiten diskutiert, und unser Zelt fürs Cockpit bleibt fest weggepackt. Und da wir ja bei dem Gepfeife kaum den Gaskocher in Gang bekämen, müssen wir leider, leider, ausnahmsweise im Hafenkiosk Riesenportionen Langelænder-Pommes und ein paar dicke Burger verdrücken. Nur ein Pølser reicht heut nicht. Aber auf einem Stuhl zu sitzen, ohne dass einen der Wind wegdrückt – das ist auf einmal ungewohnt. Wir gucken weiter Wetter, Wetter, Wetter: Morgen, am vorletzten Tag, kräftiger Südwest. Übermorgen dann deutlich weniger – yieppieh, zuletzt noch ein ruhigerer Segeltag? Wir laufen nochmal zur Hafeneinfahrt, schauen uns den Seegang und ein paar dazwischen einlaufende Angler und Segler an, klettern auf den kleinen Aussichtsturm: Da möchten wir jedenfalls so bald – und vor allem in Gegenrichtung – nicht wieder durch.

Bagenkop
Klippen
Detlef Hoepfner

Die Klippen, jetzt von See aus

Kurs auf die deutsche Ostseeküste
Leuchtturm Schleimünde
Detlef Hoepfner

Zurück am Leuchtturm Schleimünde
Schlei
Detlef Hoepfner

Gesamte Runde um Ærø mit 105 Seemeilen (knapp 200 km)

Sailing-Sounds recorden

Recording better sailing soundsDetlef Hoepfner

[ english version]

Vorbeirauschende Luft sorgt nicht nur für unsere Fortbewegung auf dem Wasser, sondern auch für eine wunderbare Sound-Kulisse. Diese Eindrücke auf einer Audio-/Videoaufnahme einzufangen, ist schwierig – der Windzug sorgt im Mikrofon für Artefakte, die viele Aufnahmen unbrauchbar machen können. Das muss doch besser gehen? Erste Versuche mit einem Immersive-Sound-Headset – hier im Video, unten beschrieben.

Ohne Luft kein Klangtransport zu unseren Ohren. Nur dumm, dass Mikrofone nicht unterscheiden können zwischen gewünschtem Wohl- oder Dramaklang und einer Böe, die es in der Aufnahme einfach nur poltern und krachen lässt. Und wenn man sich einmal zwingt, die ständige Audiokomensation des Gehirns auszuschalten, hört auch ohne Mikrofon im Wind: Schon der reine Windkontakt mit den Ohrmuscheln sorgt für eine zusätzliche Geräuschkulisse. Bis dahin, dass es Radfahrern deswegen schwerfällt, herannahende Autos rechtzeitig zu hören. Als Segler macht man sich dies sogar unwillkürlich zunutze: Eine scheinbare Windrichtung spüre ich einfacher, wenn ich ein wenig mit dem Kopf pendele und an den Ohren sowohl die Temperatur des Windzugs spüre als auch das leichte Rauschen an der Ohrkante.

Mikrofone und ihr Gegner „Wind“

(Mikrofon-)Katzen kommen mir nicht an Bord – schon gar nicht tot

Ausprobiert: Recordend rund um Ærø

In-Ear-Mikrofone – eine Lösung?

Segelpraxis mit dem Ambeo-Mikrofon

Segler-Kunstkopf unter der Kapuze

Aufnahmepositionen: man kann ja nicht weit weg auf dem Boot

Audio-Nachbearbeitung der Segelfilme: funktioniert De-Wind?

Windschutzideen

Kurzfassung: Tipps gegen Windstörungen in Segelvideos

  • Windeinflüsse müssen (auch vom internen)  Mikrofon ferngehalten werden
  • besser ein provisorischer Schutz (Socke ums Smartphone!), als gar keiner
  • nachträglich lassen sich Störungen nur mäßig entfernen, Hochpassfilter nutzen
  • externe In-Ear-Mikrofone liefert drastisch besseren Sound, das Set ist vertretbarer Zusatzaufwand, muss aber auch vor Wind geschützt werden. Und sei es durch die zugezogene Kapuze!

Den kratzigen Audioeffekt kennt jeder, der einmal bei etwas Wind mit seinem Smartphone eine kurze Aufnahme gestartet hat: Es krächzt einfach nur furchtbar. Mikrofone sollen zwar die feinste Luftbewegung im Schall registrieren, der kräftige Luftzug aber, der das Signal poltern oder gar clippen/übersteuern lässt, ausgeblendet sein. Dabei handelt es sich ja um die jeweils gleichen „Luftpartikel“!

Umso schlimmer trifft es uns, die wir ja bevorzugt auf dem Wasser herumzischen. Und die den Wind generell eher positiv bewerten. An Bord sitzend und rundum eine Fülle positiver Eindrücke mit allen Sinnen aufnehmend bleibt dann auf dem Video oft nur ein wackeliger Horizont und ein lautes CHRRRRRRRRRRRR. Das nervt.

NDR-Dreharbeiten
Richtig mikrofoniert gegen den Wind: NDR-Dreh bei “Klassisch am Wind”. So eine “tote Katze” gilt es praktikabel nachzubilden Mike Peuker

In der Recording-Technik gibt es bewährte Gegenmittel. Am bekanntesten ist die „Tote Katze“: Um das gefederte Mikrofon wird ein großer Korb gebaut, der mit einem durchlässigen Fell ummantelt ist, sodass die Wucht des Luftzugs abgebremst wird. Besonders schnell setzen die tieffrequenten Attacken ein; kein Wunder, wenn man sich Frequenz und Wucht dieser böigen Windbewegungen vor Augen führt. Ist im Aufnahmeset kein Raum für große Körbe, behilft man sich mit direkt am Mikrofon befestigten, durchlässigen Fellstücken oder Schaumstoffbällen.

Produkte und Anleitungen dafür gibt es in den Fachmedien in Hülle und Fülle. Aber: Wenn man nicht als Reportage-Team an Bord, sondern nur zu zweit in der Nässe auf dem Boot unterwegs ist – wie soll man sich dann noch um eine Mordskonstruktion mit Tonangel usw. kümmern? Hinterher sieht man dann noch aus wie die Hobbyangler, die dem armen Fisch bis an die Zähne bewaffnet auf die Pelle rücken, als würde sich da gerade eine Marine-Elitetaucher-Einheit anschleichen. Eine weitere Möglichkeit wären nicht gerichtete und besonders abgestimmte Mikrofone. DPA in Dänemark hatte dazu mal ein Video gedreht, in dem die Windempfindlichkeit von Reportagemikrofonen verglichen wurde. Entscheidend scheint nicht nur die Ausführung des Windschutzes im Mikrofonkorb, sondern auch die Kapselabstimmung selbst.

Aber auch die nützen mir bei einem Spaß-Törn nix, wenn ich an der Pinne sitze und spontan denke: Wow, das muss ich schnell filmen! Denn dann habe ich nur mein Smartphone zur Hand, oder vielleicht die Kompaktkamera oder DSLR.

In den letzten Jahren haben wir bei diversen Törns in der Dänischen Südsee einige provisorische Audioaufnahmen durchgetestet, denen eins gemein war: Unsere Aufmerksamkeit galt in der Linie dem Segeln, das Recording lief irgendwie nebenher. Im Zweifelsfall gucke ich lieber einmal mehr auf die Seekarte als auf die Kamera. Ich verpasse lieber eine schöne Aufnahme als die Hafeneinfahrt. Und immer berücksichtigend: Ja, wenn man ersthaft aufnimmt, weiß man sehr genau, was zu tun ist. Aber: Fieldrecorder, ein Stapel vernünftiger Mikrofone und und und – bleibt alles zu Hause, ich habe Urlaub! Dieses Sammelsurium für das Filmen beim Segeln kam zum Einsatz:

Recorder
Schon mit einem einfachen Recorder (mit der Aussterung vertraut machen!) wird der Ton zwar deutlich besser. Muss aber danach zum Bild synchronisiert werden – und nicht vergessen, die Mikrofone vor Wind zu schützen! Detlef Hoepfner

Kleiner Digitalrecorder: Keine schlechte Idee, aber ich will nicht steuern, filmen und noch den Recorder bedienen! Etwas windgeschützt im Cockpit z.B. aber kann man schöne Basissounds einfangen, die man dann später unter “mißratene” Videoclips mischt. Will man sicher gehen: Mindestens eine Socke über die Mikrofone ziehen.Smartphone – na ja: Die meisten Videos nimmt man eh damit auf, also nutzt man auch dessen Mikrofon. Unser Smartphone steckt in einem wasserfesten, zum Modell genau passenden wasserdichten Case. Überraschung: Die Windgeräusche sind dadurch eher noch heftiger als ganz ohne Hülle. Aber zum Case gibt es keine Alternative, schon weil ich das Smartphone dadurch per Sicherungsband mal irgendwo sichern kann, damit es nicht herumfliegt.

DSLR – Schrottsound: Die eingebauten Mikrofone liefern immerhin ein Stereobild, sind bezüglich Windanfälligkeit aber das pure Grauen. Man könnte Fellschnipsel draufkleben, in einer Saison habe ich immer schnell ein Halstuch um die Optik (und damit vor die Mikrofone) gewickelt. In der aktuellen Saison bin ich diesbezüglich leider etwas vergesslich geworden. Resultat: Soundschrott! Ja, es gibt einfache Aufsteckmikrofone. Aber die Kamera (derzeit D750) rollt gelegentlich beim Segelmanöver zwischen Tauen und unseren Füßen auf dem Cockpitboden herum (denn tiefer kann sie dann ja kaum noch fallen) – da stecke ich doch keinen zerbrechlichen Klimbim oben an die Kamera dran.

Übrigens: Gimbal … Ja, theoretisch gute Idee. In der Praxis: Alles viel zu fummelig, empfindlich. Vielleicht eine Option, wenn man fest immer ein Smartphone “übrig” hat, es eingespannt lässt und irgendwo trocken weglegt für bestimmte Momente. Aber auf einem kleinen Boot ist eh schon alles zu viel, was man extra mitnimmt. Zumindest, wenn man – wie wir – für so eine Tour allen Segelkrempel von verschiedenen Booten zusammensammelt und auf ein geliehenes Boot umsortiert.
Also trainiert der einarmige Kapitän besser weiter seinen Kameraarm und die Ausgleichsbewegungen in den Knien.

Es gibt schon länger eine kleine Szene von Nerds, die als Sonderanfertigungen  oder Kleinserien kompakte Mikrofone in der Form von In-Ear-Mikrofonen tragen und witzige Videos drehen, in denen sich ein sehr plastischer, immersiver Surround-Sound der Umgebungklänge erleben lässt. Soundman in Berlin ist einer dieser Pioniere. Sennheiser hat diese Idee 2017/2018 ebenfalls aufgegriffen und in ein Serienprodukt überführt. Superpraktisch: Es kann ohne externes Interface direkt an einem einigermaßen aktuellen iPhone betrieben werden, und es dient auch gleichzeitig als Hörer. Sport- oder Actionszenen stehen dabei aber derzeit wohl nicht an erster Stelle. Unter dem „Ambeo“-Label forciert Sennheiser darüber hinaus aber auch eine ganze Reihe professioneller Produkte rund um die Produktion immersiver Sounderlebnisse, die Kollegen von Sound&Recording stellen sie hier vor.

Meine eigenen Mehrkanalton-Installationen zu Hause habe ich zwar komplett abgebaut und weggepackt – aber könnte diese Hörer/Mikrofon-Kombination für Smartphones eine Lösung sein? Für meinen Immersive-Sound-Grundlagenartikel hatte ich sowieso ein Fotomuster von Sennheisers Ambeo-Hoffnungsträger im Büro, also einmal ab damit nach draußen. Die diversen Schalter und Knöpfe haben mich direkt überfordert, also doch besser mal fünf Minuten damit beschäftigen: Es gibt einige Funktionen, die auch das Wahrnehmen von Umgebungsgeräuschen verbessern, wenn man mit den Stöpseln im Ohr musikhörend herumläuft – was ich nie mache, schon weil ich einfach solche Dinger im Ohr nicht leiden kann. Plus dass ich wenig Bedarf haben, die meist schönen Klänge um mich herum durch Alternativbeschallung zu übertönen.

Sennheiser Ambeo Headset
Sennheiser Ambeo Smart Headset mit Bedieneinheit, zwei Ohrbügeln incl. Hörern und Mikrofonen sowie Smartphone-Stecker Detlef Hoepfner
Die drei ersten Ergebnisse mit dem Sennheiser Ambeo vor dem Törn:

  • Das Sennheiser Ambeo liefert eine sehr schöne Raumabbildung. Da kann man jetzt lange nerdig über die Qualität der Vorne- oder Hinten-Ortung diskutieren – aber hey, das ist ein Consumer-Produkt. Und über die internen Wandler kann man aktiv mithören, man ist während der Aufnahme nicht isoliert. Gut!
  • Das Sennheiser Ambeo ist erst einmal nicht weniger windanfällig. Meine Hoffnung, dass Form, Abstimmung und Position der Mikrofone in den Ohren vielleicht besondere Vorteile bezüglich der Windanfälligkeit böten, hat sich leider nicht bestätigt. Dennoch sind später beim Segeln sehr coole Aufnahmen entstanden.
  • Die Handhabung ist eben wie sie so bei dieser Produktgattung ist (und mich auf die Palme bringt): Erst mal heißt es immer, die Kabel zu enttüddeln und den richtigen Stöpsel ins richtige Ohr zu bekommen. Auf Dauer würde ich mir jedenfalls rot/grüne Markierungen für Back- und Steuerbord-Ohr drankleben. Die Generation, die zusätzlich zur Nabelschnur mit zwei weiteren Strippen zur Welt gekommen ist, agiert da sicher geduldiger.

Gelegenheit zum Praxistest hatte ich sieben Tage lang auf dem Wasser und auf diversen dänischen Inseln – theoretisch. Tatsächlich mit dem Ambeo aufgenommen habe ich … vielleicht eine halbe Stunde in Summe, leider nur. Denn selbst bei einer ganzen Woche auf dem Folkeboot (einem über 70 Jahre alten Schmuckstück von www.klassisch-am-wind.de) ist man so viel mit wunderbaren Aufgaben wie Segelpraxis, Törnplanung, Wetterbeobachtung, Kartenarbeit, Kartoffelschälen oder Löcher-in-die-Luft-gucken beschäftigt, dass der ganze Elektronikkram in den Hintergrund rückt. Und sicheres Ankommen via attraktiver Routen steht bei den Touren ganz im Vordergrund. Alle Aufnahmen, die ich nun in einem Video zusammengeschnitten habe, entstanden daher zu nur zwei Gelegenheiten.

Die größte praktische Einschränkung: Man hat schon eine Segeljacke an – jedenfalls bei unseren fast durchgängig sehr stürmischen Tagen. Darüber eine mehr oder weniger martialische Rettungsweste. Da ist dann vorne manchmal noch ein Lifebelt eingehakt. Das Smartphone (mit zusätzlich laufender Seekarten-App) steckt wasserdicht verpackt in der Hosentasche. Jetzt noch zwei filigrane Kabel sortieren, Mikrofonstöpsel in die Ohren, das iPhone-Case öffnen und Mikrofon und Smartphone verbinden? Bei ruppigem Wetter eine Herausforderung.

Mit Kapuze segeln
Je nach Wetter ist man eher beschäftigt, die nächste Tonne nicht zu verpassen oder von Bord zu fliegen, als jetzt noch Recording-Equipment zu installieren Armin Pech

Und dann noch der Wind. Gegen die Windempfindlichkeit testete ich zuvor einige banale Tricks, wie ein über die Ohren hochgezogenes Halstuch (kein überzeugendes Ergebnis). Unterwegs griff ich dann mehr oder weniger aus Ratlosigkeit dazu, einfach die Kapuze der Regenjacke über die Mikrofone in den Ohren zu ziehen. Dem Audioprofi dreht sich da natürlich der Magen um: Nicht wegen der Schaukelei, sondern ein „Kunstkopfmikrofon am lebenden Subjekt“ mit drübergezogener Kapuze macht jetzt nicht so viel Sinn, oder? Die ganzen Reflexionen rund um die Ohrmuschel werden ja total gestört, erhalten bleiben immerhin die Laufzeitunterschiede zwischen den Ohren. Und für die Hochtonaufnahme ist das auch nicht erste Wahl. Dabei finde ich einen Audioeffekt besonders stark: Im Folkeboot sitzt man sehr tief direkt in der Nähe der Wasseroberfläche. Die vom geklinkerten Rumpf gebrochenen Wellen rauschen direkt neben einem vorbei. Milliarden von winzigen Bläschen zerplatzen und erzeugen einen ganz eigenen Sound. Alles da in der Realität: Bässe, Mitten, feine Höhen.

Ob das aufnahmetechnisch optimal ist, weiß ich noch nicht, aber super bewährt hat sich auch das aktive Mithören während der Aufnahme bei den Sennheisers: An Bord bei etwas Welle herumkletternd bekomme ich eigentlich direkt ein ungutes Gefühl, wenn ich mir die Ohren zustöpsele. In dem Moment merkt man erst, wieviel Orientierungssinn auch über das Gehör läuft. Aktiviert hört man eher so, als wären die Stöpsel nicht im Ohr – sozusagen das Gegenteil des (ebenfalls möglichen) Noise Canceling.

Aufnahme am Süllrand
Detlef Hoepfner

Aufgenommen habe ich mehrere Positionen: Tief über dem Wasser in Lee nach vorne sehen, dann nach hinten übers Heck blickend (und dadurch mehr von der Kapuze geschützt, da der Wind ja bei den meisten Kursen eher vorlich einfällt). Noch geschützter tiefer im Cockpit sitzend, wobei ein zweiter Sound immer stärker dominiert: Wenn der außen nicht glatte, sondern durch die Klinkerbauweise „stufige“ Holzrumpf in die Wellen taucht, produziert er recht fette, tieffrequente Klänge, die ich zuletzt noch im Bootsinneren aufnahm. Dort drinnen ohne Kapuze, wobei hier wenig Hochfrequenzanteile zu vernehmen sind, bis auf das diverse Geklapper von einigem Krempel (wie sicher und trocken man vorher auch alles verstaut haben mag).

Die Ergebnisse sind, nachdem ich noch einen jeweils angepassten Hochpass gegen die verbliebenen Wind-Rumpler angewendet habe, angesichts der Umstände verblüffend gut! Mein persönliche Favorit im Video: Der Blick auf den Kompass im Cockpit, der wenig Wind einfing, daher noch viel Tieftoninhalt behielt und eine Mischung aus donnerndem Holzrumpf, rauschenden Wellen und den diversen Bootsgeräuschen bietet. Auch ein seitlicher Blick in Lee zum Bug bietet mir Hörgenuss: An Backbord rauschen die Wellen von vorne seitlich nach hinten vorbei, an Steuerbord dominiert der Boots-Sound, und zwischendurch klappern Details wie der Schäkel, der am Großbaum irgendwo über/hinter einem für die herunterhängende Dirk angeschlagen ist. Schwierig zu unterscheiden ist manchmal, woher einige der „Crackles“ in den Aufnahmen stammen: Es kann sich um kleine Klappereien am Boot handeln, Wasserspritzer, das Schaben der Regenjacke am Mikrofon – oder kommen sich da Mikrofon und Haare in die Quere? Also direkt mal zum Friseur, Ohren freischneiden.

Verlockend ist die Perspektive, die ganzen Fehler und Audiostörungen eines Videoclips in der Nachbearbeitung mit ein, zwei Tricks schnell zu korrigieren. Das ist im Fall der Windgeräusche eine Illusion.

So lange es sich um sehr tieffrequente  Störungen handelt, kann man diese – wie bei den Ambeo-Aufnahmen unter der Kapuze praktiziert – mit einem Hochpass dämpfen. Die Windrumpler verschwinden weitgehend, damit aber auch der “Rumms”, wenn die Welle den Bug trifft. Da kann man noch ein wenig pfuschen (wie im Intro meines Videos), indem man eine saubere Aufnahme im LF druntermischt. Zur Verdeutlichung ein Beispiel, aufgenommen m Hafen: Das wiederholte Muster aus senkrechten orangen Linien sind die schlagenden Fallen rundum, auf dem rechten Ohr (unten) besonders am Anfang Windstöße, und durchgängig “Winddruck” im LF-/Tieftonbereich.

Windspektrum
Sehr kräftige LF-Störung auf beiden Ohren, aufgenommen bei wenig Wind am Ufer Detlef Hoepfner

Hochpassfilter
Hochpassfilter 200 Hz – das nimmt neben dem tiefen Rumpeln schon Grundton weg Detlef Hoepfner

mit Hochpass
Ergebnis mit HPF – das Schlagen der Fallen im Hafen ist weiter zu hören (orange Striche in Fenstermitte), der ganze tiefe Windanteil ist gedämpft Detlef Hoepfner
Besonders problematisch ist aber, wenn die Windstörungen im Frequenzspektrum sehr breit ausfallen. Und das ist meistens der Fall. Noch schlimmer: Es handelt sich nicht um einzelne, kleine Audioevents, sondern die Störung dauert mehrere Sekunden an. Meine Videoaufnahme in Luv stehen und zum Bug blickend zeigt, dass dann die Hilfe via Hochpassfilter schnell zu Frust führt: Die Aufnahme wird dann ziemlich “dünn”, weil man das Filter bis in den Mitteltonbereich hochschieben muss.

Windstoß
Der kräftige Windstoß anfangs auf dem rechten Ohr reicht im Spektrum bis über 1 kHz hinauf – per Hochpassfilterung würde hier schon viel von der Aufnahme verloren gehen Detlef Hoepfner
Aber können hier nicht moderne Features wie das De-Wind-Plugin von iZotope RX6 rettend eingreifen? Nach meiner Erfahrung: Schwierig. Die Tools sind dazu entwickelt, aus einer nicht idealen Aufnahme ein konkretes Nutzsignal – wie einen Dialog – sauber herauszuisolieren. Wir haben aber breitbandiges Meeresrauschen, lange brechende Wellen, Windheulen im Rigg – wie soll da ein Algorithmus unterscheiden, welches Rauschen gewollt und welches böse Windstörungen in der Mikrofonkapsel sind? Wie auch immer ich die Parameter gedreht habe: entweder es blieb die Windstörung, oder es gab viel Artefakte, oder beides.

Windstörungs/Wellen-Mix
Windstörungs/Wellen-Mix von Bord – das zu trennen, würde ewig dauern Detlef Hoepfner
Was dagegen möglich ist, ist das partielle Entfernen kurzer Störungen Schnipsel für Schnipsel, eventuell getrennt für L und R. Auch die Rettung via Spektral-Repair kann da erfolgreich sein. Aber wenn man sich oben einmal dieses Spektrum von Bord ansieht, aufgenommen mit einem durchschnittlichen Smartphone: Völlig übertrieben, hier jetzt nächtelang die einzelnen Windstörungen im Mikrofon (grün, hundertfach sich wiederholend) vom Wellenrauschen (blau) trennen zu wollen. Vermutlich bekäme man eher das gewünschte Nutzsignal – Wellen- und Wasserrauschen – weggerechnet …

Langer Rede kurzer Sinn: Mit den In-Ear-Mikrofonen bekommt man tolle Sounds hin, aber was auch immer man benutzt: es geht kein Weg an einem Windschutz vorbei. Und sei es eine schnell übers Mikrofon oder Smartphone gezogene Socke.

Nach einiger Grübelei entwickelte ich eine weitere Idee für die smarten In-Ear-Mikrofone: Man müsste doch eine Art Kopfhörer bauen, nur als Windschutz … das Material dafür ist auf dem Weg zu mir für eine simple und eine etwas aufwändigere Idee mit mehr (gut!) oder etwas weniger Abstand zum Mikrofon.

Um dann festzustellen, dass Rycote sowas bereits für die Soundman-Mikrofone baut und über die gängigen Musiker-Onlineshops anbietet. [Emoticon: flache Hand vor die Stirn schlagend …] Kann dann ja wohl nicht so abwegig sein; mehr dazu hier als Nachtrag nach erfolgter Bastel- und Erprobungsrunde!


Disclaimer: Boot gechartert bei Mike Peuker, zusätzliche Aufnahmen und Tests bei www.segeln.ruhr, kreative Diskussionen mit den Jungs von www.soundandrecording.de und www.kameramann.de in den Nebenbüros, Sennheiser Ambeo für ein anderes Thema geliehen bei Sennheiser.

Und an alle SEO-Freaks, die jetzt mit Blick auf das Material hier jammern “Das macht doch so alles keinen Sinn!”: Segeln macht auch gar keinen Sinn!

Folkeboottreffen Arnis 2018

FolkebootDetlef Hoepfner

Muss man sich um jemanden, der mit seinem Boot spricht, ernsthaft Sorgen machen? Mit dieser Facebook-Diskussion im Kopf (und das auch noch ohne eigenes Boot) beim Folkeboottreffen Ende Mai 2018 in Arnis angekommen , ging es nach kurzer Einweisung durch die Organisatoren Mike Peuker und Nicolas Thon sowie einer Seekarten-Skizze auf einer sicherlich vom BSH zertifizierten Pappe raus aus dem Hafen der WSG Arnis in Richtung Arniser Breite. An Bootsgespräche war bei mir schon deshalb nicht zu denken, weil gleichzeitig Außenborder des von mir gemieteten Begleitkahns, Fotokamera für ein paar Bilder plus (als Ortsunkundiger) ein gelegentlicher Blick auf die Karte synchronisiert werden wollten. Auf einem – bevorzugt aus Holz gefertigten– Folkeboot zu sitzen ist sicher das anzustrebende Optimum, aber auch so war es ein tolles Erlebnis, sich zwischen den heranrauschenden Folkebooten – einige davon geführt von Vätern samt ihres sehr jungen Nachwuchses – zu positionieren.

Beim abendlichen Ausklang traf man sich dann an Land wieder und ich habe genossen, mit vielen sehr netten Seglerinnen und Seglern sprechen zu können: Einer begeisterten „Mitseglerin“, die den Charme eines Folkebootes den üppigeren Wohnangeboten mancher “schwimmender Caravans” vorzieht, dem Kameratechniker aus Hamburg, dem jungen Segler, der 2017 spektakulär unterwegs den Kiel verlor und – noch immer staunend – von der hilfsbereiten dänisch-deutschen Rettungsaktion berichtete, dem Segler vom mir benachbarten Baldeneysee, der uns vorzüglich begrillte oder einem Folkeboot-Besitzer, der einhand angesegelt kam – und bei dem sich herausstellte, dass auch er fast direkter Nachbar von mir zu Hause ist.

Erst auf dem Weg zurück nach Hause, dachte ich dann weiter über den direkten Dialog mit den Booten nach – mancher findet es ja fast eher besorgniserregend, wenn man nicht mit ihnen redet:

Sagen wir mal so– ich gebe zu, man könnte dem Thema hier zumindest auch das Tag „Soul” vergeben!

Segelfoto „making of“ – Fotografieren an Bord

Herbst-AbenteuersegelnDetlef Hoepfner

Spielt sich das wahre Erleben vor oder hinter der Kamera ab – ich bin mir da nicht immer sicher: Was nicht den Weg durch meine Kameralinse fand, empfinde ich als gar nicht richtig erlebt – oder verankerte sich das Abenteuer tiefer, wenn ich mal die Knipse weglegen würde?

In unserer Jugendabteilung des SVWK (www.segeln.ruhr) wird daher jedenfalls viel fotografiert, und spätestens zum Jahresende stürzen sich auch alle Kinder begeistert auf die gemeinsam erarbeiteten Fotoergebnisse. Eins der Fotos hat es in die 2018-Endauscheidung des Verbandes SVNRW geschafft, und damit in die Segler Zeitung und auf die Messe boot.

Story zum Wettbewerb in der Segler Zeitung Detlef Hoepfner

Präsentation der Nominierungen auf der boot 2018 Detlef Hoepfner

Die Kinder sind stolz wie Bolle! Und auf Facebook & Co gab es dazu eine Menge Traffic.

Daher hier mein „Segelfoto making of“! Übrigens gibt es zu dem Thema nun bei Amazon auch ein e-book von Stephan Boden „Mit der Kamera an Bord – Einfache Tipps für gute Fotos“.

Herbst-Abenteuersegeln
Abenteuersegeln in der Dämmerung: wo man selbst noch gut sieht, ist für die Kamera längst Schicht – Nikon D750, 30 mm, 1/125 s, f 4,5 und ISO 12.800 Detlef Hoepfner

1. How to: So ein Bild braucht 1/25 Sekunde. Plus ein paar Jahre.

„Ist Fotografie Kunst?“ fragte man sich in deren Anfangszeit. Wenn wir uns darauf einigen, dass Kunst nicht nur von „Können“ (s. u.), sondern auch von „Künden“ abgeleitet werden kann, bedeutet dies: Um etwas erzählen zu können, muss man es erst erlebt haben. Ein Bild wie unser Beitrag zum SVNRW Fotowettbewerb (und sicher viele der anderen Motive ebenso) wird daher nur möglich, wenn man selbst ins Thema eintaucht. Wenn man mitsegelt, mitstaunt, mitfriert.  Dass man sich wie alle anderen die Finger klemmt, nasse Füße holt, gemeinsam die Hände am Teebecher wärmt – das wunderbare Erleben ganz besonderer Momente teilt. Dazu eine gemeinsame Beziehung baut und lebt, und nicht als knipsend-polternder Fremdkörper im Wege steht. Nach ein paar Jahren – schon hat man den Dreh raus. Daher gilt auch: Die Fotos (hier größtenteils aussortiert, weil unsere Kinderfotos nix im WWW zu suchen haben) dienen nicht dem Fotografen-Ego, sie sind lediglich ein „Nebenprodukt“ unseres Segelvergnügens, und verlängern dieses ein wenig in die Zeit, während der wir an Land verbannt sind.

Segeln dürfen wir auf dem Kemnader See nur bis Mitte November. Aber warum im November noch aufs Wasser? Im Winter dürfen wir nicht, im Sommer dagegen wächst uns der See zu. Bleiben die Zeitfester dazwischen. Seitdem wir endlich die Sicherheit auf dem Wasser vernünftig gewährleisten können, dehnen wir also die Segelzeit aus, so weit es geht. Natürlich bei vertretbaren Sichtverhältnissen spätnachmittags, die Fotos sehen viel dunkler aus, als die Umgebung für das menschliche Auge tatsächlich ist. Überreden muss man dazu niemanden: Schlechtes Wetter finden die Kinder, wenn kein Wind ist. Nach einem ersten Versuch vor ein paar Jahren, bei dem dann tatsächlich hinterher im Taschenlampenlicht der letzte Kram in die Schapps verpackt wurde, erlebten wir im Folgejahr eine Überraschung: Kaum begann die dämmrige Segelzeit, standen die Kinder unaufgefordert mit der Stirnlampe auf der Mütze und warm angezogen am Steg parat. An die Affenschaukel kam noch eine LED-Campingleuchte, und auch auf dem Optisteg (na gut, er ist eigentlich eh beleuchtet) wurde eine Lampe postiert – „damit wir zurück in den Hafen finden“. Wer einigermaßen gut am Sicherungsboot auf dem See anlegt, verdient sich ein paar Kekse, eine Tasse warmen Tees gibt es sowieso über die Bordwand gereicht. Was ganz neue Herausforderungen in den Optis schafft: „Moment, ich muss erst den Tee aus dem Boot lenzen, hier schwimmt gerade alles …“

Herbst-Abenteuersegeln
Außenborder aufstoppen, dennoch Kurs halten, dann schnell wieder aus dem Weg Nikon D750, 120 mm, 1/125 s, F 4,5 und ISO 8000 Detlef Hoepfner

2.  Welche Kamera gewinnt auf dem Wasser?

Beim Scrollen durch meine Bibliothek kann ich oft nicht mehr spontan sagen: Smartphone oder Spiegelreflex? Aber bestimmte Fotos lassen sich nur mit der einen oder anderen Kamera (einigermaßen gut) erzielen. Und die absolute Bildqualität macht ebenfalls einen Unterschied: Bedingt durch meine etwas unorthodoxe Lesestrategie des Magazins „Yacht“ (und bedingt durch deren für mich viel zu hohe Schlagzahl) kann es vorkommen, dass ich nacheinander eine Ausgabe von 2014 oder älter und dann eine aktuelle 2018er durchblättere und genieße. Der Unterschied in der Bildqualität, bedingt durch den technischen Kamerafortschritt, ist gewaltig!

Das Smartphone ist jedenfalls immer dabei, bei mir meist in einer wasserfesten Hülle. Dadurch ermöglicht es ganz oft Bilder, die sonst nicht möglich wären. Denn am wichtigsten ist Tipp Nr. 1 – mit ganzem Einsatz regelmäßig dabei sein.

Jahrelang war als Spiegelreflex eine robuste Nikon D300 mein Begleiter, zusätzlich gummiarmiert. Ersetzt wurde sie 2017 durch eine Nikon D750. Mit einem einzigen Objektiv (24-120mm), denn wer will auf dem Wasser auch noch Objektive wechseln? Die 24 mm sind machmal noch fast zu viel (nicht „weit“ genug), wenn Kinder und Boote auf Armlänge bei mir anlegen. Die 120mm helfen, wenn sie mit einer frischen Brise davonzischen. Diese Brennweitenwahl ist mit dem Smartphone nicht möglich, auch nicht die Qualität bei den wechselnden Lichtverhältnissen. Erst recht nicht, wenn die Sonne direkt auf die Schutzscheibe der Smartphone-Hülle brennt.

Eine vernünftige Armierung für die D750 habe ich noch nicht gefunden, stattdessen liegt ein knallgelbes Peli-Case im Boot: Ganz ohne Innenausstattung: Case-Schloss auf, fotografieren, Kamera wieder reinwerfen, Deckel mit dem Fuß zutreten. Bisher ist es gut gegangen, und den gelben Kasten hat man auch immer gut im Augenwinkel. Das Objektiv schützt zudem ein UV-Filter gegen Beschädigungen, der Deckel hingegen führt ein reiselustiges Eigenleben und wird mir von verschiedenen Orten immer wieder zurückgebracht: „Der ist doch sicher von dir …?“ Den Kameragurt habe ich an die D750 erst gar nicht dranmontiert, der verheddert sich eh nur überall an Bord oder verklemmt beim Schließen unterm Case-Deckel.

Herbst-Abenteuersegeln
Das eigene Sicherungsboot dreht, der Segler ebenfalls – längere Belichtungszeiten funktionieren nicht Nikon D750, f 120 mm, 1/160 s, f 4,5 und ISO 12.800 Detlef Hoepfner

2. Mit der Kamera vertraut machen

Auch die D750 wandert hier oft durch Kinderhände. Hat man sich als Besitzer an den leicht erhöhten Adrenalinpegel gewöhnt, entstehen oft ganz unverhoffte Motive: Einige der schönsten Bilder stammen nicht von mir, sondern den Kindern aus ihrer eigenen Perspektive. Was aber eine Hürde ist: Sie sind vom Smartphone gewohnt, dass die Kamera alles alleine macht. Überhaupt durch den Sucher zu sehen (wodurch man auf dem Wasser optimale Kontrolle hat, statt auf dem Screen nur den Himmels zu spiegeln) ist für sie eine Herausforderung. Zumal  eine Vollformat-DSLR ein völlig anderes (anspruchsvolleres) Schärfeverhalten hat: Leicht vorbei ist hier dann voll daneben. Hier hilft nur: Fotografieren, fotografieren, fotografieren, bis man die Bedienung wie im Schlaf beherrscht. Und am wichtigsten ist Tipp Nr. 1.

Kemnader See
Ausrechend Licht vorausgesetzt, klappt auch ein Smartphone – iPhone 6s, 1/390 s, f 2,2 bei ISO 25 und -1 EV Detlef Hoepfner

3. Einstellungen: Segelfoto-Parameter

Am einfachsten wäre ja ein Nikon-Segelfoto-Gewinner-Preset. Reindrehen, fertig. Aber ich benutze nicht einmal die Standards, von den Spezialprogrammen ganz abgesehen. Denn soll ich jetzt ernsthaft auswendig lernen, welches Programm in welcher Situation was macht? Für mich gehören die in solchen Kameras aus der Firmware gelöscht, den Speicher kann man sicher anders besser nutzen. Wenn ich schnell ein cooles Instagram-Foto möchte, nehme ich eh das Smartphone und bin in drei Klicks fertig.

Die D750 läuft bei mir nur noch im manuellen Modus, Ausnahme ISO: Ich wähle Blende/Zeit, ISO passt sich dann an. Anpassung dann ggf. durch die Belichtungskorrektur. Dadurch bin ich sicher, dass die Zeiten zum Motiv passen, und die Blende den gewünschten Bildeffekt gibt. Tendenziell geht es immer in Richtung kürzerer Zeiten, ich bin da oft zu „langsam“ und unterschätze noch immer, wie sehr man sich selbst und das Motiv bewegt, Stabilisation im Objektiv hin oder her. Wenn es arg hektisch ist, macht auch eine mehr als 5,6 geschlossene Blende Sinn, um etwas mehr Headroom in der Schärfe zu haben. Das, nebenbei, macht für mich ein wenig die Vorteile eines Vollformatsensors zunichte, der bedingt durch die Geometrie von Sensor/Objektiv zu einer deutlich verringerten Schärfezone führt. Wenn man etwas Ruhe hat, öffnet dieses Schärfeverhalten zwar tolle Möglichkeiten der optischen Isolation von Motiven, aber probier das mal bei Lage auf der Jolle, womöglich noch mit einer Hand an der Pinne … Kurze Zeiten plus geschlossene Blenden führen dann leider oft zu höheren ISOs, als mir lieb ist.

November-Segeln
Lieber extremer ISO als gar kein Bild – Nikon D750, 1/60 s, 30 mm, f 4,0 bei ISO 20.000 und – 1/3 EV Detlef Hoepfner

4. Fokus auf dem Wasser

In mindestens den ersten 15 Jahren meines Fotografierens musste ich ohne Autofokus auskommen, was jetzt auch nicht immer so ganz ideal war. In den letzten 25 Jahren versuche ich nun, den Autofokus zu bändigen, mit ebenfalls gemischten Ergebnissen. Continuous ist meist eine gute Wahl, aber die Herausforderung lautet: Wie bekomme ich das Messfeld schnell und perfekt aufs Motiv. Da man ja beschäftigt ist, wäre ein automatisches Tracking hilfreich, aber eigentlich sind die Situationen dafür immer zu chaotisch. Am Besten fahre ich mit einem einzelnen Messfeld. Entweder per Daumen immer schnell hin und her geschoben, oder einmal „gelockt” und dann hoffend, dass es automatisch mitgezogen wird. Größter Nachteil an der D750 (wie auch der D300 und ganz vielen anderen Kameras): Die Messfelder lassen sich einfach nicht weit genug aus der Bildmitte seitlich verschieben. Das führt oft zu total unglücklichen Bildausschnitten (im Extremfall Anfängerfehler: Kopf genau in der Bildmitte, Beine und Füße abgeschnitten). Gelegentlich funktioniert auch eine vollautomatische Messfeldauswahl (besonders, wenn die Kamera in ungeübte Hände geht), aber zu oft springt der Fokus dann auf Objekte, die man zwecks Bildgestaltung im Frame haben, aber nicht scharf sehen will. Und wenn es nur ein Bändsel ist, das plötzlich in den Bildausschnitt flattert.

Man muss jetzt nicht zum totalen Pixel-Pedanten werden, aber: Ein perfekter Fokus lässt ein Foto richtig rocken.

Fokus-Feld
Das ging wohl daneben mit dem Messfeld mit AF-C und 3D-Tracking … aber mit 5,96 m passte der Fokus dennoch so ungefähr Detlef Hoepfner

5. Motivgestaltung beim Segeln

Bin ich ein paar Tage mit einem kleineren Boot unterwegs, dann geht mir irgendwann – spätestens beim Durchsehen der Fotos – die eingeschränkte Sicht nach vorne auf den Keks. Auch wenn wir uns jetzt alle auf die Idee stürzen, sich für erweiterte Bildperspektiven ein wenig per Drohne von Bord zu entfernen: Dauernd glotzt man nach vorne nur auf den Niedergang! Plus die typischen Fußbilder. Schaut man dagegen in Richtung Horizont, besteht das Bild aus Wasser, Wasser – und weit hinten ist irgendwas. Da hilft ein wenig Geselligkeit (siehe wieder Tipp 1!), mit mehreren Booten bekommt man etwas mehr Tiefe ins Bild, und vor allem der einfache, alte Vordergrund/Hintergrund-Trick: Ein markantes Bootsdetail im Vordergrund, daneben das eigentlich Motiv weiter weg auf dem Wasser – schon bekommt man eine viel plastischere Räumlichkeit. Besonders gut mit einer Spiegelreflex, aber dran denken: Sichtbar auf der Datei ist der Eindruck, wenn man testweise die Abblendtaste drückt, der Sucher zeigt ja immer den Eindruck „Blende ganz offen“. Steht die Blende auf 16 oder mehr, tendiert das Bild wieder in Richtung “Smartphone-Look“.

Ærœ
Bei Schräglage und Seegang muss man Objekte im Sucher überhaupt erst mal sortiert bekommen, ohne dass einem die Winsch bei der nächsten Welle ins Objektiv (oder die Zähne) haut) – Nikon D750, 1/320 s, 120 mm, f 4,0 bei ISO 100 Detlef Hoepfner

Sortieren, bearbeiten, wegwerfen!

„Deine Bilder waren wieder die besten“ – dem kann ich oft nur entgegnen: „Ehrlich gesagt habe ich einfach nur die vielen schlechten Dateien alle weggeworfen und euch lediglich die zehn schönsten Motive gezeigt.“ Dazu muss man aber eine Sortier-Strategie einführen – und dann am besten lebenslang durchhalten. Und sich einer Software bedienen, die ein Sichten und Sortieren unterstützt. Wer einzeln Bilder speichert, in Ordner legt, bearbeitet, die Versionen plus Variante _neu sowie _neu_neu_neu wieder woanders ablegt, hat in kürzester Zeit Chaos.

Fast jedes Bild profitiert von ein wenig Post-Processing: Den Horizont ein wenig richten, den Bildausschnitt optimieren – in drei Handgriffen  macht fast jedes Bild einen Sprung nach vorne und kommt mehr auf den Punkt. Farbtemperatur und Helligkeit sind besonders gut zu korrigieren, wenn man in einem Raw-Format fotografiert, das machen mittlerweile sogar viele Smartphone-Apps. Ein JPG kann nicht vernünftig korrigiert werden, Punkt, isso! Ein perfekt fotografiertes JPG ergibt zwar ein perfektes Bild – aber das setzt voraus, dass man alle Parameter vorm Auslösen perfekt gesetzt hat. Ich kann das nicht. Alternativlos ist realistisch betrachtet auch eine nondestruktive Bearbeitung, wie bei Lightroom oder iPhoto & Co: Die Kameradatei wird importiert und abgespeichert, aber nicht verändert, sondern nur mit den Bearbeitungsparametern überlagert. Im Ausschnitt vertan? Kein Problem, ist jederzeit rückgängig zu machen. Wenn man dagegen jedes Bild einzeln in Photoshop öffnet, ändert speichert, das nächste Bild …

Entweder ist man dann Fine-Arts-Künstler und verkauft die Motive ab 1000 Euro aufwärts, oder man hat mehr Spaß an Photoshop als am Fotografieren und den Bildern.

Aber eigentlich wollen wir ja – segeln!

Bilddatenbank
Material von der wöchentlichen Segelrunde – da ist zügiges Sortieren angesagt Detlef Hoepfner

Folkeboot-Tipps für Einsteiger

Folkeboot-BugDetlef Hoepfner

Allein durch seine lange Geschichte – das Folkeboot feierte 2017 sein 75jähriges – bildete sich eine Menge an Know-how und Fangemeinden rund um dieses klassische Segelboot.

Was aber, wenn man als Spaßsegler von anderen Bootstypen für eine (Charter-)Tour auf das Folke umsteigt? Hier habe ich die wichtigsten Tipps zusammengetragen, die in einer leicht angepassten Version auch von www.klassisch-am-wind.de übernommen wurden.